Unter den Vögeln fiel unserm William besonders der Emu – so nannte Kolbi dieses Thier – oder der australische Kasuar, auf. Wenn die Kasuare aufrecht stehen und ihre langen Hälse in die Höhe strecken, erreichen sie fast die Größe eines Mannes. Sie sehen in der That wunderbar aus, und William konnte sich sogar einiger Furcht vor diesen riesigen Thieren nicht erwehren, wenn er ihnen auf seinen Streifereien begegnete. Der Emu hat einen langen Hals und sehr lange Beine, einen plump gebauten Körper und, obgleich er zum Vogelgeschlechte gehört, weder Federn noch Flügel. Die Stelle der Federn vertritt eine Art von Haaren, die aber sehr dünn auf den Körper gesäet und gleichsam ein Mittelding zwischen Haaren und Federn sind; statt der Flügel hat er zwei kurze Lappen an der Seite. Eine Stimme hat man noch nicht an dem Emu bemerkt. Das Fliegen ist diesen Thieren unmöglich, dagegen aber laufen sie, wenn sie verfolgt werden, sehr schnell.
Die Eingeborenen machen mit Hunden Jagd auf sie. Man kann nur die Keulen zur Speise benutzen, diese aber schmecken ganz wie unser Rindfleisch. Auch die Eier sind ein Leckerbissen. Man findet sechs bis sieben in einem Neste, und sie sind so groß, daß man die Schaalen zu Gefäßen benützen kann. William war nicht wenig erfreut, als Kolbi auf einen ihrer Streifereien ein Emunest entdeckte; jubelnd trug man es heim, genoß mit großem Behagen den Inhalt, und hatte noch obendrein mehre ganz artige Gefäße, an denen es ihnen seither sehr gefehlt hatte.
Die wilden Truthähne – zwei Arten entdeckte man bis jetzt davon, die dunkeln und die blaufarbigen – waren ein großer Leckerbissen für unsre Colonisten. Ihr Fleisch war zart und saftig, und hatte den allerbesten Geschmack, da es fetter als das der übrigen wilden Vögel war. Sie bewohnen die buschigen Stellen der Insel und sind nicht leicht zu erlegen, da sie sehr furchtsamer und vorsichtiger Natur sind. Außer diesen Vögeln fand man noch Schnepfen, die große Taube, die von Kolbi Wanga-Wanga genannt wurde; zwei Arten brauner Tauben, und die schöne Federbusch- und grüne Taube. Ein sehr schönes Thier ist auch der Bergfasan, welcher nicht nur vortrefflich schmeckt, sondern auch ein Spottvogel ist, der die Stimmen anderer Vögel nachzumachen versteht. Auch Krähen und Elstern, gute Bekannte unsers Williams von der Heimath her, zeigten sich in großer Menge; allein unsere Schützen machten keine Jagd darauf, da ihr Fleisch nicht genießbar ist. Auf den Gipfeln der Berge hauste der König der Vögel, der Adler, der hier einen weißen Kopf hat; auch an andern Raubthieren, namentlich an Falken, fehlte es nicht. Sie sind die Feinde der andern Vögel und sehr von ihnen gefürchtet.
