Es fröhlich, wie im frühen Jahr;
Es saß bald hier, es saß bald dort,
Und sang und trillert’ immer fort.
Doch lange hatt’ ihm schon im Feld’
Ein Vogelsteller nachgestellt;
Er pfiff — es pfiff den Wald hinein,
Im Netze war das Vögelein.
Feliciane hatte eine so angenehme Melodie zu diesem Texte gewählt, daß Horazio, der den Inhalt des Gesanges ohne allen Anstand auf sich auslegte, ganz bezaubert war. Er pries ihre Talente in seiner halb castellanischen Sprache mit so sonderbaren Ausdrücken, daß sich Feliciane kaum des Lachens erwehren konnte.
Ihr Gespräch war durch die Ankunft des alten Escudero gestört, der einen kleinen Pack, mit einem sonderbarem Überzuge von Leinwand, trug. Er nahm ihn unter seinem Mantel hervor, und öffnete ihn. „Wie?“ sagte Feliciane; „wo hast du das Kleid, das ich ausdrücklich verlangt habe?“ „Ich bitte um Vergebung! gnädiges Fräulein; es war aber unmöglich: denn alle Ihre Kleider hat man schon in die Wohnung der gnädigen Tante geschafft.“
„Wie werden wir sie nun kriegen?“ sagte Feliciane; „nun muß ich immer das nähmliche auf dem Leibe tragen.“ Sie stellte sich sehr verdrießlich an, und Horazio, der jede Gelegenheit, sie sich verbindlich zu machen, mit beyden Händen ergriff, unterbrach sie, und sprach: „Lassen Sie sich doch nicht so eine Kleinigkeit kümmern, beste Donna Blanca! so einem Übel wird doch bald abgeholfen seyn. Bis heute Abends lassen sich wohl zwey Kleider ganz nach Ihrem Geschmacke, mit allem Zugehöre verfertigen.“ Feliciane warf ihm einen zärtlichen Blick zu, und sagte: „Sie sind wirklich zu gefällig, und ich sollt’ Ihre Güte nicht mißbrauchen. Wenn Sie mir aber in dieser Verlegenheit auf meine Rechnung zwey Kleider verschaffen wollen, werden Sie mich Ihnen unendlich verbinden.“ Horazio war voller Freuden, und machte, nachdem er sich noch genau Farbe, Stoff und Zugehör hatte vorschreiben lassen, die nöthigen Anstalten. Nun suchte Feliciane das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu leiten. Sie sagte ihm, daß sie dem Escudero, ungeachtet aller Betheurungen, doch nicht vollkommen traue, und daß sie unaufhörlich der Zweifel peinige, ob es wohl wahr sey, daß er sie von beyden Seiten, so wohl bey ihrer Mutter, als bey ihrer Tante sicher gestellt habe. „Sie, Horazio,“ sagte sie, „wären im Stande, mich hierüber vollkommen zu beruhigen. Hören Sie, in meiner Tante Wohnung wird ein Gelaß vermiethet; wenn sie es besuchen wollten, könnten Sie bey dieser Gelegenheit auch meine Tante selbst sprechen, und so im Gespräch’ abnehmen, wie sie gestimmt, und ob sie meiner Flucht nicht etwa auf der Spur sey.“ Horazio nahm den Auftrag desto freudiger an, da er zugleich eine nähere Auskunft über Felicianens Schicksal, und über die ganze Geschichte zu erhalten hoffte; Feliciane schickte aber in der Eile ihrer Mutter durch den Escudero einen Zettel, in der sie ihr ganz kurz meldete, wie sie sich gegen Horazio zu benehmen habe.