Niemahls dich der Himmel straft,
Bist du selbst, dich zu casteyen,
Fromme Seele! — lasterhaft.
Während dieser Hymnus gesungen wurde, stand Diego rückwärts mit verhaltenem Munde, um das Lachen zu verbeißen. Die beyden Damen bedurften keines Dolmetschers, um das Loblied Strophe für Strophe auf Louisen auszudeuten. Louise warf ihm einen Blick voll Verachtung zu, und sagte: „In der That, Don Diego, Sie sind ganz dazu gemacht, eine Gesellschaft in eine andere Stimmung zu bringen; Sie haben den Tonkünstler wohl immer im Solde? Verfertigen wohl gar die Poesie?“ „Wahrhaftig,“ sagte Theodora, indem sie nach der Uhr sah, „schon so spät! das hätt’ ich nimmermehr gedacht. Ich dank’ Ihnen, Don Diego, daß sie uns einen so langen Besuch haben schenken wollen; unterdessen, dieser Herr hat mit mir Sachen von Wichtigkeit abzuthun; und da ich nicht verlangen kann, daß er sich so lange hier aufhalte, werden Sie es nicht unartig nennen, wenn ich Sie bitte, uns morgen dafür einen allenfalls noch längern Besuch zu schenken.“ Der hämische Diego war mit dem Unwillen, den er an ihrer Stirn las, vollkommen zufrieden, und ging fort, zum Glück’, ohne nach Felicianen zu fragen, und die ehrliche Theodore wieder zu einer Nothlüge zu zwingen. Horazio blieb nun allein bey ihnen, und Theodora sagte: „Dieser abgeschmackte Ritter hat sich in dieses Haus eigentlich eingedrungen, und mich hat wirklich nur die gute Nachricht von Blanca bey Laune erhalten, sonst würd’ ich ihn mit seiner einfältigen Musik in die Schenke gewiesen haben.“ Sie fügte hinzu, daß sie ihrer Nichte einen kleinen Zettel schreiben wolle, und Horazio sich unterdessen mit ihrer Tochter unterhalten möchte. Sie ließ sie denn allein, und schrieb geschwinde zwey Zettel. Den einen gab sie dem Escudero, und schärfte ihm ein, geschwinde zu laufen, damit ihn Feliciane noch erhielte, bevor Horazio nach Hause käme. Mogropejo lief auch an der Stelle ab, und Theodora kam, den andern Zettel in der Hand, in das Gemach zurück. „Bester Horazio,“ sagte sie, „übermorgen werd’ ich meiner Schwester Wagen hohlen lassen, und werde dann meine Nichte bey Ihnen abhohlen; bis dahin muß ich Sie bitten, sie bey sich zu behalten. Daß ich es nicht länger gestatten kann, sehen Sie selbst ein; Sie sind unverheirathet, und mir liegt Ihre Ehre und Ihr Ruf so nah’ am Herzen, als der Ruf meiner Nichte.“ Horazio konnte nichts entgegen sagen; er fühlte aber schon ganz die Bitterkeit der bevor stehenden Trennung. Er nahm von Louisen den wärmsten Abschied, und eilte nach Hause.
Feliciane hatte den Zettel ihrer Mutter, der einen ausführlichen Unterricht enthielt, schon erhalten; sie empfing ihn mit anscheinender dringenden Ungeduld, und fragt’ ihn, wie es ihm mit ihrer Base gegangen sey. „Gut und nicht gut,“ antwortete Horazio; „gut, weil ich eine Frau, wie Ihre Tante, kennen gelernt habe; und nicht gut, weil alles, was der Escudero gesagt hat, grundfalsch war, und sie Ihre Flucht schon wußte. Ich fand sie so innigst bestürzt, und so voll Sehnsucht nach Ihnen, daß ich sie nicht länger hätte ungetröstet lassen können. Ich sagte ihr denn, daß Sie sich in meiner Wohnung befänden, worüber sie in ein lautes Frohlocken ausbrach, und an der Stelle den Entschluß faßte, Sie übermorgen bey mir abzuhohlen.“ Feliciane sank ohnmächtig auf den Stuhl; die Duenna und Horazio sprangen ihr zu Hülfe. „Was ist Ihnen, Blanca?“ schrie Horazio. „So gibt’s denn nichts, als Unglück!“ schrie die Duenna. „O ich seh’ es nur zu spät ein, daß ich der Tante nichts hätte merken lassen sollen.“ „Sie haben der Tante also wirklich entdeckt, daß das Fräulein hier ist?“ sagte die Duenna. Horazio bejaht’ es, und Banuelos fuhr fort: „Gott im Himmel, was haben Sie gethan? Was für ein böser Geist hat Sie dazu angetrieben? Was haben wir nun zu erwarten? Die Tante ist noch weit unbarmherziger, als des Fräuleins Mutter. Wer hat Sie denn zu ihr geschickt?“ „Donna Blanca selbst;“ antwortete Horazio; „auf ihr Geheiß bin ich hingegangen.“ Unterdessen erhohlte sich Feliciane aus ihrer Ohnmacht, und sagte: „Bester Horazio! wenn Sie meine Beherbergung in Verlegenheit setzte, hätten Sie mir es nur erinnern dürfen, und ich hätte mich zu einer meiner Freundinnen begeben. Nur meine Tante weiß, daß ich mich hier aufhalte; ich bin verloren; und ich fürchte nicht sie allein, sondern auch meine Onkel, denen sie auch ohne Zweifel an der Stelle davon Nachricht geben wird. Nun wird man mich erst zwingen wollen, und ich bin zu edel geboren, als daß ich meinem Herzen den geringsten Zwang anthun lassen sollte.