Unter ihnen war Don Fernando Antonio, ein rascher Jüngling von fünf und zwanzig Jahren, schön gebildet, und seit einigen Monathen Herr von zwey Majoratgütern, die ihm jährlich ein beyläufiges Sümmchen von vierzehn tausend Ducaten abwerfen mochten. Er lebte nun am Hofe vollauf, und bezahlte für die drey anderen, die ihn begleiteten. Als sie nun zu den Sevillanerinnen kamen, banden sie bald ein Gespräch mit ihnen an, und Donna Louisa von Alba sprach so sanft, so launig, so schmelzend, so fein, daß Don Fernandos Liebeszunder Feuer fing. Sein Herz war fort, wie die Taube aus dem Schlage; er hätte gern unablässig geplaudert; aber er mußte ihr aus Artigkeit Raum lassen, den Umgang zu sehen, und als dieser vorüber war, nahm er mit höchstem Widerwillen Abschied; denn gern wär’ er diesem andalusischen Engel nimmer von der Seite gewichen. Die schlaue Theodore merkte den Spuk sogleich, mengte sich ins Gespräch, fragte ihn, mit wem sie zu reden die Ehre hätte, und gab ihrer Tochter einen sprechenden Wink, die Beute ja nicht fahren zu lassen. Die Damen gingen zur Kutsche, und fuhren nach dem Prado, von dem sie spät zurück kamen; denn alles, was am Hofe glänzte, hatte sich dort versammelt. Auch Don Fernando fand sich ein. Er erkannte den Wagen, in dem die schöne Zauberinn mit ihren Freundinnen fuhr, und sprang flink an den Schlag, um im Anschauen seiner Louise vollends ein Narr zu werden. Die Dämmerung brach immer stärker ein. Der Wohlstand forderte, daß er sich entfernte, indessen beschloß er doch nicht eher nach Hause zu gehen, bis er ihr den ersten Besuch abgestattet hätte. Er nahm denn einen von den drey Freunden zu sich, der ihn begleiten sollte, und nun strichen sie, wie verlorne Schafe, immer vor der Wohnung auf und nieder, bis seine Schöne ans Fenster kam, und ihn einzutreten ersuchte. Das ließ er sich nicht zwey Mahl sagen; er ward von Mutter und Tochter mit besonderer Artigkeit empfangen; das Gespräch währte mit größter Lebhaftigkeit von beyden Seiten, so lang’ er nur immer mit Ehren bleiben konnte, und er schied endlich nur, nachdem er die Erlaubniß erhalten hatte, sich den nächsten Tag wieder einzustellen. Er kam nun immer öfter; man begegnete ihm immer mit Höflichkeit, aber auch immer mit mehr Zurückhaltung, je näher er trat. Das konnt’ er in die Länge nicht aushalten, und er beschloß, sich der Mutter zu erklären. Er beschwor sie, ihr Vorwort bey dem Herzen ihrer Tochter einzulegen, und ihn nicht länger wie einen Fisch ohne Wasser schmachten zu lassen. Er vermaß sich hoch, daß seine Liebe wie die hellste Wachsfackel brenne, und daß er in seinem eignen Feuer aufgehen müsse, wenn sie ihn nicht bald lösche, und dergleichen andere auserlesene Floskeln mehr. Die schlaue Theodore lächelte, und hörte den Strom seines Herzensgusses recht gern fortrauschen.

„Don Fernando,“ sagte sie endlich, „ich bin zu sehr Mutter, und denke, ob es mir gleich vielleicht nicht zusteht, zu vortheilhaft von meinen Kindern, als daß ich mich zu sehr wundern sollte, daß Ihnen das Mädchen gefallen hat. Sie sind aber — nehmen sie mirs doch immerhin nicht übel, Don Fernando — Sie sind wie alle junge Herren mit dem ersten Blicke verliebt geworden, und haben vielleicht noch gar nicht erwogen, wer der Gegenstand sey, in den sie sich vergafft haben. Sie haben sich vermuthlich in der Person getäuscht, und ich bekenne, daß ich selbst es bin, die dieses Mißverständniß veranlaßt hat. Ich bin, — obschon ich Ihren Stand und Charakter nicht im mindesten betasten will — ich bin für ein Frauenzimmer, für eine Fremde, für eine Mutter mit meiner Einladung zu rasch gewesen. Ich hatte eigentlich aus langer Weile gewünscht, bald einige anständige Bekanntschaften zu machen. Ich muß Ihnen denn sagen, daß Louise und Feliciane die Töchter eines sehr angesehenen Cavaliers aus Mexico sind, der sein Vermögen und sein Leben auf einer Reise über Meer eingebüßt hat, so daß wir nun von einem Gnadengehalte leben. Sie sehen denn, daß ich Ihnen nur darum den Zutritt gestattet habe, weil man am Hofe gern gesellschaftlich lebt. Ich zweifle an der Aufrichtigkeit Ihrer Erklärung nicht; aber wenn Ihre Absichten wirklich ernsthaft, das heißt, auf eine Verbindung gerichtet sind, so müssen Sie sich mir deutlicher erklären, wie ich mich Ihnen erklärt habe.“ Über diese letzte Erklärung war Don Fernando ein wenig betreten: ein Heirathsanschlag war ganz und gar nicht in seinem Plane gewesen, und sein Feuer war für den Augenblick wirklich ein wenig zurück geblasen. Er faßte sich aber schnell, und antwortete: „Donna Theodora, ich war um keine weitere Auskunft Ihres Standes verlegen; die ehrwürdige Gegenwart Ihrer selbst, und Ihrer liebenswürdigen Töchter war mir genug. Ich zweifle an keinem Ihrer Worte; aber meine Absicht war nur — ich muß es als Ehrenmann unverhohlen gestehen — Donna Louisa zu dienen, und wünschte für meine aufrichtigen Dienste die Bande der Liebe, — nicht der Ehe zur Belohnung.“

