Sie gingen nun zu Tische, und nachdem sie wacker gegessen hatten, äußerte Horazio wieder seinen Wunsch, Felicianens Geschichte zu hören, und diese konnte sie ihm nicht länger vorenthalten. Sie begann denn.

„Don Lope Zopata von Meneses, der zweyte Sohn des Don Bernardo Zopata, war mein Vater; er diente in Flandern, und bracht’ es bis zum Capitäne. Er kam an den Hof zurück, um eine Zulage an Gehalt zu begehren, und verliebte sich da in meine Mutter, aus dem Hause Arancivica, einer der ansehnlichsten Familien in Biskaja. Er wußte ihre Ältern in wenig Tagen zu gewinnen, erhielt sie zur Gattinn, und mit ihr einen Eisenhammer zur Mitgift; ein ganz ansehnliches Geschenk, da er über jährliche vier tausend Escudo’s eintrug. Sie hatten zwey Töchter, mich, Blanca, und meine jüngere Schwester Lucretia. Mein Vater diente noch mehrere Jahre, und starb als Seneschall in Cordova. Dort gefiel es einem Edelmanne, mich ins Auge zu fassen, und mir mit seinen zudringlichen Erklärungen so unablässig in den Ohren zu liegen, daß er mir vollkommen zuwider war, und ich ihn ohne innigen Verdruß nicht mehr nennen hören konnte. Nach meines Vaters Tode zog meine Mutter nach Madrit, wo wir nun zwey Jahre sind. Sie hat eine Schwester, eine Wittwe mit zwey Töchtern, in deren Hause wir uns meisten Theils, obschon in verschiedenem Gelaß’, aufhalten. Der Ritter von Cordova kam auch hierher, nicht aber in der Absicht, seine Werbung um mich fortzusetzen, sondern sein Augenmerk war auf die Tochter eines Rathes gerichtet, die ihn aber bald abfertigte. Als er dort kein Gehör fand, fand er es für gut, sich wieder an mich zu wenden, und beschloß endlich zur größeren Sicherheit seines Erfolges, mich geradezu zur Ehe begehren. Ich will Ihnen eine kleine Schilderung von ihm machen. Er ist sehr leibig, und dabey sehr klein, sieht sehr tückisch her, und ist auch wirklich, wie seine Bedienten einhällig sagen, meistens von so übler und ungestümer Laune, daß er sich mit niemanden vertragen kann. Urtheilen Sie nun selbst, ob ich recht that, daß ich die Hand so eines Mannes ausschlug. Unterdessen so sehr sich mein Herz gegen eine Verbindung mit ihm von jeher empört hatte, so wenig mißfiel er doch meiner Mutter. Sie hatten öfters besondere Unterredungen, und ich entdeckte bald, daß ihm meine Hand verheißen sey. Sie waren auch nur mehr über die Bedingnisse uneinig. So reich er ist, macht’ er doch große Forderungen, zu denen sich meine Mutter nicht verstehen konnte, weil sie selbst größten Theils nur vom Wittwengehalte lebte, und ihr Vermögen eigentlich nur für uns Schwestern ersparen wollte. O sie ist doch eine gute Mutter, und sie hat seinen Antrag gewiß nur darum so eifrig begünstigt, weil sie mich noch an ihrem Leben versorgt sehen wollte, und mich bey ihm gut versorgt glaubte.“ — Sie weinte, und Horazio überzeugte sich wieder neuerdings, daß eine vortreffliche Seele in diesem makellosen Körper wohne.

