„Lieber Gott!“ sagte der Pfarrer; „das ist ja über hundert tausend Escudo’s werth.“
„Nicht doch, Herr Pfarrer!“ sagte sie; „Sie sind ein schlechter Kenner: der ganze Werth besteht in etwas über dreyßig tausend Escudo’s; und gerade, weil dieß doch keine Kleinigkeit ist, wünscht’ ich irgend einen Mann zu wissen, bey dem ich nicht Gefahr liefe; denn bey jetziger Zeit kann man sich wahrhaftig nicht genug hüthen.“ Während dieser Rede hatte sie das Futteral wieder versperrt, und in das Lädchen gelegt. Der Pfarrer wünschte der großmüthigen Dame in allem Genüge zu leisten, und both sich an, ihr die acht tausend Escudo’s noch denselben Tag aus seinem eigenen Vermögen einzuhändigen. „Belieben Sie nur,“ sagte er, „eine Schrift wegen Leben und Tod bereit zu halten.“ Constanze nahm den Antrag mit Freuden an, und zog geschwinde unter dem Überzuge der Estrata das andere Futteral, welches ebenfalls versperrt war, hervor. Der Pfarrer nahm es, und wollte forteilen; an der Thür kehrte er aber noch um, und sagte: „Hören Sie, gnädige Frau, die Baumeister sind Leute, die immer bares Geld sehen wollen. Damit wir ihn nun nicht abschrecken, bring’ ich Ihnen lieber gleich die tausend vier hundert Escudo’s an der Stelle, und des Abends die andern acht tausend, damit Sie dann Ihr Geld ganz beysammen haben.“ Er hielt auch genau Wort, und Constanze hatte die ganze Summe in Händen. Der Pfarrer hätte den Schmuck gern seiner Schwester gezeigt, wagte es aber nicht, zu Constanzen um den Schlüssel zu schicken, weil es einem Mißtrauen ähnlich gesehen hätte.
So bald die schöne Wittwe das Geld in Händen hatte, machte sie sich mit ihrer Duenna und dem Escudero nach Lescas auf. Ihrem Hausherrn schützte sie vor, daß sie das Quartier verlasse, weil es ihr zu melancholisch wäre, und so fuhr sie denn mit allem Geräth’ ab, und verbarg sich bey ihren Freundinnen so gut, daß sie niemand hätte finden können. Nun kam der Pfarrer, und hörte, daß seine reiche Gönnerinn eine andere Wohnung bezogen habe; die Hausleute versprachen ihrem hochwürdigen Herrn Pfarrer aber, daß sie ihm bis morgen schon sagen wollten, wo sie wohne. Den andern Tag sehr früh kam er wieder; man wußt’ es noch nicht: er kam des Abends, und man wußt’ es noch nicht. Nun begann er erst Argwohn zu schöpfen; er lief nach Hause, und da seine Schwester darauf bestand, daß er einer Betriegerinn in die Hände gerathen sey, beschloß er endlich, das Futteral zu öffnen, und sich aus dieser peinlichen Ungewißheit zu reißen, es kost’ auch, was es wolle. Er öffnete es denn, und fand anstatt der Diamanten die schönsten und artigsten kleinen Kieselsteine. Die Pulsen standen ihm stille; seine Schwester rieb ihm die Schläfe, und hielt ihm ein Riechfläschchen vor. Er erhohlte sich wieder, und lief zu dem Richter: was half aber alles Nachsuchen des Richters, wenn sich eine von unsern Heldinnen verbarg? Er fiel in eine Todeskrankheit, von der er sich sehr langsam erhohlte, und vom Tage des entdeckten Betruges an war er ein Teufel, der das ganze Haus peinigte, und mit dem es niemand mehr aushalten wollte. Besonders hatten die Akademiker seinen Unmuth empfunden; denn als sie ihn denselben Tag besuchten, um wieder eine Sitzung zu halten, mißhandelte er sie so, daß sie schworen, ihn vor Gerichte zu belangen.
[B] Eine reichsgräfliche Familie, deren Reichthümer in Spanien zum Sprüchworte geworden sind.