“ So schrien sie und die Duenna unablässig fort, daß Horazio ganz verwirrt war, und das Zimmer auf- und ablief, ohne sich im geringsten Rath schaffen zu können. Daß Feliciane aus seinem Hause kommen sollte, war ihm ein unerträglicher Gedanke, und beschäftigte ihn mehr, als was Mutter und Tante mit dem armen Mädchen vorhaben dürften. Er gerieth auf dieß und das; ein Anschlag verdrängte den andern, und sein Entschluß, der am Ende heraus kam, war, daß er der ganzen Welt Trotz biethen, und bis zum letzten Blutstropfen hindern wolle, daß man sie ihm entreiße. Um nun diesem Unglücke vorzubeugen, schlug er ein anderes Mittel vor. Er sagte ihr nähmlich, daß der Garten seines Hauses mit dem Garten des nächsten daran zusammen stoße; daß dieser Garten nun leer stehe, und er ihn für sich gemiethet habe; daß in der Spalierwand, die beyde Gärten von einander trenne, eine kleine Thür wäre, die man nicht bemerke, und durch die sie sich retten könne, wenn man sie abzuhohlen käme. Da er allein der Tante die Nachricht gebracht habe, wolle er sie nun standhaft läugnen.
Feliciane nahm den Vorschlag an, und sammelte nun bald ihre Kräfte wieder. Sie gingen auch gleich alle in den Garten, versuchten die Thür, und versprachen sich den besten Erfolg. Die Tante beliebte sich den folgenden Tag noch nicht einzufinden, sondern ließ nur melden, daß sie sich übel befinde; und nun schöpfte Horazio wieder neuen Muth. Denselben Tag nach dem Abendessen seufzete Feliciane tief, und sagte: „Wahrhaftig, bester Horazio! ich komme mir in dem Verhältnisse gegen meine Mutter so abscheulich vor, und kann es doch nicht aufheben, ohne mich auf immer unglücklich zu machen. Wenn ich mir meine Lage da so lebhaft vorstelle, so möcht’ ich weit über die Grenzen Spaniens hinaus fliehen, und hoffe nur weit von hier Ruhe zu finden.“ Nun sah Horazio den Himmel offen. „Ist’s möglich?“ sagte er; „sollten Sie wohl diesem Vorsatze treu bleiben? Ich will ihn ausführen; ich will Sie auf die anständigste Art nach Mailand bringen; nicht unter dem Titel der Gamahlinn: denn leider hab’ ich, bevor ich Sie kennen lernte, meine Hand schriftlich einer Dame zugesagt, und ihr meine Erklärung auch schon geschickt. Ich will Sie aber unter dem Nahmen einer Verwandten hinführen, will Sie wie meine Schwester lieben; und wenn diese Dame bey der Schilderung der Leidenschaft, die ich für Donna Blanca empfinde, bewegen läßt, meinem Herzen freye Wahl zu lassen, und mir meine Erklärung zurück zu geben, so ist niemand meiner ewigen Liebe so würdig, als Sie.“
Feliciane hatte nichts sehnlicher erwartet, als eine Erklärung aus seinem Munde. Sie sprang auf, und sagte, indem sich ihr ganzes Wesen aufzuheitern schien: „Horazio, ich will alle Ziererey des Frauenzimmers abwerfen. Sie haben alles, folglich auch das Größte um mich verdient. Ich gesteh’ Ihnen denn, daß es mir unmöglich ist, ohne Sie jemahls wahrhaft glücklich zu seyn. Ich muß bey Ihnen bleiben; und kann ich Sie nicht als Gattinn lieben, so will ich Ihre Schwester seyn. Machen Sie Anstalt zur Reise, so bald Sie wollen. Ich gehe mit; hier ist meine Hand.“ Horazio war trunken vor Entzücken; er wagte es, sie zu umarmen, und sie küßte ihn so feurig, als er sie. „Vielleicht,“ schrie er, „ist der Courier, dem ich die Schrift mitgegeben habe, noch nicht fort; vielleicht kann ich sie zurück nehmen; o dann wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden! Erlauben Sie nun, daß ich hineile, und nicht einen Augenblick verliere.“ Sie umarmten sich noch ein Mahl feurig; er eilte fort, und kam mit der glücklichen Nachricht zurück, daß die Schrift noch nicht abgelaufen sey; daß er binnen drey Tagen alle seine Geschäfte abgethan habe, und daß sie dann ungehemmt auf den Flügeln der Liebe nach seinem Vaterlande eilen könnten. Sie gingen freudig zu Bett; aber Horazio konnte kein Auge zuthun. Den nächsten Morgen ließ er für sich und Felicianen zwey Reisekleider nach italienischer Tracht machen; alles war zur Abreise bereitet, und den folgenden Tag des Abends sollten sie abfahren.
