Nun hörte er eine andere Stimme, welche die Duenna, oder eigentlich die alte Magd war. Sie sagte: „Meine Beste! fluchen Sie ihrer Mutter nicht; gehorchen Sie ihr, und machen Sie ihr Alter nicht unglücklich. Wie viele würden das Glück, das Sie von sich stoßen, mit beyden Händen ergreifen!“
„Es ist Verrätherey,“ sagte Feliciane wieder; „es ist Grausamkeit, mich zu dem zwingen zu wollen, was mir unmöglich ist. Niemand hat mit meiner Freyheit zu schalten. Die Natur hat sie mir gegeben, und ich werde sie gegen jedermann bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen wissen.“
Bey diesen Worten fing sie bitterlich zu weinen und zu schluchzen an. Der Mailänder hatte keine Sylbe verloren, und zu gleicher Zeit lehnte sich der alte Escudero an den Wagenschlag, und sagte: „Mäßigen sie doch Ihre Stimme, gnädiges Fräulein, sonst laufen uns Leute zusammen, und meinen am Ende, es sey etwas an der ganzen Sache.“ „Nun denn,“ schrie Feliciane in einer Art von Verzweiflung, „so ist denn die Flucht mein letztes Mittel, und ich will sehen, wer im Stande seyn soll, sie zu hindern.“
Dem Mailänder schien, daß sie nun im Wagen handgemein würden, und er irrte auch nicht; denn sie rangen wirklich zum Scheine mit einander. Der Escudero schien sich besonders tapfer zu widersetzen; endlich gelang es Felicianen doch, aus dem Wagen zu springen, wobey sie, um das Schauspiel tragischer zu machen, den Mantel und einen Schuh verlor. Sie sprang gerade in des Mailänders Haus, und schrie: „Dieses Haus, wem es immer gehören mag, soll meine Freystätte seyn. Es wird mich aufnehmen, und sollte es eine Löwengrube seyn, so hoffe ich doch mehr Menschlichkeit darin zu finden, als unter euren Händen.“ Bey diesen Worten legte Horazio sein Instrument weg, nahm seinen Degen, und eilte die Treppe hinunter. Feliciane stürzte ihm sprachlos zu den Füßen. Die Duenna und der Escudero standen stumm da. Nun schien sich Feliciane aus ihrer Betäubung zu erhohlen. „Unbekannter Ritter,“ sagte sie, indeß sie immer noch fortweinte, und durchaus Horazio’s Knie umfassen wollte, — „unbekannter Ritter, wenn Sie Menschengefühl im Herzen haben, so erbarmen Sie sich meiner, und lassen Sie mich von Ihren Bedienten unterstützen; denn meine Nerven sind mir abgerissen; ich kann nicht aufrecht stehen.“ Horazio ließ sogleich Licht bringen, und befahl die Hausthür zuzusperren, damit kein Auflauf würde. Man brachte Lichter, und Horazio erstaunte über Felicianens Schönheit; denn ihr Schmerz kleidete sie noch ein Mahl so reitzend, und die Stellung, in der sie hingesunken war, hätte zum Modelle dienen können. Horazio sagte der Duenna und dem Escudero voll edlen Unwillens, und mit einer Kühnheit, über die sie als Komödianten nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit erschrecken konnten, daß sie sich ja nicht einbilden sollten, er werde diese schöne Dame von ihnen an einen Ort schleppen lassen, gegen den sie Abneigung trüge; er würde sie vertheidigen, und wenn er darüber sein Leben einbüßen sollte. „Aber um Gottes willen,“ schrie die Duenna, und rang die Hände, „was werden wir ihrer Mutter sagen? In ihrer Gegenwart ist sie mit uns fortgefahren; wo ist sie nun hingekommen?“ „Was kümmert mich das?“ sprach Horazio; „ich bin ihr Beschützer gegen Gewaltthätigkeit, und für das Übrige mögt ihr sorgen.“ „Nun,“ sagte Mogrobejo, so hieß der Escudero, „so ist es um mich geschehen; ich darf mich in Madrit nicht mehr sehen lassen.“ „Nein,“ schrie die Duenna wieder, „ich kann mich nicht von meinem Fräulein trennen, und sollt’ alles zu Grunde gehen!“ „Ich auch nicht,“ sagte Mogrobejo; „aber nicht aus einfältiger Liebe, sondern weil es meine Pflicht ist, sie nicht aus den Augen zu lassen.