„Horazio!“ rief Feliciane.

„Sie wollen also Ihr Ehrenwort brechen? Sie kränken mich unaussprechlich!“

„Nein! Das will ich nicht,“ sagte Feliciane wieder, und wusste ihren Augenliedern einen so geschickten Druck zu geben, daß eine helle Thräne ihre Wange herunter rollte. „Ich nehm’ ihn, und will ihn als Andenken ehren. Aber halt! ich darf ihn nicht nehmen. Nur dann könnte ich ihn als Andenken nehmen, wenn er an meinem Finger bliebe: ich hatte den verlornen aber nur von einer Freundinn auf einige Zeit ausgetauscht; denselben kann ich ihr nicht wieder zurückgeben; ich werd’ ihn ihr also zu ersetzen wissen. Ich denke nun der Verbindlichkeit meines Ehrenwortes ledig zu seyn.“

Horazio antwortete: „Nein, meine Beste! Sie sind Ihres Ehrenwortes nicht ledig. Ihre Freundinn wird sich den Ring nicht mit Geld ersetzen lassen, sondern wird sich mit einem andern Ringe von gleichem Werthe begnügen müssen. Mein Andenken haben Sie angenommen“ — nun sprang er zu einer auf einem Kasten stehenden Schatoulle, und hohlte ein Futteral mit sechs anderen brillantenen Ringen hervor — „und nun werden Sie von diesen hier einen für Ihre Freundinn annehmen.“

„Was denken Sie von mir, Horazio?“ sagte Feliciane; „ich würde fähig seyn, die Verletzung des Gastrechts so weit, bis zur Unverschämtheit zu treiben?“

„Schönste Feliciane,“ sagte der Sophist, „Sie sind es ja nicht, die den Ring annimmt; und ich würde es nicht gewagt haben, Ihrer Delicatesse nahe zu treten. Ihre Freundinn ist es ja, die ihn von mir annimmt, und der ich ihn für das Vergnügen schuldig bin, den mir das Andenken hier an ihrem Finger macht.“

„Trauen Sie also meiner Freundinn weniger Delicatesse zu, als mir?“ sagte Feliciane. „Wie Sie auch die Sache drehen! wie Sie mir die unschuldigste Absicht übel ausdeuten!“ sagte Horazio. „Wie kann es die Delicatesse Ihrer Freundinn reitzen, wenn sie von einem Manne etwas annimmt, was er ihr eigentlich schuldig ist, da es in seinem Hause verloren worden; von einem Manne, den sie nicht einmahl kennt; wenn sie es nimmt, ohne selbst zu wissen, woher es kommt? Warum wollen Sie mir dieß Vergnügen versagen, das Ihnen weiter keine Beschwerlichkeit macht, als daß Sie etwas mit der einen Hand nehmen, und mit der anderen abgeben?“ „Denken Sie also,“ sagte Feliciane, die herzlich froh war, daß sie nun plötzlich auf einen andern Weg einlenken konnte, „denken Sie also, daß ich bey einem Vergnügen, das ich Ihnen verschaffen soll, auch nur daran zu denken im Stande sey, was es für einen Eindruck auf mich machen werde? O Sie kennen mich noch sehr wenig; und um Sie zu überzeugen, daß ich von so einer niedrigen Bedenklichkeit weit entfernt bin, geb’ ich Ihnen nach, und will nicht einmahl erwägen, ob mich Ihre Gründe, oder Ihre Beredtsamkeit bestimmt.“

Horazio öffnete das Futteral, und Feliciane war bey dem Anblicke der sechs kleinen Fixsterne nicht wenig überrascht. „Wählen Sie nach Geschmacke,“ sagte Horazio; aber Feliciane konnte sie nicht bestimmen, denn sie war keine große Kennerinn, und hätte doch gern dem würdigsten die Ehre der Wahl erwiesen. „Nun müssen Sie mir ein Mahl nach meinem Kopfe thun. — Eingeschlagen!“ — Horazio that es, und Feliciane fuhr fort: „Für meine Freundinn werden Sie nun wählen.“ Horazio konnte nichts entgegen sagen, und hob den vorzüglichsten aus, der ebenfalls über tausend Escudo’s werth war. Nach einem kurzen Gespräche ließ er sie allein, damit sie sich vollends ankleiden konnte. Sie war nun Besitzerinn eines Schmuckes von mehr als zwey tausend Escudo’s, und Horazio hatte ein Vergnügen darüber, das er um drey tausend nicht hätte entbehren wollen.

Er fuhr aus, sprach verschiedene Freunde, hüthete sich aber, ein Wort von seinem schönen Gaste zu verlieren; auch seinen Bedienten hatte er ein strenges Stillschweigen eingeschärft.

Gegen Mittag kam er wieder nach Hause, wo er den alten Escudero fand, der ihm meldete, daß er sich, um seiner Frau wieder unter die Augen treten zu dürfen, einer Lüge bedient, und ihr gesagt hätte, daß sie ihre Tante binnen drey oder vier Tagen abholen würde, und daß er der Tante gesagt habe, er hätte das Fräulein in ihrer Mutter Hause gelassen. Feliciane war mit seinem Einfalle wohl zufrieden, und Horazio gab ihm eine Dublone. „So sauer mir auch das Lügen wird,“ sagte die Duenna, „so könnte ich doch für Don Horazio immerhin eine wagen.“ Horazio hatte nun eben die Hand im Beutel, und bezahlte auch ihr diese liebevolle Äußerung mit einer Dublone. Feliciane befahl ihr zwar, sie nicht anzunehmen; aber Horazio bestand durchaus darauf.