„Don Fernando,“ wollt’ ihm die Mutter in die Rede fallen —

„Erlauben Sie,“ fuhr er fort: „ich scheue diesen engen Knoten, und hab’ ihn mir in meinem Plan’ in eine ziemlich weite Entfernung hinaus gesetzt, obschon ich mich dann dazu bequemen werde, um doch einen Erben meines Vermögens, das nicht unansehnlich ist, zu haben. Ich bin Edelmann, und kann schweigen; Sie können vollkommen auf mich bauen, daß Donna Louise durch meine Neigung zu ihr, und durch die Begünstigung meiner Liebe nichts von ihrem guten Nahmen verlieren wird. Mit einem Wort’, ich liebe sie unaussprechlich, und bin bereit, alles für sie zu thun, was mir meine Liebe gebeut, und was mir Klugheit gestattet.“

Donna Theodora stutzte nicht wenig schon beym ersten Anpochen die Thür der Ehe verschlossen zu finden, das war ein starker Streich, und sie war in den tieferen Geheimnissen ihrer Kunst noch zu sehr Schülerinn, als daß er sie nicht hätte betäuben, und von jedem ferneren Versuche zurück schrecken sollen. Sie merkte zugleich auch zu deutlich, daß Fernando festes Fußes zu Werke gehe, als daß sie auf Wankelmuth oder Übergewicht der Leidenschaft hätte rechnen sollen. Sie hätte doch gern geantwortet, und wußte nicht, wo sie eigentlich einlenken sollte. Sie suchte denn lange herum, bis sie ein Wort fand, und sagte endlich: „Bester Don Fernando, ich muß Ihnen nur aufrichtig gestehen, daß ich mir im Herzen selbst nichts anders vorgestellt habe, als daß Louise ungeachtet all’ meiner Vorstellungen sich am Ende doch von ihrer Leidenschaft würde hinreissen lassen. O Gott, wer kann ein Mädchen hüthen? — wenn Sie mir ihr Wort geben, mich nicht zu verrathen, so“ —

„O ich bitte, reden sie,“ sagte Fernando.

„Louise hat ihr armes Herzchen an Sie schon eingebüßt. Was wir das Mädchen nun peinigen und aufziehen!“ —

Fernando wußte wohl, wie er diese Antwort aufzunehmen habe, und war innigst vergnügt, daß er die Sache so glücklich zu Ende gebracht hätte. Er war nun der glücklichste Mensch von der Welt, nahm Theodoren bey beyden Händen, und schwor ihr, daß er sich gewiß dankbar bezeugen werde. Er gab ihr auch zum Anfange eine Kette von zweyhundert Thalern am Werthe, die er am Halse trug. Er hing sie der Alten um den ihrigen, und führte sie zu den zwey Schwestern hinüber, deren jeder er einen Ring von eben so großem Werthe gab. Er stand auch nicht länger an, seinen Platz bey Louisen einzunehmen. Ein bedeutender Wink der Mutter, und der kostbare Ring machten das schöne Mädchen zur zahmsten Taube. Sie brachten den Tag vergnügt zu, und den nächsten frühen Morgen schickte er ihr eine reiche Bettdecke, eine Art von Galanterie, die einzig in ihrer Art ist. Dieß Geschenk schickte er durch seinen Haushofmeister, der auch Theodoren eine kleine Rolle von funfzig Escudos in Golde überreichen mußte. Das war ein Jubel und ein Frohlocken im Hause! — Theodore dankte dem alten Mütterchen von Sevilla tausend Mahl, und wünschte ihr für die guten Lehren, die sie ihr vor ihrer Abreise gegeben hatte, ein seliges Ende zur Belohnung.