“ „Alter Verräther,“ schrie Feliciane, „ihr sollt mich gewiß nicht anders, als stückweise, von der Stelle bringen. Ich weiche keinen Schritt. Morgen bin ich in einem Kloster, und vor eurer Boßheit für immer sicher.“ Was wollten sie thun? Der Escudero kehrte den Rücken, setzte sich in den Wagen und fuhr fort. Horazio nahm aber seinen schönen Gast an der Hand, und führte ihn in einen niedern Saal, der zunächst bey ihnen war; die Duenna ging langsam nach. Das Herz schlug ihm laut, als ihm die schöne Unbekannte durch einen matten Druck der Hand Dank sagte. Sie setzten sich, und Feliciane wußte ihren Kummer durch so manigfaltige reitzende Bewegungen zu äußern, daß Horazio’s Seele die ganze Tonleiter der Empfindungen hinauf kletterte, und er endlich in folgende Worte ausbrach: „Reitzende Unbekannte, wie glücklich bin ich, daß ich dazu bestimmt war, Sie aus der dringendsten Gefahr zu befreyen! Wie überglücklich wär’ ich, wenn ich Sie vor allen weiteren Verfolgungen sicher stellen könnte! Rechnen Sie aber darauf, daß ich nichts unversucht lassen werde, diesen hohen Zweck zu erreichen, der mich von nun an ganz allein beschäftigen soll. Mein ganzes Haus steht Ihnen unumschränkt zu Befehle; Sie können da so lange verborgen bleiben, als es Ihnen räthlich scheinen wird. Wohin Sie es immer verlangen, werde ich Sie bringen. Ich bin Edelmann, und denke auch edel. Ihre Tugend läuft bey mir keine Gefahr; und nur wenn es zu Ihrem eigenen Besten nöthig ist, daß ich Ihre Geschichte erfahre, wünsche ich sie zu hören, so hohen Antheil ich auch an Ihrem Schicksale nehme.“
Während dieser ganzen Rede hatte Feliciane von einem prächtigen Ringe, den Horazio am Finger trug, und dessen Billanten sie allzu schön anfunkelten, kein Aug’ abgewendet. Er mußte an ihren Finger herüber kommen, und gehe es, wie es wolle; das war nun einmahl beschlossen. „Ich finde keine Worte,“ sagte sie „mit denen ich Ihnen bezeugen könnte, was in meinem Herzen vorgeht. Die Vorsicht hat mich Ihnen zugeführt, großmüthiger Mann! hätten Sie sich nicht durch mein Unglück rühren lassen, so wär’ ich jetzt schon ohne Rettung verloren. Die nähmliche Großmuth, die Sie zu meiner Befreyung angetrieben hat, wird Sie auch auffordern, die Rechte einer Freystätte, für die ich Ihr Haus nun ansehe, nicht zu verletzen. Ich werde von Ihrer Güte Gebrauch machen, und werd’ Ihnen so lange hier lästig fallen, als es unumgänglich nöthig seyn wird.“ „Um Sie vollends zu beruhigen,“ sagte Horazio, „will ich nicht einmahl im Hause hier bleiben, sondern mich bey einem Verwandten aufhalten, bis Sie mit Ihrer Mutter ausgesöhnt sind.“ „Nein, durchaus nicht!“ fiel ihm Feliciane in die Rede; „Sie müssen hier bleiben; denn ich will sie überzeugen, daß ich unumschränktes Vertrauen in Sie setze. Wenn man käme, und mich mit Gewalt fortführen wollte, wer würde mich vertheidigen?“ „Was für ein Befehl könnte mir auch willkommener seyn?“ sagte Horazio.
Er hatte sein Abendessen, wie wir wissen, noch nicht eingenommen, und da ihn eben ein Bedienter daran erinnerte, suchte er Felicianen zu bewegen, daß sie mit ihm einige Erfrischungen nähme. Sie war ihm zu viel Dank schuldig, als daß sie ihm nicht hätte Gesellschaft leisten sollen, und er wußt’ es durch seine unwiderstehliche Beredtsamkeit gar dahin zu bringen, daß sie aß und trank, wie ein kummerloser Mensch. Sie sah zu deutlich, wie sehr sie auf ihren Wirth Eindruck gemacht hatte, als daß sie diese Episode in ihr Schauspiel nicht hätte einrücken sollen. Horazio war nun schon so über und über verliebt, daß er nicht mehr im Stande war, auch nur dem geringsten Verdachte gegen die Wahrheit der Geschichte Platz zu geben. Er war der einzige am Tische, der keinen Bissen aß, und doch machte ihn dieser Umstand nicht aufmerksam.
