Sie richtete ihre Wohnung auch ganz nach dem Stande, den sie angenommen hatte, ein, und kam in derselben mit ihrer Mutter, die ihr als Duenna diente, der frommen Banuelos, und ihrer Schwester, die eine nahe Verwandte spielen mußte, an. Sie fuhren Schritt vor Schritt, und der alte Escudero ging neben dem Wagenschlage. Als sie diesen feyerlichen Einzug hielt, stand der Genueser eben auf dem Balcon. Er riß die Augen groß auf, und brannte vor Neugierde, wer wohl seine Nachbarinn seyn dürfte. Die Gesellschaft war nun ausgestiegen, und das Erste, was Louise that, war, daß sie das Mäntelchen ablegte, und sich dem Genueser auf ihrem Balcon in unverhüllter Schönheit zeigte. Der Alte gaffte wie ein hundertäugiger Argus herüber; das Herz schlug ihm wie eine Wanduhr, und er meinte keine grössere Schönheit in seinem Leben gesehen zu haben, als diese Proserpina; und er hatte doch viele gesehen. Louise sah unterdessen bald die Straße hinauf, bald die Straße hinunter, und stellte sich an, als ob sie nun plötzlich erst einen Blick auf den unbeweglichen Genueser hinüber wärfe, was ihm Gelegenheit gab, eine tiefe Verbeugung, die er schon lange in Bereitschaft hatte, anzubringen. Louise erwiederte sie zwar sehr höflich, kehrte sich aber sogleich zu ihrer Gesellschaft um, und sagte halb laut, doch aber so, daß der Genueser jedes Wort hören konnte: „Das Einzige habe ich vergessen; gleich morgen muß der ganze Balcon mit Jalousien versehen werden; mein Stand erlaubt es durchaus nicht anders.“ Der Genueser, der gerade keiner von den schüchternsten war, mischte sich ohne Anstand ins Gespräch, und sagte: „Ich wäre untröstlich, wenn ich Sie durch mein Gegenüberwohnen in dem Vergnügen stören sollte, auf Ihrem Balcon die frische Abend- oder Morgenluft zu genießen. Ich werde Sie überzeugen, daß es mir Ernst ist; und wenn Sie morgen Ihren Balcon mit Jalousien schirmen, lass’ ich den meinigen mit Bretern verschlagen. Oder wenn mir das der Arzt verbiethen sollte, beding’ ich mir aus, daß Sie Ihre Jalousien immer völlig schließen, und“ — Louise hatte nun eben den Handschuh abgezogen — „mir nicht einmahl diese schöne Hand hervor gucken lassen. Auch muß ich es fordern, um mich nie mit einiger Gefahr im Neglige auf meinem Balcon sehen zu lassen. Vergeben Sie, daß ich so zudringlich bin, und mich sogleich ins Gespräch gemengt habe; aber meine gute Laune sucht mich selten heim.“ Louise lächelte ihm gefällig zu, machte ihm eine Verbeugung, und ging hinein.
Der Graubart aus Genua hatte nun weder Rast noch Ruhe mehr. Er lauschte den ganzen Abend an der Hausthür, bis er den Escudero ausgehen sah, den er auch an der Stelle anhielt, und fragte, wer seine Gebietherinn wäre. Dieser hatte seine Rolle schon gut gelernet, und sagte ihm denn, daß sie eine Dame aus Saragossa wäre, daß sie Donna Angela de Bolea heiße, und an einen vornehmen Edelmann dieser Stadt verheirathet gewesen sey. Sie sey nach Hofe gekommen, um da einen Oheim zu erwarten, der hier mit einem unermeßlichen Reichthume aus Indien ankommen werde, und sie zur einzigen Erbinn seines ganzes Vermögens bestimmt habe, welches in mehr als achtzig tausend Escudo’s bestände, wie sie auch jetzt schon jährlich mehr als zwey tausend von ihm empfange.
Der Genueser glaubte ihm jedes Wort, und sann nun schon unablässig, wie aus seiner Nachbarschaft eine vertraute Bekanntschaft werde. Er dankte dem Escudero recht höflich, und bath ihn, seiner Gebietherinn zu melden, daß alles, was in seinem Hause sey, zu ihrem Befehle wäre. Der Escudero dankte ihm aber, und versicherte, daß sie mit allem überflüssig versehen wären.
Die Jalousien blieben am folgenden Tag’ aus, und Antonio, der dem Verlangen, sie zu sehen und zu sprechen, nicht länger widerstehen konnte, ergriff diese Gelegenheit, um zu ihr hinüber zu schicken, ihr dafür zu danken, und sie zugleich um die Erlaubniß bitten zu lassen, daß er ihr aufwarten dürfte. Sie war zu artig, als daß sie selbst in ihrem Wittwenstande, den Besuch eines alten Nachbars, der sich über dieß zuvorkommend höflich bezeigt hatte, hätte ablehnen sollen. Er war voller Freude, putzte sich so gut heraus, als er konnte, ließ zwey Bediente nachtreten, und spazierte wie ein Pfau die Straße hinüber. Er fand die schöne Wittwe auf einem schwarz überzogenen Stuhl’, und um sie herum war ein schwarzer Teppich aufgebreitet, auf dem die zwey Duennen saßen, die sich mit Mäntelchen und Schleyern ein ehrwürdiges Ansehen gegeben hatten. Er brachte eine lange Glockenstunde in diesem angenehmen Zirkel zu, ohne daß er den geringsten Anfall von seiner gewöhnlichen Krankheit der langen Weile gehabt hätte. Endlich brach Louise das Gespräch ab, und bath um Vergebung, daß sie nicht länger von der Gesellschaft seyn könne, da sie um diese Stunde sich zurück zu ziehen pflege. „Diese Stunde,“ sagte sie, „ist dem Andenken meines seligen Mannes geweihet.“ „Ich darf Sie aber doch wieder besuchen?“ sagte Antonio. „Es wird mir immer ein Vergnügen seyn,“ antwortete Louise, und ging in’s Nebenzimmer: der Genuese ging voll Vergnügen fort, und schickte ihr noch einige Früchte aus seinem Garten zur Erfrischung herüber.
Unter seinen Bedienten war ein Spanier, ein Toledaner, den er wegen seiner besonderen Geschicklichkeit in Musik, und seinen drolligen Einfällen aufgenommen hatte. Auch war sein Gehirn ein Bißchen von Poesie verbrannt. Mit diesem Burschen nun wollte er Louisen ein Fest machen, welches in einem Liedchen bestehen sollte, das er ihr sänge. Als sie nun des Abends mit ihrer Gesellschaft auf dem Balcon nachtmahlte, stellte er Leonardo, so hieß der Bediente, auf seinen Balcon, ihnen gerade gegen über. Leonardo nahm seine Guitarre zur Hand, und sang:
Holder Stern der schönen Nacht!
Wenn dein Auge freundlich lacht,
Dann erfreuet sich mein Sinn,
Daß ich dein Geliebter bin.