Auf einem Spaziergange, den William und Kolbi an einem schönen Abende machten, erblickte ersterer einen schneeweißen, schön befiederten Vogel, den er auf den ersten Blick für einen Kakatu erkannte; er hatte nämlich einen solchen früher in einer Menagerie gesehen, und war nicht wenig erfreut, ihn hier im Naturzustande zu erblicken. Späterhin entdeckte er vier Arten von Kakatus: zwei schwarze, ohne Federbüsche, mit gelbgefleckten Flügeln und eben so gestreiften Schwänzen; dann den weißen mit gelben und endlich den schieferfarbigen mit rothem Federbusch. Besonderes Vergnügen gewährten unserm William, für den diese ganze Thierwelt völlig neu war, die vielen Papageien, die er erblickte. Man findet sie in Australien fast von allen Farben und Größen und prächtiger gefiedert, als sonst irgendwo. Er sah diese Thiere, die man in Europa so theuer bezahlt, in ganzen Schwärmen umherfliegen und fast jedes Gebüsch davon belebt. Da war der schöne Königspapagei mit seinem herrlichen grünen Gefieder, dem glänzendrothen Kopf und Nacken – auch ihr werdet ihn schon gesehen haben; – den kleinen Rosehillpapagey mit rothem Kopf und gelber Brust; den Bergpapagei, der blau ist und in allen Farben des Regenbogens schillert. Williams Auge konnte nicht müde werden, diese schönen Thiere zu betrachten und da sie, niemals bisher von den Menschen verfolgt, durchaus nicht scheu thaten, konnte er ihnen ganz nahe kommen und sie mit Muße besehen. Kolbi, der gute Kolbi bemerkte kaum, welche Freude sein Genosse an diesen Vögeln hatte, so war er auch schon darauf bedacht, einige davon für seinen Freund zu fangen. Er legte ihnen sehr geschickt Schlingen, und da er ihre Lieblingsnahrung kannte, lockte er sie vermittelst derselben in diese. William hatte bald eine vollständige Sammlung dieser schönen Geschöpfe, und man sah sich genöthigt, einen Winkel der Hütte mit Brettern abzukleiden, um einen großen Käfig für die lieben Gäste herzustellen. In müßigen Stunden vertrieb William sich die Zeit damit, diese Vögel zu zähmen und ihnen, da er ihre große Gelehrigkeit kannte, Worte aussprechen zu lehren. Hierin zeichnete sich vor allen andern der große Königspapagei aus, der sehr bald, zu Williams nicht geringem Ergötzen, ganz deutlich seinen und Kolbis Namen aussprach und nach und nach auch noch andere Worte, als: Mutter, Vater, guten Morgen erlernte; William wollte ihm auch den Namen seiner geliebten Vaterstadt Hamburg lehren; allein dies war eine zu schwierige Aufgabe für seine kleine Kehle, und das Wort kam nur sehr unvollkommen heraus.
So hatten unsre Beiden in ihrer Einsamkeit und Abgeschiedenheit auch ihre kleinen Genüsse und Freuden, die noch durch das Einfangen eines jungen australischen Hundes, den man Dingo nennt, vermehrt wurden. Diese Hunde sind von den unsrigen sehr verschieden. Sie haben entweder dunkles oder röthliches Haar, das sehr zottig ist, lange, buschige Schwänze, spitzige Ohren, sehr dicke Köpfe und etwas spitzige Schnautzen. Sie laufen mit wahrhaft erstaunenswerther Schnelligkeit und beißen tüchtig um sich, wenn sie sich zu vertheidigen gezwungen sind. Sie bellen nicht wie unsre Hunde, stoßen aber oft ein erbärmliches Geheul aus, das besonders bei Nachtzeiten höchst widerlich klingt. Sie sind Raubthiere und werden von andern Thieren sehr gefürchtet, die sie vermöge ihrer großen Schnelligkeit leicht erreichen. Sie tödten sie nicht, reißen ihnen aber mit ihren scharfen Zähnen ein Stück Fleisch aus und an dieser Wunde sterben dann die armen Gebissenen eines qualvolleren Todes, als wenn sie auf der Stelle von ihnen getödtet worden wären.
Kolbi, der eben kein Kostverächter war, hatte schon mehre Male Dingos erlegt und sich einen für seinen Gaumen höchst schmackhaften Braten davon gemacht; William mochte dabei aber nicht sein Gast sein, weil das Fleisch einen überaus widerlichen Geruch hatte. Die Aehnlichkeit dieser Thiere mit den ihm von der Heimath her so lieb gewordenen Hunden, bewog ihn aber zu dem Wunsche, einen jungen Dingo zu besitzen, um ihn zähmen und abrichten zu können. Kaum war Kolbi dieser Wunsch bekannt geworden, so dachte er auch schon darauf, ihn zu befriedigen. Die Sache war aber nicht eben leicht in's Werk zu richten, indem der Dingo, der sehr scheu ist, sein Nest überaus gut zu verstecken weiß; auch war es, selbst wenn man bewaffnet war, nicht ungefährlich, sich dem Lager zu nähern, wenn die Alten gegenwärtig waren, da diese ihre Jungen wüthend vertheidigten.