Er hätte nur gar zu gern Nahmen, Stand, und die Geschichte der Dame erfahren; er durfte es aber nicht wagen, die Wunde wieder aufzureißen, und ihren Kummer etwa zu verdoppeln. Es war nun hohe Zeit, dem Fräulein Ruhe zu gönnen, die ihr so nöthig schien. Er begleitete sie denn selbst in das Gemach, das er für sie und Banuelos, die Duenna, hatte bereiten lassen. Er tröstete sie noch mit den zärtlichsten Ausdrücken, und begab sich in das obere Stockwerk. Es läßt sich denken, daß Horazio und Feliciane die Nacht in ganz verschiedenen Betrachtungen zubrachten. Horazio konnte kein Auge zuthun, und sann unablässig auf Mittel, ihre Verbindlichkeit zu fesseln, und ihre Liebe zu verdienen. Feliciane aber weidete sich an dem glücklichen Erfolge ihrer List, und erwog, wie sie dieses Haus mit dem möglich größten Gewinne in möglich kürzester Zeit verlassen könnte. Sie berathschlagte sich mit ihrer wohlerfahrnen Banuelos, und überließ sich endlich einem gesunden, ungestörten Schlummer. Was sie in ihrem Rathe beschlossen haben, werden wir hören.
Horazio war vor Tages Anbruche schon auf den Beinen, kleidete sich an, und konnte den Augenblick nicht mehr erwarten, in dem er seinen Gast wieder würde sehen und sprechen können. Er konnt’ es auf seinem Zimmer nicht aushalten, und ging denn in den Hof hinunter, um sein Herz in der Morgenluft zu erleichtern. Wie er die Treppe hinunter kam, fand er die Duenna, die sorgfältig etwas auf dem Boden zu suchen schien, und mit unter tiefe Seufzer ausstieß. Er fragte sie voll Besorgnis, was sie suche; sie antwortete aber ganz ängstlich: „Nichts, gnädiger Herr!“ seufzte aber noch tiefer, als zuvor. Horazio besorgte, daß irgend ein Unglück geschehen seyn dürfte, und bestand durchaus darauf, daß sie mit der Sprache heraus solle. „O gnädiger Herr,“ sagte die alte Schlange, „ich will es Ihnen wohl sagen; verrathen Sie mich aber nicht.“ Er gab ihr sein Wort, und sie sprach: „Was ich suche, ist ein Ring, den mein Fräulein verloren hat. Sie glaubt, es sey geschehen, als sie aus dem Wagen sprang; denn zuvor hat sie ihn gehabt, und nachher vermißt. Er war von Diamanten von großem Werthe, und das schlimmste bey der Sache ist, daß er nicht ihr selbst, sondern einer von ihren Freundinnen gehört, der sie dagegen einen andern, der besondern Fassung und eines Nahmens wegen, auf kurze Zeit geliehen.“ Horazio tröstete sie, schickte einen Bedienten vor die Hausthür, um den Ring zu suchen, und sagte zur Duenna, sie möchte sich nicht betrüben; denn wenn er sich auch nicht fände, solle es ihrem Fräulein doch nicht an andern fehlen, und die von größerm Werthe wären. Er wünsche nur, flickte er hinzu, mehrere Gelegenheiten zu haben, dem Fräulein auf eine wesentlichere Art beweisen zu können, wie sehr er sie hoch — schätze und — liebe. Er war so begeistert, daß er die Alte in seine Arme schloß, und so heiß küßte, als ob sie Feliciane selbst gewesen wäre. Sie stellte sich nun getröstet an, und meldete ihm für seine Großmuth, daß er ihr Fräulein nun schon werde sprechen können. Er eilte mit ihr ans Gemach, und Feliciane war wirklich schon halb angekleidet. Horazio wollte durchaus nicht ins Zimmer treten, bevor nicht Banuelos erst zu ihr hinein gehe, und sie frage, ob er ihr nicht ungelegen falle. Feliciane rief aber mit lauter Stimme durchs Vorzimmer: „Bester Horazio! in Ihrem eigenen Hause sollte ich Ihnen den Zutritt versagen? Sie erweisen mir so viele Güte, und ich sollte so unartig seyn? Ich bin ja schon angekleidet; kommen Sie doch!“ Er ließ sichs nicht zwey Mahl sagen, eilte hinein, und fragte sie, wie sie die Nacht zugebracht habe.
„Wie anders,“ sagte sie, „als in der größten Unruhe: ich habe kein Auge zugethan. Banuelos ist mein Zeuge.“