VIERTE SPAZIERFAHRT.
Dorothee, welche nun die Reihe traf, ließ vier Monathe verstreichen, bevor sie eine neue Unternehmung wagte, damit sich unterdessen das Gerücht vom Kapellenbaue verlieren möchte. Auch benützte man diese Zeit, um den Wagen wieder anders zuzurichten, und Kutscher und Pferde zu wechseln. Endlich fand sie es räthlich, in Gesellschaft ihrer Mutter, und der alten Banuelos zu Madrid einzuziehen. Sie nahmen ihre Wohnung dieß Mahl zur Abwechslung in dem Martinsviertel. Nach einigen Tagen begaben sie sich mit dem neuen Escudero, den sie aufgenommen hatten, unter das Thor von Quadalaxara. Als die jungen Herren, die auf dem Markte herum spazierten, einen Damenwagen an einem Kaufmannsgewölbe halten sahen, liefen sie wie Hasen davon, um nicht etwa in die Verlegenheit zu gerathen, wenn es eine von ihren Bekannten wäre, aus Artigkeit oder Tändeley ein Geschenk anbiethen zu müssen. Dorothee ließ sich eine goldener Tabatiere, und etwas von Frauenputz an den Wagenschlag bringen. Mit einem Mahle kam ein fremder Cavalier, der erst unlängst aus Andalusien angekommen war, und nun hier den Zusammenfluß der Madriter schauen wollte, an dem Wagen vorüber. Die schöne Dorothee fiel ihm auf, und als ein Mann von Welt, machte er ihr sogleich seine tiefe Verbeugung. Er mochte beyläufig sechs und zwanzig Jahre haben, war klein von Person, aber niedlich gebaut, und ganz fertig, ein Gespräch mit feinen Wendungen und drolligen Einfällen zu würzen; dabey war er aber von ungemein verliebter Stimmung, und sein Kopf war vom Romanenlesen ein wenig angebrannt. Dorothee bemerkte den raschen Eindruck, den sie auf ihn gemacht habe, und begegnete seinem Blicke vorsetzlich einige Mahl. Er ward muthiger, trat an den Wagenschlag, und sagte: „Schöne Unbekannte, diese Waare ist schon bestellet.“ „Das thut mit leid,“ antwortete Dorothee. „Indessen,“ fuhr der Andalusier fort, „wenn sie Ihnen gefällt, bin ich bereit, sie mir abhandeln zu lassen, und will sie als förmlicher Kaufmann in Ihre Wohnung bringen, die Sie mir zu sagen belieben werden.“ Hiermit steckte er dem Kaufmann, was die Waare beyläufig werth seyn mochte, in die Hand.
„In der That,“ sagte Dorothee, „wenn ich Sie kennte, würde ich Ihnen vielleicht mit eben dieser — wie will ich sagen — Freymüthigkeit, oder Zudringlichkeit, wenn Sie wollen, in Ihren Ton einstimmen; so aber“ — sie hatte sehr gut gesehen, was vorgegangen war — „bleibt mir nichts übrig, als die Waare wieder dahin zurück zu stellen, von wo ich sie bekommen habe. Gnädiges Fräulein,“ sagte er, „denn Frau können Sie doch unmöglich seyn; Sie scheinen ungehalten: seyn Sie es aber nicht. Ich bin ein Mensch, der niemand auf Erden, am wenigsten aber eine Dame beleidigen will, und der nur manchmahl den Rechnungsfehler begeht, daß er meint, man würde seine — ich kann es mit gutem Gewissen nur Lebhaftigkeit nennen, eben so gerade aufnehmen, als er sie äußert. Bey uns in Andalusien wird mir so etwas zu Gute gehalten; ich erwartete denn, daß ich hier, wo ich erst zwey Tage bin, ein anderes Andalusien finden werde.“
Dorothee merkte nun, daß sie ihren Mann gefunden habe, und fand es für gut, an der Stelle eine nähere Bekanntschaft zu gründen. Sie frage denn: „Mein Herr, das ganze Waarenlager werden Sie doch nicht aufgekauft haben,“ stieg aus dem Wagen, und ging in das Gewölbe; Der Andalusier ihr nach.
