Nun fing der leibige Pfarrer augenblicklich an, wie ein fettes Leichhuhn über die Gräber fortzutrippeln, und den Raum mit kurzen Schritten abzumessen. „Mehr als zu viel!“ schrie er endlich; „es gibt noch ein Beinhaus, und ein kleines Leichenbehältniß. Wir kriegen aber doch auch ein Thürmchen, gnädige Frau? Wir haben eine überflüssige Glocke, und irgend eine andächtige Seele wird uns es auch nicht an einer Uhr fehlen lassen.“

„Um meines seligen Mannes Wunsch ganz zu erfüllen,“ sagte Constanze, „wird es mir nicht zu viel seyn, auch diese Kleinigkeiten aus meinem Vermögen zu bestreiten, das nach meinen Bedürfnissen ohne dieß viel zu groß ist. Ich gestehe es Ihnen auch, hochwürdiger Herr Pfarrer, daß es mir in so weit wirklich zur Last ist, als ich es nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Übrigens habe ich noch eine Bitte an Sie.“

„Sie befehlen, gnädige Frau! worin kann ich dienen?“

„Ich wünschte sehr, daß Sie es auf sich nähmen, meinen Bau gegen alle Hindernisse zu schützen, mir erfahrne Leute zu dem Baue selbst vorzuschlagen, und endlich — thun Sie es um meines seligen Mannes willen — nehmen Sie dann die Oberaufsicht über die vier Kapläne an.“

„Mit Freuden,“ antwortete der Pfarrer; „zu was mich Gott in seinem Dienste rufen will, dazu bin ich auch bereit. Sie haben mit mir zu befehlen; und da Sie ein frommes Werk unternehmen, so bin ich Ihnen gewisser Maßen Gehorsam schuldig.“

Sie wären nun über die Präliminarien einig gewesen. Sie sagte dem Pfarrer ihre Wohnung; er besuchte sie sehr emsig, und befahl auch seiner Schwester, sie zu besuchen, deren Liebe Constanze augenblicklich zu gewinnen wußte. Das Erste, was sie that, war, daß sie dem Pfarrer ihres Mannes Testament zeigte, und ihn versicherte, daß sie nun in einigen Tagen thätig Hand ans Werk legen werde.

Sonntags Abends kam sie mit ihrer Duenna und dem Escudero in der Pfarre an, um der Schwester des Pfarrers den erhaltenen Besuch zu erstatten. Sie ward mit allem, was Küche und Keller vermochten, bewirthet; und als sie mit einbrechender Dämmerung wieder nach Hause fahren wollte, bath sie der Pfarrer, noch ein wenig zu bleiben, und der Sitzung einer kleinen Akademie beyzuwohnen, die er aus Liebe zu den Wissenschaften und der Musik, in seinem Hause, mit Hülfe einiger Freunde errichtet hatte. Constanze nahm die Einladung unter dem Bedingniß’ an, daß sie und seine Schwester ungesehen zuhören könnten. Das war ausführbar, und er führte sie an ein Fenster mit einem Vorhange, aus dem sie in den Saal sehen konnten, der auf eine merkwürdige Art zubereitet war. Er war ganz mit Tannencisten geziert, und mit Sträußen von Wiesen- und Gartenblumen behangen; oben am Saale standen drey lederne Stühle an einem Schreibtische, und weil es schon dunkel war, begann man rings um den Saal die messingenen Wandleuchter anzuzünden. In der Mitte war ein Hängeleuchter, auf dem drey bis vier Altarkerzen brannten. Es währte nicht lange, so erschienen die Akademiker. Der erste war der Pfarrer selbst, der die Gesetze der Akademie, auf einer Rechentafel geschrieben, trug; der zweyte war der Sacristeydiener, der in den Nebenstunden kleine Predigten verfaßte; der Cantor und sein Bruder, der bey einem Sachwalter als Unterschreiber diente, und welche beyde in dem ganzen Pfarrsprengel das Monopolium der Hochzeit- und Leichengedichte an sich gerissen hatten; sie verfertigten auch Neujahrswünsche, kleine Verse für die Zuckerbäcker, und Inschriften auf die Leichensteine. Nach diesen kam der Kapellan, der aus Wachs kleine Opferthiere verfertigte, und mit besonderer Geschicklichkeit verschiedene Figuren aus Pflaumen- und Aprikosenkernen zu schnitzeln wußte. Indessen, weil sie nicht einig werden konnten, unter was für eine der schönen Künste sie seine Arbeit rechnen sollten, hatten sie ihm, ungeachtet seiner Geistlichkeit, einen so späten Rang angewiesen. Nach diesem kam ein Musicus, der zuweilen auf dem Chore spielte, sonst aber in den Wirthshäusern seine Kunst trieb, und Grab- Hochzeit- und andere Lieder verfertigte. Endlich erschien der Student, der bey ihm im Hause wohnte, und den sie der Tanzkunst widmeten, weil er geschickt Hunde abzurichten wußte. Um Constanzen eine rechte Ehre zu erweisen, sagte ihr seine Schwester, daß in der Gesellschaft noch ein Mitglied für die Baukunst fehle, und daß sie gar nicht zweifle, ihr Bruder werde den Steinmetz, wenn er sich bey der Kapelle auszeichnete, unter sie aufnehmen.

