Nun blieb Theodoren nichts mehr übrig, als daß sie ihren Töchtern Nahmen gab, und sich selbst einen anständigen beylegte; denn diese Vorsicht hatte ihr die Alte als höchst wichtig eingebunden. Da es nun schon einerley war, welchen sie wählte, beschloß sie sich in die vornehmsten Familien des Königreichs einzulügen. Sie nannte daher ihre älteste Donna Feliciana von Toledo; für die zweyte zog sie den Nahmen aus dem Hause Alba mit Haaren herbey, und sich selbst nannte sie mit Erlaubniß des Herzogs Donna Theodora von Cordona. Mit diesen prächtigen und wohlfeilen Nahmen geziert, erreichte die Gesellschaft das Stadtthor von Toledo. Sie packte nun ihre zwey Fräulein und ihr weniges Geräth ab; denn sie hatte fast alles zu barem Gelde gemacht, weil sie sich dann in Madrit ganz neu einrichten wollte.

Sie brachten die Nacht ziemlich unbequem zu, und bezogen den nächsten Morgen eine ansehnliche Wohnung in der Degenstraße. In demselben wohnte ein alter Cavallero, der in der Erwartung einer Seneschallstelle für die Dienste, die er Seiner Majestät geleistet hatte, hier schon ein ganzes Jahr zubrachte. Es plagte ihn mit unter manchmahl die lange Weile, und er war denn sehr zufrieden, so artige Nachbarinnen zu erhalten. Er war auch ohne Verzug so höflich, sich ihnen zu allem, was sie befehlen würden, anzutragen. Sie dankten ihm für diese besondere Gefälligkeit, da sie nun weiter in keiner Verlegenheit wären, als wie sie einen anderen Miethwagen bestellen könnten, der sie den folgenden Tag nach Madrit brächte. Der Cavallero nahm auch sogleich dieß Geschäft über sich, und sie fuhren in seinem eigenen Wagen nach Madrit ab.

Der Kutscher führte sie durch die Straße de la Merced in die Tolederstraße, von da kamen sie ans Thor von Quadalaxara, und in die Goldschmidgasse[A], und endlich auf die allberühmte große Straße (calle mayor). Da besann sich Theodore, daß diese Straße die Rennbahn sey, von der sie nun auf einem Chariot (Galera) auslaufen müßte, um ihr Seeräuberhandwerk zu treiben. Ohne lange zu berathschlagen, hielt sie so wohl nach ihrem eignen Urtheile, als nach den weisen Ermahnungen ihrer alten Freundinn, dafür, daß die Gegend um St. Sebastian von der Madriter Jugend am häufigsten besucht werde, theils weil hier das Theater wäre, theils weil diese Gegend, wie ihr der Kutscher zu ihrem größten Ärgernisse sagte, hierum manche Damen von zweydeutigem Gelichter bewohnten. Theodore ging über diesen Umstand hinaus, und beschloß, ihren Wohnsitz nicht weit von hier aufzuschlagen. Da sie aber dem Kutscher keinen Argwohn geben wollte, hieß sie ihn noch ein wenig weiter fortfahren, und so kamen sie durch die Hieronymusstraße in die Fürstenstraße. Als sie beyläufig in der Mitte derselben seyn mochten, sahen sie auf einem ganz artigen Hause einen Anschlagzettel an der Thür kleben. Theodore ließ anhalten, und las, daß ein geräumiges Gelaß zu vermiethen sey. Sie ließ den Wagen an das Haus fahren, und fragte, in welchem Stockwerke das Gelaß sey. Man sagte ihr, daß es zu ebner Erde, nur einige Stufen von der Hausthür, kurz, gerade so wäre, wie sie es nach ihrem löblichen Plane wünschen könnte. Sie ward denn mit der Magd, einem alten verdächtigen Figürchen, das ihnen die Wohnung gezeigt hatte, sogleich über den Preis einig, und ließ sich die Schlüssel geben.

Sie gingen ins erste Gemach, und fanden eine ältliche Wittwe auf einem kleinen Polsterstuhle sitzen, die einen langen Rosenkranz in der Hand hielt, und eben ihre Abendstunden bethete. Sie saß ganz gravitätisch da, und ein Paar große Augengläser, die sie unter dem kleinen Häubchen fest gemacht hatte, gaben ihr ein noch ehrwürdigeres Ansehen. Sie stand sogleich auf, als sie Fremde kommen sah, und grüßte sie mit vieler Höflichkeit; als sie aber erst die zwey Mädchen näher erblickte, umarmte sie beyde mit einem lauten Jubel, und schrie: „So schöne Engelchen sollen wir ins Haus kriegen? Das ist ja gar allerliebst! Wollen Sie wirklich bey mir wohnen? — Nu, das freut mich herzinniglich. Sie können unmöglich von Madrit seyn; denn sonst müßt’ ich ja längst von so schönen Gesichtern gehört haben.“

Theodore antwortete, daß sie gar nicht irre, und daß sie gerade aus Mexico in Neu-Spanien kämen.