Sie ließ sich Federn, Bänder, und Seidenstoff für beyläufig hundert Escudo’s vorlegen, und behandelte den Preis. Sie bemerkte, daß er vom Kaufmanne heimlich die Rechnung fordre, und sagte daher: „Mein lieber Herr, ich habe vor Tische noch einige Besuche vor mir: Sie würden mich verbinden, wenn Sie mir alles nach Tische in meine Wohnung schickten; dann werden Sie auch gleich das Geld dafür erhalten.“ Der Kaufmann fand sich sehr bereit, und Dorothee sagte ihm ihre Wohnung. Der Andalusier sprach nur: „Gnädiges Fräulein, ich weiß nun Ihre Wohnung: wie würden Sie sich wohl benehmen, wenn ich unartig genug wäre, Sie zu besuchen?“ „Fürs erste,“ antwortete Dorothee, „halt’ ich Sie nicht für so voreilig; und wenn Sie es wären, würde mir nichts übrig bleiben, als daß ich durch ein artiges Betragen Sie zu bessern suchte.“ Sie ging fort, und fuhr nach Hause. Nach Tische kam der Diener des Kaufmanns, brachte die Waaren, und als sie sich anstellte, als ob sie bezahlen wollte, schlug er es unter dem Vorwande aus, daß die Summe noch zu klein wäre, um eine Rechnung zu machen, und daß sie ihr noch mehr zu verkaufen dächten. Es währte nicht lange, so war auch unser Andalusier da. Dorothee empfing ihn in Gesellschaft ihrer Duennen sehr artig, und er erzählte ihr, daß er Don Thadeo de Sylva heiße, eigentlich aber Don Thadeo Tristan de Lorgenes, nach einem Oheime, der das Abgeschmackte dieses Nahmens mit einer ansehnlichen Erbschaft wieder gut gemacht hätte; Dorothee vertraute ihm dafür, daß sie mit einem Ritter verheirathet sey, der sich in Indien befände, und so unglücklich gewesen sey, in Lima gefangen zu werden; nun erwarte sie aber ihn und ihr ganzes Vermögen mit der nächsten Flotte. Don Thadeo both ihr feyerlich alle Dienste an, die in seinen Kräften ständen, indem er wohl wisse, was sich für Schwierigkeiten fänden, wenn man am Hofe Forderungen machte. „Es ist wahr,“ erwiederte sie; „aber zum Glücke hab’ ich doch immer genug gehabt, um zwey Dienerinnen, einen Escudero, und meinen Wagen zu halten.“ Nun war es Zeit, sich zu entfernen, und Thadeo empfahl sich.
Dorothee suchte nun nähere Erkundigung über seine Umstände einzuziehen, und alle Nachrichten waren nach Wunsche. Seine Besuche wurden immer häufiger, und seine Neigung immer heftiger. Dorothee suchte seine Schwächen aufzufinden, unter denen auch die Vorliebe für Lieder und Melodien, die er selbst verfaßt hatte, war, und suchte sie auf’s Beste zu benutzen; kurz, er ward so verliebt, als noch kein Liebhaber ihrer Mitschwesterchen gewesen war. Dorothee, die eine sehr schöne Stimme, und einen hinreißenden Vortrag hatte, sang von der Stunde an kein Liedchen mehr, das nicht Thadeo verfertigt hatte, und verlangte selbst noch Unterricht auf der Guitarre von ihm; dafür liefen sich seine Bedienten mit Küchengeschenken müde, und er selbst brachte beynahe jeden Tag irgend eine kostbare Kleinigkeit zum Putze mit. Dorothee hatte jedes Mahl einen Vorwand bereit, unter dem es ihre Bescheidenheit erlaubte, seine Großmuth nicht zurück zu schrecken. Auch hatte sie sich schon zwey Mahl einen Kuß auf die Lippen gefallen lassen, von denen sie den letzten sogar — wer hätte sich’s von Donna Dorothea träumen lassen? — mit schamhaftem Erröthen erwiederte.