Es versteht sich von selbst, daß er seine Wohlthaten nicht an Louisen allein verschwendete, sondern auch Mutter und Schwester wie Igel an ihm sogen. Er ward immer verliebter, und stellte sich beynahe mit jedem Tage herrlicher ein; es war nun kein Spectakel, daß diese liebenswürdige Familie nicht zuerst gesehen, keine Mode, die sie nicht unter den ersten getragen hätte. Er hatte zwey Wagen, und der weniger bekannte, an den vier rasche Rappen gespannt waren, stand ihnen vollkommen zu Befehle. Sie fuhren auch bald die eine, bald die andere, den ganzen Tag, Straß’ auf, Straß’ ab.

Man kann sich wohl leicht vorstellen, wie ihre zwey schönen Nachbarinnen über den schönen Fortgang ihres Glückes mochten gestutzt haben; indessen da sie jene von allen Leckerbissen, die Fernando’s Haushofmeister im Überflusse verschaffte, mit naschen, und sie wechselsweise an jeder Spatzierfahrt Theil nehmen ließen, gaben sie sich wieder zufrieden, und begnügten sich damit, daß sie sich der schönen Welt in einer so auffallenden Gesellschaft zeigen konnten.

Acht Monathe verflogen so in Saus und Braus, und Don Fernando hatte in dieser kurzen Zeit an Schmucke, Kleidern, Freudenfesten, und so weiter über zwölf tausend Escudos versplittert. Während dieser Zeit hatte sich aber auch nicht einer gefunden, der sich um Felicianen beworben hätte; denn keiner wagte es, sich an des verschwenderischen Fernando Seite sehen zu lassen. Das war freylich ein Umstand, der sein Unangenehmes haben mochte, und es wär’ allerdings angenehmer gewesen, wenn sich noch ein zweyter schön befiederter Papagey in ihren Schlingen verfangen hätte: unterdessen gebrach es Felicianen im Wesentlichen an nichts, und sie konnte sich immer mit der Hoffnung eines ähnlichen, vielleicht noch glücklichern Looses trösten.

Eines Tages hatte Theodora, ihre Familie, und die zwey schönen Nachbarinnen beschlossen, auf den Prado, einen Spaziergang, auf dem auch S. Majestät Philipp der zweyte immer zu jagen pflegten, zu fahren. Sie hatten Don Fernando davon Part gegeben; er both sich aber nicht zu ihrem Begleiter an, sondern ließ ihnen nur melden, daß er ihnen gute Unterhaltung wünsche, daß er aber, so unlieb es ihm wäre, eines dringenden Geschäfts halber nicht in ihrer Gesellschaft seyn könne; indessen würde sie sein Haushofmeister mit allem, was sie befählen, versehen. Sie fuhren denn nach dem Prado, und wir wollen uns nach Don Fernando umsehen.

Er hatte wirklich diesen Tag einen Contract von Wichtigkeit zu schließen, und seine drey Freunde waren nach Alcala zu einem Stiergefechte gereist. Er hatte denn den ganzen Tag über lange Weile, schlenderte verdrießlich die Straße auf und nieder, lehnte sich unter die Hausthür, kam, was er sonst nie that, zur Mittagsstunde pünctlich nach Hause, und warf sich nach Tische auf sein Ruhebett, weil ihm durchaus nichts einfallen wollte, womit er sich den Unmuth verjagen konnte.

Vor beyläufig zwey Jahren war Don Fernando in einem Spielhause zu Cordova bey einer Wette mit einem Ritter in Hader gerathen. Dieser war sehr entrüstet; Don Fernando hatte aber mehrere Bekannte bey sich, und wagte es daher, seinen Gegner über seine Hitze aufzuziehen, und ihn lächerlich zu machen. Der Cordovese ward noch zorniger, um desto mehr, da er eine Memme war, und es nicht wagte, Fernando einen Zweykampf anzubiethen. Er faßte denn von der Stunde einen unversöhnlichen Groll gegen unsern Fernando, und schwor ihm Rache, auf was immer für einen Weg er sie erreichen würden. Seine eigentliche Absicht war Meuchelmord; da aber Fernando immer in der großen Welt lebte, und immer wenigstens drey Bediente bey sich hatte, war all sein Auflauern immer vergeblich gewesen. Er war aus Verdrusse nach Portugall gegangen; da er aber hörte, daß sich Fernando nun zu Madrit befände, eilte er wieder dorthin, um seinen Plan endlich einmahl auszuführen. Um nicht erkannt zu werden, ließ er sich den Bart wachsen, und schloff in ein Pilgerkleid. Nun ließ er Fernando nimmer aus den Augen. Wie wir wissen, war dieser bisher keinen Tag ohne Gesellschaft gewesen; daß er es aber diesen Tag sey, hatte der fromme Pilger ausgespähet. Er bettelte auf der Straße Almosen, und ging ungehindert zu Fernando’s Hausthür hinein.