„Dacht’ ichs nicht gleich,“ sagte die Alte, indeß sie den langen Rosenkranz in die Tasche schob, und die Augengläser abnahm — „dacht’ ichs nicht gleich, daß sie aus einem andern Welttheile kommen, die Schätzchen? Ich bitte, setzen Sie sich; meine Töchter schlafen noch sorgenlos; das junge Völkchen schläft immer gern.“

Die drey Mexicanerinnen gehorchten, und begannen über den Preis des Gelasses zu sprechen. Das Mütterchen erklärte ihnen sofort, daß das Haus nicht ihr gehöre; daß sie aber fünf Monathe befugt wäre, die leeren Wohnungen zu vermiethen; eigentlich gehöre das Gelaß einer ihrer Freundinnen, die sich nur auf eine kurze Zeit aus der Residenz entfernt hätte; indessen wolle sie sie doch bald zufrieden stellen, und mit dem Hausherrn sprechen, der ein friedliebender reicher Ritter wäre, der sich gern gegen jedermann gefällig bewiese. Sie sagte ihnen auch gleich, wie weit sie sich einlassen dürften. Sie kamen auch wirklich überein, gaben sich den gewöhnlichen Handschlag zum Zeichen, und nun traten aus einem Nebensaale zwey Damen, beyläufig von demselben Alter, und beynahe eben so schön, als unsre Heldinnen. Sie waren erst zur Hälfte gekleidet, in reinen weißleinenen Überröcken, und kleinen Mützchen von grüner Seide, die ihnen gar lieblich ließen. Die Haare waren aufgelöst, und schwammen großen Theils um die Schultern. Sie waren über die schönen Mexicanerinnen beynahe betroffen, grüßten sie aber doch ungemein artig; und als sie gar hörten, daß sie bey ihnen unter einem Dache wohnen würden, bezeugten sie außerordentliche Freude darüber. Indessen muthmaßten beyde wechselseitig wohl, mit wem sie die Ehre zu sprechen hätten, obschon sie sichs nicht im geringsten abmerken ließen. Donna Theodora von Cordona bewunderte noch die geschmackvolle Einrichtung von Stephaniens, des alten Mütterchens, Wohnung, und beschloß, ihr Gelaß eben so einrichten zu lassen.

So hätten wir denn nun unsre schönen Sevillanerinnen glücklich nach Madrit gebracht, hätten sie mit Wohnung versehen, hätten die Wohnung mit einem ansehnlichen Sümmchen eingerichtet; sie hätten sittsame Bettgardinen, Fußteppiche, weiche Stühle, einen bequemen Sopha, und ein Paar Putztische. Nun fehlt denn nichts mehr, als eine Gelegenheit, den ersten Tritt mit Anstand’ und Aufsehen in die große Welt zu thun, und in diesem Meere, wie sich die Alte zu Sevilla ausgedrückt hatte, den ersten Pfundhecht zu angeln.

Zum Glücke fiel ein Festtag im Dreyfaltigkeitskloster vor, dessen Kirche alles zu besuchen pflegte, was Schimmerndes und Artiges am Hofe lebte. Zu diesem Feste nun führte sie Donna Stephanie, und um es ihnen bequemer zu machen, miethete sie einen von den bekanntesten Wagen, die sonst immer ihre Töchter zu haben pflegten. Feliciane und Louise hatten schon zwey gewöhnliche Kleider genommen, erkundigten sich aber noch glücklich vor der Abfahrt bey ihren Nachbarinnen, wie sie sich putzen, und überhaupt benehmen müßten; und da sie schöner waren, als diese, hatten sie nun durch den treulichen Unterricht, den sie erhielten, viel vor den andern voraus. Sie kamen denn zum Feste, und da um das Kloster ein Umgang gehalten wurde, nahmen sie ihren Platz bey einem der vier Altäre, die in den vier Ecken standen. Hier mußte alles bey ihnen vorüber, und allem, was in Galla war, standen sie gerade im Gesichte. Unter den vielen Edelleuten, die nun vorüber gingen, kamen auch vier — aus Cordova waren sie — die das Antlitz der zwey schönen Schwestern sehen konnten; denn sie hatten, als diese vorüber gingen, die Schleyer gelüftet.