Theodora, die sich in jedem Schicksale männlich zu fassen wußte, und die daher in ihrem Leben selten noch in Verlegenheit gekommen war, wußte sich auch hier gleich Rath zu schaffen. Sie bezahlte den ersten Vorübergehenden, daß er den Wagen in die nächste Remise führte, deren Inhaber sie wieder reichlich bezahlte, damit er den Wagen niemanden, wer es auch immer seyn möchte, ausfolgen ließe. Nun erst eilte sie mit ihren Töchtern nach Hause, wo sie wie die Wölfe in der Wüste heulten, und sich ihre schönen Haare ausgerauft haben würden, wenn sie nicht der Gedanke eines unordentlichen Kopfputzes abgehalten hätte. Indessen weinten sie bitterlich, und waren erst nach drey bis vier Stunden wieder zu lachen im Stande.

Theodora konnte doch die ganze Nacht kein Auge zuthun; denn sie dachte unablässig, wie sie den Wagen mit den vier schönen Rappen in Sicherheit bringen könnte. Sie ließ ihn auch mit Tages Anbruche von Madrit nach Illescas führen, wo er verborgen bleiben sollte. Denselben Tag stellte sich das Gericht auch bey unsern Sevillanerinnen ein, und verlangte ihre Aussage. Da es aber nicht das mindeste Anzeichen fand, zog es wieder in Frieden ab. Theodora fand nun nöthig, einen weiblichen Staatsrath zu versammeln; ihre Töchter, und ihre schönen Nachbarinnen setzten sich in einem Zirkel; Theodora räusperte sich, und hielt ihnen folgende Rede.

„Meine Damen,“ sagte sie, „bey dem Lebensplane, den wir uns vorgezeichnet haben, ist uns nichts nöthiger, als daß wir uns mit Würde benehmen, damit uns die dreisten Herren Männer nicht auf die Ferse treten. Wir müssen sie durch unser Benehmen, wie durch eine Art von Zauberspiele, anzulocken, aber auch zu körnen wissen, so, daß sie die Schranken nie überschreiten können. Jeder Mann ist bey dem geringsten Anlasse zudringlich, und ein zudringlicher Mann erkaltet sehr geschwinde, wenn wir ihn nicht standhaft in den gehörigen Abstand zurück weisen. Alles, worauf er Anspruch zu machen hat, muß ihm nur als der höchste Grad freywilliger Begünstigung gewährt werden. Diese goldene Regel habt ja immer gegenwärtig, meine Kinder, und vergeßt sie auch dann nicht, wenn ich todt bin, und nur von oben herab auf euch sehen kann. Der Weg, den wir mit so vielem Glücke begonnen haben, ist uns durch den Tod des edlen Fernando auf ein Mahl abgeschnitten, und wir müssen nun einen neuen einschlagen. Der arme Fernando! Wir hätten noch drey Jahre von seinem Vermögen leben können; aber der Himmel hat es nicht gewollt, und seine Rathschlüsse sind nicht zu ergründen. Nun müssen wir vorzüglich den Wagen, der uns von ihm geblieben ist, zu erhalten suchen; denn in einem Wagen kommt man auf jedem Wege geschwinder fort: versteht ihr mich? Im Häuslichen mag es immer hier kleinlich hergehen; der Wagen macht alles wieder gut. Mein Rath ist denn, daß ihr eine um die andere in demselben eine Spazierfahrt macht, und wie die Freybeuter irgend einen wackern Kriegsmann anzuwerben sucht. Unser Wagen muß nun eine Postkutsche seyn, in der auf jeder Station ein anderer Reisender fährt. Feliciane mag den ersten Versuch machen.“

Alle fanden den Vorschlag der weisen Theodora vortrefflich; sie theilten die Stadt ordentlich unter sich in bestimmte Bezirke ein, und Feliciane machte sich reisefertig.

[A] Plateria.

ERSTE SPAZIERFAHRT.

