„Ungerathenes Kind! Unvorsichtiges Kind!“ murmelte Theodora zwischen den Zähnen. „Was ist nun zu thun?“

„Nichts,“ antwortete Horazio, „als daß Sie die Güte haben, ein wenig zu warten.“

Sie wartete gegen einer Stunde; da sie aber sah, daß es vergebens sey, fragte sie, zu was für einer Freundinn sie gefahren wäre. Man rief den Kutscher; es war aber schon abgeredet, daß er nicht kommen sollte. Endlich sagte Theodora: „Das Mädchen scheint zu wissen, was es zu thun habe; aber auch ihre Oheime werden ihre Pflicht kennen, und werden sie zurück zu halten wissen, wenn sie sich auch selbst in’s Unglück stürzen will. Leben Sie wohl!“ Mit diesen Worten stieg sie in den Wagen, und fuhr fort.

Es vergingen nicht zwey Stunden, so kamen auch schon zwey Bekannte Theodorens, und fragten nach Donna Blanca.

Die Bedienten hatten schon den Auftrag, jedermann zu sagen, daß sie des Abends nicht zu Hause speise, und daß sie sich, wenn es dringend wäre, nach Mitternacht, oder den folgenden Tag sehr früh wieder einfinden könnten. Die Oheime gingen denn wieder die Straße hinunter, und Feliciane sagte, als sie sie erblickte: „Wehe mir! das sind meine Oheime.“ Den nächsten Morgen brachte Horazio seine Blanca in das Haus, das er gemiethet hatte, machte sich aller Geschäfte ledig, und bestellte des Nachts Wagen und Maulthiere, um nach Barcelona abzufahren. Nach Tische besann er sich, daß er mit einem unbeschuheten Carmeliten noch etwas abzuthun habe, und wollte noch in das Kloster, das ganz in der Nähe war, hinüber gehen. Er gab Felicianen unterdessen ein kleines Felleisen, in dem über zwölf tausend Escudo’s an Geld’ und Geschmeide waren, in Verwahrung, und eilte hinüber. Dieser kleine Umstand löste nun den Knoten mit einem Mahle. Ohne nun weiter auf etwas zu denken, packten Feliciane, Banuelos und Mogrobejo das Felleisen und das Bündel mit Felicianens Kleidern zusammen, schlichen durch das andere Haus, und erreichten die Wohnung Stephaniens, einer guten Freundinn Felicianens, mit heiler Haut. Horazio kam zurück, und ließ den Wagen an der Thür des anderen Hauses, in dem Feliciane seyn sollte. Er suchte sie überall, und fand sie nicht. Er fragte die Haushälterinn nach ihr; diese wußt’ ihm aber nichts zu sagen, als daß sie das Fräulein auf die Straße geschickt habe, um zu sehen, ob nicht etwa ihre Oheime wieder kämen. Horazio war ganz verwirrt, suchte sie neuerdings, und beschloß endlich, die Nachbarn zu fragen, ob sie keiner gesehen habe. Niemand hatte sie gesehen; nur einen einzigen Bedienten hatten zwey Ritter, denen drey oder vier Bediente nachtraten, nach ihnen gefragt. Horazio dachte sogleich, daß dieß die Oheime gewesen seyn dürften, und es befiel ihn eine solche Angst, daß er sich plötzlich auf einen von den Mauleseln, die zur Abreise in Bereitschaft standen, setzte, und nach Alcara ritt; seinen Bedienten aber befahl er, Donna Blanca, so bald sie zurück käme, zu sagen, daß sie ihm mit dem Wagen folgen sollte. In Todesangst kam er zu Alcara an, und konnte mit sich selbst über Blanca’s schnelles Verschwinden nicht einig werden. Vier Tage hielt er sich dort auf, und wartete voll Ungeduld; da sie aber noch nicht kam, war er überzeugt, daß sie ihren grausamen Oheimen in die Hände gefallen sey. Er war so gutmüthig, daß er ihr Schicksal beweinte, und der sichern Hoffnung war, daß sie ihm ihre Lage in einem Briefe nach Mailand schildern werde. Um nun ja gewiß bey der Ankunft desselben in seiner Vaterstadt zu seyn, und ihn nicht eine Stunde auf der Post liegen zu lassen, eilte er, was er konnte, nach Barcelona, und Feliciane feyerte unterdessen den Triumph ihrer List, und die Niederlage seiner Zärtlichkeit.

ZWEYTE SPAZIERFAHRT.

Feliciane ward zu Hause mit allem Jubel empfangen, mit dem man gewöhnlich einen großen Feldherrn empfängt, der von einer gewonnenen entscheidenden Schlacht, und, was hier der wesentlichste Umstand war, mit einer reichen Beute beladen, nach Hause kehrt. Nun traf die Reihe die schöne Louise, die schon vor Verlangen brannte, ihrer klugen Schwester auf dieser edlen Rennbahn den Vorsprung abzugewinnen. Die wichtigste vorläufige Anstalt war, daß der Wagen anders zugerichtet ward, die Rappen in Schimmel, und der schwarzköpfige Kutscher in einen blonden verwandelt wurde. Louise war ihres glücklichen Erfolges so gewiß, daß ihr Feliciane das nöthige Geld auf diese Unkosten leihen mußte.

Da nun alles veranstaltet war, suchte sie in der Stummengasse eine Wohnung. In dieser wohnte seit kurzer Zeit ein reicher Graubart aus Genua, den eigentlich nichts nach Madrit geführt hatte, als seine seltsame Gemüthsart, die ihn immer peinigte; er konnte nicht lange an einem Orte leben, ohne daß ihn die tödtlichste lange Weile plagte. Er war ein großer Freund des Frauenzimmers, war aber so karg, daß ihm auch diese Quelle des Vergnügens unmöglich reich zuströmen konnte. Er hieß Cäsar Antonio, hielt einen Wagen, vier Bediente und eine Haushälterinn.

Gegen über nun von diesem Manne bezog unsere schöne Sevillanerinn das erste Stockwerk, mit einem Balcon auf die Gasse. Die Tracht, in der sie sich einführte, war ein Wittwenkleid, und zwar die tiefste Trauer, als ob sie ihren seligen Gatten erst vor einigen Tagen begraben hätte. Sie trug ein kurzes gefaltetes Mäntelchen, darunter ein enges Kleid mit langen Spitzärmeln und niedlichen Krausen, die ihrer Hand vortrefflich ließen; am Halse war der Kragen zurück geschlagen, und an der Brust lief ihr wieder eine breite lockere Spitzenkrause zusammen. Im blonden Haare hatte sie nichts, als einige schwarze Schleifen, und einen flornen Schnabel gegen die Stirn. Über den Rücken schwebte der Schleyer, und um den Hals hing ihr eine lockere Kette von schwarzen Perlen. Welcher Mann wäre nicht gern gestorben, um seine schöne Wittwe in einem so reitzenden Trauerhabite zu sehen?