Fernando wohnte in seinem Hause ganz allein; das Hausgesinde hatte gegessen, und hielt die Sieste; der Pilger konnte denn ungestört bis auf Fernando’s Zimmer dringen. Dieser schlummerte noch immer sanft fort; der Pilger schlich leise bis ans Schlafgestell, zückte den Dolch, tauchte ihn sechs Mahl in sein Herz, und entfloh.

Das Hausgesinde erwachte allgemach, und ging an seine Arbeit; niemand ahndete den Unglücksfall. Erst nach einigen Stunden kam der Haushofmeister, auf Fernando’s Zimmer, schlug die Jalousien auf, und sah seinen Herrn im Blute liegen. Er stand vor Schrecken wie eine Bildsäule da, und machte endlich Lärmen. Alles weinte und jammerte, und konnte nicht begreifen, wie der Mord geschehen konnte, da sie doch alle — fest schliefen. Ihr Schmerz war indessen nicht von langer Dauer, und sie faßten bald sammt und sonders den Entschluß, sich die Belohnung, auf die sie für ihre treuen Dienste allerdings Anspruch machen zu können glaubten, und die ihnen nun aus Mangel eines Testaments entgehen würde, selbst zu verschaffen, und dann heimlich abzuziehen, um allen Verdacht des Mordes von sich abzulehnen. Wie klug diese Berechnung gewesen sey, leuchtet so ziemlich von selbst ein. Indessen ward der Anschlag, dem der Herr Haushofmeister in eigener Person beytrat, an der Stelle ausgeführt, alle Kasten, Kisten, Kästchen und Kistchen geöffnet, alles, was sich an Geld’ und Geschmeide fand, nach Billigkeit getheilt, und jeder zog nun hin, wo er sich am sichersten glaubte.

Sie hatten sich schon nach allen Himmelstrichen begeben, als einer von Fernando’s Freunden ihn besuchen wollte, und gerade auf sein Schlafzimmer ging. Hier sah er das gräßliche Schauspiel, und schrie, daß alle Nachbarn zusammen liefen. Das Gericht war auch bald bey der Hand; man wollte ein Verhör vornehmen, aber es war niemand da, den man hätte verhören können; kein Bedienter war zu hören oder zu sehen, und die Nachbarn erklärten mit Einer Stimme, daß sie nicht eine Sylbe von der ganzen Sache wüßten. Es blieb nichts übrig, als daß man in dem andern Hause, wo er seine Pferde hatte, nachsuchte. Dort fanden sich auch wirklich vier Lackeyen und ein Kutscher, die aber ebenfalls von der Sache noch nichts gehört hatten, und auf der Madratze ruhig schnarchten. Dem überklugen Gerichte schien gerade dieses Schnarchen ein verdächtiger Umstand und eine List, durch die die Thäter den Verdacht von sich abzulehnen suchten. Sie wurden durchsucht, und in des Kutschers Tasche ein Brotmesser gefunden. Die Gerichtsperson erklärte, daß wider jeden, bey dem sich Waffen fänden, gegründete Inzüchten vorhanden wären, und folglich auch auf diejenigen, die mit ihm in vertraulichem Umgange betreten würden, gegründete Verdacht obwaltete. Kutscher und Bediente mußten denn, was sie sich auch sträubten, ins Gefängniß wandern. Sie läugneten standhaft, und es war schon nahe daran, daß sie auf die Folter gebracht werden sollten.

Während all dieß vorging, hatten sich unsere Damen auf dem Prado sehr gut unterhalten, waren zurück gekehrt, und hatten dem Kutscher befohlen, vor Fernando’s Hause anzuhalten; die Hiobspost kam ihnen schon auf dem Wege entgegen; sie konnten ihr aber unmöglich glauben, und fuhren bis ans Haus. Der Kutscher, der ein Sclave war, brachte ihnen die Bestätigung des Unglücks; und da er diesen Augenblick benutzen wollte, um sich in Freyheit zu setzen, lief er hastig davon, und ließ sie allein stehen.