Horazio ging nun fröhlich zum Thore von Quadalaxara hinaus, und kaufte den Stoff für die zwey Kleider; auf das eine schwarzen Atlaß, und auf das zweyte blaß rosenfarbigen Taffet. Als er auch die Verfertigung besorgt hatte, ließ er den Wagen gerade an das Haus der Tante seiner Feliciane fahren, und an der Hausthür halten. Er schickte einen Bedienten um die Schlüssel zu dem Gelasse, das hier vermiethet wurde, hinein; eine Magd kam, zeigte ihm das Gelaß, und er fragte nun nach der Person, mit der er sich über den Preis zu besprechen hätte; man nannte sie ihm, und er erkannte sogleich an dem Nahmen Laura, daß es Felicianens Tante wäre. Er ward zu Theodoren geführt, und fand sie in einer sehr betrübten Stellung; sie kamen über den Preis überein, und Theodora bath ihn, ihr auch den Nahmen der Person, für die er das Gelaß gemiethet hätte, bekannt zu machen. Horazio sagte ihr, daß es eine Wittwe, eine Base von ihm, wäre. „O bringen Sie mir sie doch bald!“ sagte Theodora; „denn ich leb’ ohne dieß wie im Kerker, ohne alle Gesellschaft, und leide besonders seit zwey Tagen großen Kummer.“ „Das zeigt sich nur zu deutlich an Ihrer Miene,“ antwortete Horazio; „und so wird sich meine Base vortrefflich zu Ihnen schicken, denn sie ist immer sehr munter und aufgeweckt.“ „Nun,“ antwortete Theodora, „bringen Sie mir sie doch recht bald! ich trage schon eine rechte Sehnsucht nach ihr.“ „In der That,“ erwiederte Horazio, „Ihr Kummer geht mir nahe, und wenn es nicht unbescheiden wäre, würd’ ich es wagen, Sie um die Ursache desselben zu fragen.“

„O mein Bester!“ sagte Theodora; „das ist es eben, was ihn noch größer macht, daß ich ihn nicht mittheilen kann.“

„So will ich auch nicht weiter in Sie dringen; indessen, wenn dieser besondere Umstand nicht eingetreten wäre, so hätt’ ich Ihnen meine Dienste angebothen. Ich bin zwar kein Spanier, aber doch Edelmann, und schmeichle mir, hier mit ansehnlichen Häusern in Verbindung zu stehen.“

„Sie sind also kein Spanier?“

„Nein, wie Ihnen auch schon meine schlechte Aussprache zeigt; ich bin aus Mailand, und nur eines Geschäftes wegen hier, übrigens aber, wie gesagt, zu jedem Dienste bereit, den ich Ihnen leisten kann.“

„Ich danke Ihnen, vortrefflicher Mann! Nach Ihrer freundschaftlichen Äußerung, zu der Sie nur Menschenliebe auffordern kann, da Sie mich nicht einmahl kennen, würd’ ich wirklich undankbar seyn, wenn ich Ihnen die Ursache meines Kummers noch länger vorenthalten wollte. Belieben Sie in dieses Gemach herein zu kommen; hier könnte man uns belauschen.“ Sie gingen hinüber, setzten sich, und Theodora begann: „Ja mein Bester! diesem Hause ist ein großes Unglück widerfahren. Ich hatte die Tochter meiner Schwester, und einen Ritter von gutem Charakter und untadelhaftem Vermögen zu mir bestellt, um zwischen ihnen einen Heirathsvertrag richtig zu machen. Ich muß freylich gestehen, daß das Mädchen eben nicht besondere Neigung gegen den Ritter trug; unerfahrne Mädchen wissen sich aber nicht selbst zu rathen, und so glaubte ich denn meine Pflicht zu thun, wenn ich meine Erfahrung anstatt der ihrigen gebrauchte, und sie so gewisser Maßen zu dieser Verbindung nöthigen würde, wofür sie mir in der Folge noch danken dürfte. Es war schon alles verabredet; sie war mit ihrer Duenna, unter der Begleitung eines Escudero, abgehohlt; aber, Gott weiß wie es geschehen seyn mag, mit einem Mahle verschwanden sie dem Escudero aus den Augen, und der gute Alte weiß nicht im geringsten zu sagen, wo sie hingekommen sey. Ich habe sie bey allen Bekannten, in allen Klöstern aufsuchen lassen; aber nirgends ist sie zu finden. Ihre Mutter liegt krank, und meint, sie sey in meinem Hause. O mein Bester! Sie kommen in viele Gesellschaften; wie würden Sie mich nicht verbinden, wenn Sie nur die geringste Nachricht von ihr geben könnten, damit meine Unruhe nur in etwas gemildert würde. Vielleicht ist sie nicht einmahl mehr in Madrit; von einem entschlossenem Mädchen ist alles zu fürchten. Gern will ich ihr vergeben, wenn sie vielleicht mit einem Ritter von ihrem Stande ein geheimes Liebesverständniß gepflogen hat: wenn sie aber ihr Blut verläugnet; wenn sie sich von einer blinden Leidenschaft hinreißen läßt, und sich etwa einem Häuchler aus niederm Rang’ in die Arme wirft, o Gott! dann ist es um die Ruhe meines Lebens auf immer geschehen. Wie leicht ist ein unschuldiges Mädchen nicht verführt; besonders ein so schönes Mädchen! O Mädchen, Mädchen! was für Kummer machst du mir!“

Horazio, der nun eher an Gottes Wort, als an der Wahrhaftigkeit dieser Erzählung gezweifelt hätte, antwortete ihr: „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, gnädige Frau, für das Zutrauen, das Sie mir schenkten, und will es durch eine Nachricht zu bezahlen suchen, die Ihnen wahrscheinlich willkommen seyn dürfte. Ich weiß nun eine Dame, die nur drey Tage von Haus’ entfernt ist; sie heißt Donna Blanca.“ „Was höre ich,“ schrie Theodora; „das ist meine Nichte! das ist meine verlorne Blanca! Engelsmann!“ schrie sie, und küßte ihn, „wo ist sie? ich sterbe vor Freuden; ein Engel hat mir’s eingegeben, daß ich Ihnen alles erzählen sollte. Wo ist sie denn? wo ist sie denn?“ Er erzählte ihr denn, daß sich Donna Blanca in seiner Wohnung befinde; wie sie zu ihm gekommen sey; daß er sich auf ihren Befehl hier befinde, und das Gelaß nur zum Vorwande gemiethet habe. Sie überströmte ihn nun wieder mit einem Hagel von Küssen, und dankte ihm für sein gütiges Benehmen gegen ihre Nichte; um aber das Frohlocken noch feyerlicher zu machen, schrie sie: „Louischen! Louischen! komm geschwinde, wie du auch aussehen magst! fröhliche Neuigkeiten! gute Nachrichten!“ Louise kam in einem blaßgelben Habite, die Haare in Unordnung, herein geflogen, und so schön sie war, war Horazio’s Fantasie doch schon von Felicianens Bilde zu sehr befangen, als daß ihre Reitze mit voller Gewalt auf ihn hätten wirken können. Sie grüßte den Ritter sehr artig mit einem schwebenden Complimente, und hüpfte ihrer Mutter zu. „Dieser Herr hier, oder vielmehr dieser Schutzgeist,“ sagte Theodora, „hat mir von Blanca Nachrichten gebracht.“

„Gott sey Dank!“ schrie Louise.

„Sie ist in seiner Wohnung, und wir werden sie wieder haben.“

„Wir waren auch schon alle beynahe todt vor Angst,“ sagte Louise wieder.