Doch wer kann die Liebe meiden,

Denn sie kommt von selbst ins Herz.

Eigensinnig ist ihr Wille;

Sie bestimmt, was schön ist, nur;

Bald besucht sie die Myrtille,

Bald des alten Damons Flur.

Sie hatten sich bemühet, jede Sylbe vernehmlich auszusprechen, und so war denn die letzte Strophe kaum zu Ende, als Octavio zu klatschen anfing, daß man es in der ganzen Straße hören konnte. Man ging allerseits zu Bette, aber mit ganz verschiedenen Gedanken. Antonio dachte ihr Herz mit den geringsten Kosten zu erobern, und Louise sann, wie sie sein Geld Beute machen könne, ohne auch nur das geringste von ihrem Herzen einzubüßen.

Als Antonio eines Abends wieder bey ihr einen Besuch abstattete, hörte man auf der Straße plötzlich ein Gezänke zwischen Mogrobejo, dem Escudero, und einer unbekannten Person. Louise fragte, was es wäre, und vernahm, daß der Escudero mit einem Bedienten des Hausherrn in Streit gerathen sey. Sie ließ ihn herauf kommen, und bath den Genueser um Vergebung, daß sie ihre Neugierde sogleich in seiner Gegenwart zu befriedigen suche, was sie vor einem andern, auf dessen Freundschaft sie weniger rechne, nicht wagen würde. Nun trat der Escudero ganz zornig ein; Louise fragte ihn um den Hergang des Gezänkes, und Mogrobejo antwortete: „Der Henker möcht’ auch nicht zanken! da kommt mir der Bediente des Hausherrn, und verlangt die Miethe für unser Quartier, das wir auf ein Jahr gemiethet haben, und von dem man doch die Miethe erst mit Ende des Jahres zu bezahlen pflegt. Da hat er durchaus zu Euer Gnaden herauf gewollt, und weil ich ihn nicht ließ, war der Kerl grob; aber er soll mir!“ — „Lass’ er ihn kommen,“ sagte Louise; und es trat ein Page ein, der ihr ehrfurchtsvoll einen Zettel überreichte. Sie las ihn flüchtig durch, und sagte: „Sag’ er seinem Herrn, ich ließe mich empfehlen, und ließ ihm sagen, daß ich gar nicht abgeneigt bin, ihn jedes Mahl für den Monath in vorhinein zu bezahlen. Daß er in Verlegenheit ist, konnt’ ich nicht wissen; und es gefällt mir, daß er so offenherzig spricht. Ich sey aber für den Augenblick selbst in Verlegenheit; meine Gelder sind aus Sevilla noch nicht angekommen, und ich ließe ihn denn ersuchen, höchstens acht Tage Geduld zu haben, dann wollt’ ich ihm die Miethe für drey oder noch mehr Monathe auf ein Mahl schicken. Übrigens, Mogrobejo, weiß ich nicht, warum er ihn nicht sogleich verließ.“ Der Page trat ab, und Louise sagte: „Es ist wahrhaftig sonderbar, daß ein Hausherr, dem man für ein einziges Gelaß tausend Realen des Jahrs bezahlt, so dringend auf eine Monathsmiethe ansteht. Der Mann muß unglücklich, oder ein Taugenichts seyn, und ich wollte einen Finger von der Hand verlieren, wenn ich ihm seine tausend Reale augenblicklich in die Betteltasche werfen könnte.“ Sie meinte nun mehr, als zu viel, gesagt zu haben, um Antonio’s Großmuth und Ehrgeitz in Bewegung zu setzen; diese beyden Eigenschaften ruhten aber in seinem Herzen in einem so abgelegenen Winkel, daß sie ein schulgerechter Anatomiker zu suchen gehabt hätte.

„Ja, wahrhaftig,“ antwortete Antonio, „es sind schwere Zeiten, und der ordentlichste Mann hat zu sorgen, daß er sich von einem Tag’ auf den andern behilft.“

Louise merkte nun wohl, daß sie dieses Schalthier nicht mit der Angel fangen könne; sie brachte denn das Gespräch auf andere Gegenstände, und sie schieden nach einiger Zeit aus einander.