„Ja wohl,“ sage die Alte; „das war eine Nacht! Wenn Sie noch mehrere solche haben, gnädiges Fräulein, so sind Sie bald eine Leiche. Wenn sie auch ein wenig schlummerte, das liebe Fräulein, so saß sie doch gleich wieder im Bett’ empor, und häftete den Blick starr an die Wand, als ob sie ein Gesicht sähe.“

„O meine arme Mutter!“ stimmte Feliciane wieder an; „verzeihe mir den Kummer, den du vielleicht jetzt um meinetwillen leidest. Es ist aber nicht meine Schuld; du magst mir vergeben, daß ich es für Verbrechen halte, sich dem Eigensinn’ eines Menschen aufzuopfern, und wenn dieser Mensch eine Mutter wäre.“

„Trösten Sie sich doch,“ sagte Horazio, „obschon dieser edle Schmerz Ihrem Herzen Ehre macht; Sie sind aber sich selbst Mäßigung schuldig.“

Feliciane vergaß auch bey dieser Unterredung nicht, jeden Vortheil, den ihr die leichte Morgenkleidung anboth, geltend zu machen; sie sprachen noch manches, und endlich fragte Feliciane die Alte wie im Vorbeygehen, ob sich der Ring gefunden habe. Banuelos antwortete, daß er noch nicht gefunden sey, daß aber Horazio’s Bediente eben mit dem Suchen beschäftiget wären. Feliciane dankte ihm für seine zuvor kommende Gefälligkeit, und Horazio sagte: „Es ist mir wahrhaftig sehr unangenehm, daß Sie mit dem Verluste des Ringes Verdruß haben; belieben Sie aber diesen hier anzusehen.“ Hier zog er den seinigen vom Finger; sie betrachtete ihn mit ungehäucheltem Vergnügen, und sprach: „Dieser Ring macht Ihrem Geschmack Ehre; er ist unvergleichlich gefaßt, und übertrifft den verlornen an Werthe ungemein. Dieser war nicht über drey hundert Escudo’s werth; und dieser gilt wenigstens acht hundert.“

„Sie sind wahrhaftig eine Kennerinn,“ erwiederte Horazio, „und sie haben wenigstens nahe an den eigentlichen Werth gerathen; denn er kam meinem Vater, dem ihn der Herzog von Savoyen überließ, auf etwas über tausend Escudo’s. Darf ich Sie aber um eine Gefälligkeit bitten? Darf ich Sie vorläufig um die Versicherung bitten, daß Sie mir sie nicht abschlagen werden?“ Feliciane merkte zu gut, wo er hinaus wolle, und antwortete: „Bester Horazio! Sie haben mir gestern Ihr Ehrenwort gegeben, daß ich nicht ein unanständiges Wort aus Ihrem Munde hören werde; ich hoffe, Sie sind ein Mann. Übrigens bin ich Ihnen zu viel Dank schuldig, als daß ich Ihnen was immer für eine Gefälligkeit abschlagen sollte.“

„Sie geben mir also Ihr Ehrenwort?“

„Ja.“

„So nehmen Sie also auch,“ fuhr Horazio voll Feuer fort, „diesen Ring anstatt des verlornen an.“

Feliciane stellte sich betroffen, und schob seine Hand sachte zurück.

„Sie weigern sich, ein unbedeutendes Andenken von dem Manne zu nehmen, der nichts so innig wünscht, als nie von Ihnen vergessen zu werden?“