Mit einem Mahle hielt Theodorens Kutsche an der Hausthür. Sie trat ein, und erkundigte sich nach Felicianen: Horazio sagte ihr aber, daß ihre Nichte des Morgens zur Beicht gefahren wäre, und daß sie selbe vermuthlich noch in der Kirche treffen würde. Theodora stellte sich treulich an, als ob sie es glaube; indessen war Horazio doch übel zu Muthe, daß er sie auf keine klügere Art abgefertigt habe, da sie diese nicht auf lange Zeit entfernen könnte. Er eilte daher zu Felicianen, und sagte ihr, was vorgegangen sey. Feliciane war damit ganz zufrieden, und nun ging es wieder hastig über die Anstalten zur Abreise her. Besonders sorgte Feliciane, daß so viele Kleider, als möglich, eingepackt wurden. Um die Stunde des Abendgebeths hielt Theodore schon wieder mit dem Wagen vor der Thür; sie erfuhr von einem Bedienten, daß Horazio zu Hause wäre, und ließ ihn rufen. Er war sehr ungehalten, daß sie ihn nicht verläugnet hatten, und daß er sich nun wieder mit einer List behelfen sollte, was, wie wir nun gesehen haben, überhaupt eben nicht seine Sache war. Er meldete Felicianen mit sichtbarer Ängstlichkeit, daß Theodora schon im Vorhofe stehe, lief dann zu ihr hinunter, und sie fragte ihn rasch, wo ihrer Nichte Zimmer wäre. Er sagte ihr, daß es ihm leid thue, sie noch ein Mahl vergebens bemühet zu haben, sie sey aber wirklich heute Morgens schon, was er nicht gewußt habe, zu einer Freundinn gefahren, von der sie noch nicht zurück gekommen sey. „Vortrefflich, vortrefflich!“ sagte Theodore mit verbissener Wuth; „genug, daß ich weiß, daß sie hier im Hause ist! Ich will sie durchaus sehen, und mit mir nehmen. Solche zügellose Mädchen, wie mein artiges Nichtchen, haben keinen eignen Willen. Nicht genug, daß sie, wie ein Ausreißer, davon läuft, und wie ein Landstreicher im nächsten besten Haus übernachtet, ohne zu denken, was ihre Ehre dabey leidet; nun fährt sie auch noch sorglos spazieren, und spielt die Hausfrau, als ob man sie aller mütterlichen Gewalt entlassen hätte.“ Horazio bestand darauf, daß das Fräulein wirklich nicht in seinem Hause sey; und Feliciane eilte mit der Duenna in demselben Augenblicke durch den Garten in das andere Haus. Ein Bedienter gab Horazio ein Zeichen, daß die Auswanderung glücklich überstanden sey, und Horazio bath Theodoren nun, nicht unmuthig zu werden, und sich durch den Augenschein zu überzeugen, daß er die lautere Wahrheit spräche. Er reichte ihr den Arm, und führte sie Treppe auf, Treppe ab, Stube aus, Stube ein, bis das ganze Haus rein durchsucht war. „Sie sehen nun selbst,“ sagte er, „daß ich Sie nicht getäuscht habe, und ich versichere Sie vielmehr, daß mir über ihr langes Außenbleiben selbst bange wird. Es ist schon spät; wenn ihr nur kein Unglück widerfahren ist!“