„Endlich,“ fuhr sie fort, „ließ er doch von seinen Forderungen ab, und erklärte sich, daß er mir auch ohne Mitgift die Hand reichen wolle. Der Tag zur Unterzeichnung war bestimmt, und es war so abgekartet, daß ich in das Haus meiner Tante geführt werden sollte, um mein Todesurtheil zu unterzeichnen. Man befahl mir, ohne der Hauptsache nur mit einem Worte zu erwähnen, mich anzukleiden, und sagte mir nur, daß ich abgeholt werden würde. Mir kam alles verdächtig vor, und das Herz schlug mir mächtig; indessen konnt’ ich nichts vorschützen, warum ich nicht zu meiner Tante fahren wollte. Der Wagen kam, und wir stiegen ein; mit jedem Schritte schlug mein Herz stärker; Banuelos sichtbare Ängstlichkeit, des Escudero ununterbrochenes Schweigen, ihrer beyder Verlegenheit, wenn ich sie fragte, warum wir zur Tante führen, enträthselten mir alles. Nun wollt’ es mich nicht mehr im Wagen leiden; ich forderte, sie sollten anhalten lassen; sie thaten’s nicht: ich schrie dem Kutscher selbst zu; er hielt gerade vor Ihrem Hause an: ich sprang aus dem Wagen, — das übrige wissen Sie selbst.“ — Nun vergoß sie wieder einen Strom von Thränen; die Duenna schluchzte, und Horazio selbst weinte mit. Nachdem sie sich alle wieder erhohlt hatten, erklärte Feliciane, daß sie überhaupt, so lange sie nun Madrit bewohne, in einer seltsamen Stimmung sey, und in einer ununterbrochnen Fröhlichkeit ihrem Herzen nie eine ernsthafte Neigung habe nahe kommen lassen. Horazio’s ganzes Wesen heiterte sich nun auf; denn er hatte nicht mehr und nicht weniger vermuthet, als das sie am Ende ihrer Erzählung das Geständniß hinzu fügen würde, daß ihr Herz schon an einen andern verschenkt gewesen sey.

„Eine glückliche Stimmung, in der Sie waren!“ sagte Horazio; „denn was ist wohl glücklicher, als durch sein Leben munter und sorgenlos wie durch einen Garten hinhüpfen zu können! Wenn nun aber einmahl diese Art von unversuchter Fröhlichkeit, die in unsern Verhältnissen auch nicht lange währen kann, vorüber ist, dann gibt es auch wirklich keinen Zustand, der uns für jenen schadlos halten könnte, als den Zustand einer glücklichen Liebe. O ja!“ fuhr er mit einer Art von Begeisterung fort, „so vielen Kummer eine unglückliche willkürliche Liebe, so viele Nachreue eine unvorsichtige und zu rasche nach sich zieht; so übergroße Seligkeit bringt auch eine glückliche, und so viele Vorwürfe haben sich zwey Herzen zu machen, die sich vielleicht wechselseitig auf immer glücklich machen könnten, und doch“ — — bey den letzten Worten hatte er Felicianens Hand mit einer Art von Wuth ergriffen; sein Blick hing starr an ihrem Auge; und diese Zauberinn, der alle animalischen Verrichtungen des Körpers zu Gebothe zu stehen schienen, wußte sich schnell die gehörige Masse Bluts in die Wangen zu pumpen, das sich wie ein Rosenflor über sie ausbreitete. „O Gott!“ seufzte Horazio, und Feliciane sagte ganz leise, und indem sie sich eine Thräne vom Auge zu wischen schien: „Wollen Sie mir nicht die Theorbe spielen?“ Er dachte weiter nichts, als daß sich Feliciane aus einer nur allzu sichtbaren Verlegenheit zu retten wünsche, und nahm die Theorbe augenblicklich zur Hand. Er spielte und sang mit wahrem Eifer; was er aber dieß Mahl an Ausdrucke gut machte, das verdarb er mit falschen Griffen. Als er geendigt hatte, sagte Feliciane, daß auch sie eine große Liebhaberinn von Musik wäre, und zu Hause eine Harfe und eine Guitarre habe. Horazio sprang auf, hohlte seine Guitarre, und ließ nicht eher ab, bis sich auch Feliciane zu einem kleinen Gesang’ entschloß. Man hätte eine große Wette eingehen können, daß kein Mädchen in Madrit die Guitarre mit mehr Grazie zu halten im Stande war, als sie; man wußte nicht, wenn sie spielte, ob man sich von dem sanften Auf- und Abgleiten ihrer Finger, oder ihrer ausdrucksvollen Stimme, oder von dem reitzenden Wiegen ihres Körpers, mit dem sie den Gesang begleitete, hinreißen lassen solle. Sie sang:

Ein Vöglein auf dem Felde saß;

Es pfiff und sang ohn’ Unterlaß;

Es saß bald hier, es saß bald dort,

Und sang, und trillert’ immer fort.

Im Herbste und im Winter war