Sie begannen nun ihre Arbeit, und jeder legte einen neuen Beweis seiner Fähigkeit ab. Der Pfarrer eröffnete die Sitzung mit einer Abhandlung über den Ursprung des Gebeths, in der er nicht undeutlich vermuthete, daß Gott den ersten Menschen eine Art von täglichem Breviarium vorgeschrieben, und ihnen daher auch die Gabe, Geschriebenes zu lesen, eingegossen habe. Der Sacristeydiener ging vor die Thür, weil der Saal zu ebner Erde war, zum Fenster herein, was eine Kanzel vorstellen sollte, eine Predigt über die Raupen, die diesen Sommer alle Bäume im Pfarrgarten verdorben hätten, zu halten. Der Cantor hatte drey Gedichte gemacht, das eine enthielt die ganze Passion, und die andern zwey die Geschichte des linken und des rechten Schächers; und diese drey Gedichte hatte er in der Form eines Kreuzes geschrieben, so, daß sie einen förmlichen Calvaria vorstellten. Sein Bruder, der Schreiber, las unmittelbar darnach ein Gedicht zum Lobe des Tabakschmauchens. Der Kapellan stellte ein neues Schwein dar, das er aus Wachs gemacht hatte, und die Hälfte einer glücklich abgenommenen Frauenbrust, wovon man aber das eine eben so gut für ein Schaf, und das andere für die Hälfte eines Hinterbackens hätte ansehen können. Der Musikus hatte eine neue Melodie auf das Nachtwächterlied verfertigt, und nun traf die Reihe den Studenten, der seinen Hunden wieder neue Sprünge und Fratzen gelernet hatte. Nun hatte aber der Pfarrer seinen Akademikern, wie gewöhnlich, frischen Schinken, geräucherte Ochsenzungen, und kalte Pasteten auftischen lassen; und da die Hunde des Studenten, da ihr Herr selbst von des Pfarrers Gnade lebte, immer bey dem gesundesten Appetite zu seyn pflegten, hatten sie auch jetzt kaum drey bis vier Sprünge durch den Reif gemacht, als sie sich erdreisteten, mit ihren profanen Pfoten den Tisch zu besteigen, und unter den Libationen eine solche Verheerung anzurichten, daß alle Akademiker von ihren Stühlen aufsprangen, und diese frechen Schüler der Erato aus ihrem Hörsaale vertrieben. Es war aber leider zu spät, und man mußte sich mit sehr geringen Überbleibseln begnügen. Die Versammlung ging also sehr mißmuthig aus einander, und Constanze ging vergnügt nach Hause.

Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Den nächsten Morgen mußte sich Mogrobejo nach einem vertrauten Freund’ umsehen, der sich für einen erst aus Toledo angekommenen Architecteur ausgeben, und zwey oder drey Risse von einer Kapelle mit sich bringen sollte. Der Escudero war scharfsichtig, wie ein Falke, und wendete sich daher an keinen untüchtigen Mann. Er sollte sich den folgenden Tag, an dem sie vom Pfarrer Besuch erwartete, einfinden. Der Pfarrer kam; der Baumeister kam; man vereinigte sich über den Plan, und ließ einen Notar rufen, vor welchem und zwey Zeugen sich der Baumeister anheischig machte, die Kapelle binnen einem Jahre herzustellen; dafür verlangte er zwey tausend Escudo’s im vorhinein; Constanze fand aber diese Summe zu groß, und erklärte sich, daß sie unterdessen drey hundert Escudo’s geben wollte, womit sich der Baumeister befriedigte. Sie lud alle über zwey Tage zum Mittagmahle ein, und da sollte sogleich Hand ans Werk gelegt werden.

Nun schickte Constanze den Escudero noch denselben Abend zu ihren Freundinnen um den Schmuck, und erhielt ihn auch sogleich in einem ansehnlichen Futterale von carmoisinrothem Saffian. Sie schickte dasselbe nun unverzüglich zu einen Futteralmacher, und ließ ein so ähnliches verfertigen, daß man es von dem rechten kaum unterscheiden konnte. Nun ließ sie den Pfarrer rufen, der sich auch im Augenblicke einfand. Sie nahmen Stühle, und Constanze sprach: „Herr Doctor, ich habe acht tausend Escudo’s bey den Fuggern[B] stehen, die ich zu ansehnlichen Zinsen genieße; mein seliger Mann hat sie aber nur unter dem Bedingnisse untergebracht, daß er sie einen Monath vor der Herausbezahlung aufzukündigen habe. In der Verwirrung, in die mich der plötzliche Tod meines Mannes setzte, hab’ ich nun vergessen, die Aufkündigung einzuschicken, und bin nun in der Verlegenheit, daß ich das Geld gerade jetzt, da ich es am nothwendigsten brauche, nicht habe. Ich sehe mich denn, so schwer es mir fällt, gezwungen, meinen ansehnlichen Schmuck bey einem vertrauten Manne, gegen billige Bedingnisse, auf einen Monath einzusetzen. Hier ist er,“ sagte sie, indem sie aus der Estrata ein Lädchen unter dem Überzuge hervor nahm, und dem Pfarrer, der in seinem Leben nie solchen Schmuck gesehen hatte, die reichen Geschenke des Mailänders und des Genuesers zeigte.