Feliciane kleidete sich nun, wie sichs zu einer so wichtigen Unternehmung ziemte, wobey ihr das übrige Frauenzimmer unter tausend lustigen Anmerkungen hülfreiche Hand both. Ihr Kleid, das auch nicht den kleinsten Reitz ihres Wuchses dem Aug’ entgehen ließ, war vom grünem Atlasse, und sehr einfach gemacht. Ihr schwarzes Haar, das nur mit einem Bande von derselben Farbe durchflochten war, blieb in schöner Unordnung, und schien von der Natur gelockt. Sie gefiel sich, wie sie da vor dem Spiegel saß, so gut, daß sie beynahe an sich selbst die erste Eroberung gemacht hätte. Nun war sie fertig, und sprang mit so leichtem Blute in den Wagen, als wohl noch nie in weiblichen Adern getanzt hatte. Sie war ihres glücklichen Erfolges beynahe gewiß, und nahm denn die Glückwünsche, die ihr die Fächer ihrer Gesellschaft noch aus dem Fenster zuwinkten, nur als Ceremonie auf.

Sie fuhr auch nicht so ganz auf blindes Glück fort, sondern hatte schon ihr Augenmerk auf einen tüchtigen Fang gerichtet, den sie an die Angel kriegen wollte. Es war ein reicher Mailänder, der sich seit kurzer Zeit am Hof’ aufhielt, und eine Summe von mehr als funfzig tausend Ducaten zu empfangen hatte, die ihm nach dem Tode eines Vetters, der keine Kinder hinterlassen hatte, zugefallen war. Er trieb eigentlich ein Kaufmannsgeschäft, und war übrigens gerade der Mann, von dem man erwarten konnte, daß es ihm nicht sauer werden würde, die Erbschaft eben so leicht wieder los zu werden, als er sie gemacht hatte. Horazio, so hieß er, war beyläufig zwey und zwanzig Jahre alt, hatte eine einnehmende Bildung, ein derbes, frisches Ansehen, und — was kein gleichgültiger Umstand war — konnte die castillanische Sprache nicht sehr behende sprechen, obschon er sie sehr gut verstand. Übrigens that er sich nicht wenig auf seine Geschicklichkeit zu Gute, mit der er die Laute und die Theorbe spielte. Er pflegte auch immer wie ein echter Spanier des Abends vor den Fenstern der Damen Ständchen zu halten. Er wohnte in der großen Alcalastraße, und bewohnte das Haus, an dem ein großer Garten war, ganz allein. Sein ganzes Hausgesinde bestand aus zwey Bedienten, einem Pagen, den er von seinem Vetter geerbt hatte, einer mailändischen Haushälterinn, die die Küche besorgte, einem Kutscher, der über zwey rothe Friesländer hofmeisterte, und einem elenden Klepper, auf dem er selbst zu Madrit angekommen war, und um den sich nun weiter niemand mehr bekümmerte. Über diesen Jüngling suchte nun Feliciane ihr Netz auszuwerfen.

Die Zeit, die sie zu ihrer ersten Spazierfahrt bestimmte, war sehr glücklich gewählt. Es war eine schöne warme Nacht, mitten im Julius, und der Mond schien spiegelhell. Sie nahm eine alte Magd mit sich, die sie als Duenna kleidete. Über dieß hatten sie auch einen alten Escudero mitgenommen, der sie nun schon seit längerer Zeit im Hause bediente. In dieser ausgelernten Gesellschaft fuhren sie beyläufig um neun Uhr an des Mailänders Hause vorüber. Sie trafen den Zeitpunct so glücklich, daß der Mailänder eben auf dem Balcon in der angenehmen Kühle bey dem Abendessen saß. Er hatte nur Beinkleider und ein Wamms an, und klimperte eben auf der Theorbe. Der Wagen fuhr dicht an der Mauer des Hauses vorüber, und als er der Thür gerade gegen über war, rief man mit lauter Stimme: „Halt! Kutscher, halt!“ der Wagen hielt an, und der Mailänder hörte auf, seine Theorbe zu spielen, um zu hören, was Feliciane sagte. Er horchte ganz leise, und vernahm folgende Worte: „Sie bemühen sich vergebens, meine Mutter! und eher würd’ ich mir mit dem Messer, das ich in der Brieftasche trage, das Leben nehmen, als nur einen einzigen Schritt vorwärts thun. So hat man mich betrogen? Solche Fallstricke hat man mir gelegt?“