Indeß verzagte unser Kolbi trotzdem nicht, und als er erst einmal so glücklich gewesen war, das Nest eines Dingo's zu entdecken, lauerte er so lange auf, bis er die bereits dem Säugen entwachsenen Jungen allein überraschte. Er ergriff eines davon und trug es eilig zur Hütte, sich nicht daran kehrend, daß es sich sträubte und mit den kleinen spitzigen Zähnen tüchtig um sich biß.
Nicht wenig erfreut war William, sowohl über diesen neuen Beweis von der Zuneigung seines Kolbi, als über den Besitz des artigen Thieres; denn obschon im erwachsenen Zustande mehr häßlich als hübsch, sind die jungen Dingos doch ganz allerliebst; auch wollte William das Thier weniger zum Zeitvertreibe haben, als es zum Wächter erziehen.
Der kleine Dingo machte unsern Beiden zu Anfang das Leben sehr schwer. Er biß um sich, so wie man sich seinem Behälter nur nahte, heulte die ganzen Nächte hindurch und verschmähte zuerst sogar jegliche Nahrung, so daß unsre Freunde, die fürchten mußten, ihn elendiglich umkommen zu sehen, aus Mitleid schon im Begriffe waren, ihm seine Freiheit wieder zu geben. Da änderte das kleine Ungethüm, vermuthlich, weil der Hunger ihm allzu sehr zusetzte, plötzlich seine Natur: er genoß nicht nur etwas von dem ihm hingeworfenen Fleische, sondern nahm es schon nach wenigen Tagen begierig aus der Hand Williams oder Kolbis; ja, es waren nun erst einige Wochen verstrichen, so wollte er keine andere Nahrung nehmen, als die einer der beiden Freunde ihm reichte; selbst das Wasser, welches man ihm in einer der von den Kasuar-Eiern gewonnenen Schaalen reichte, mußte ihm hingehalten werden, wenn er es trinken sollte, und statt die ihm hingehaltene Hand, wie früher, zu beißen, leckte er sie dankbar. Jetzt, da er sich so vernünftig und zuthunlich bezeigte, glaubte man ihm die Freiheit schenken zu dürfen. Man öffnete seinen kleinen Kerker und er kroch aus demselben hervor. Er mißbrauchte die ihm gewährte Freiheit auch nicht, sondern trennte sich nicht mehr von seinen Gebietern, die freilich seine volle Zuneigung auch durch ihr liebreiches Betragen verdienten. Es war entschieden beider Liebling und mancher Leckerbissen fiel ihm zu. Wenn sie ihr einfaches Mahl hielten, gesellte er sich allemal zu ihnen und war offenbar »in ihrem Bunde der Dritte.« Mit klugen Augen sah er bald den Einen, bald den Andern an, ob nicht etwa ein Bissen für ihn abfiele, und erhielt er ihn, so leckte er dankbar die Hand des Gebers. William, der ihn nie neckte und zerrte, wie Kolbi zuweilen in seinem kindischen Muthwillen that, schien ganz besonders seine Gunst zu besitzen, denn jede Nacht schlief er ganz dicht neben jenem. Man hatte auf Williams Wunsch dem Dingo den Namen Waldmann gegeben, nach einem artigen Tackelchen, das in der Heimath der Liebling unsers Freundes gewesen war, und das Thier hörte bald sehr verständig auf diesen Namen. Ueberaus schwer war es aber gefallen, den Hund an gekochte oder vielmehr gebratene Speisen, noch schwerer aber, ihn an den Genuß der Pataten zu gewöhnen. Seiner Natur nach fraß er nichts als rohes Fleisch und durchaus keine Pflanzenkost; endlich gewöhnte er sich aber doch daran, die Knochen des gebratenen Fleisches zu nagen, und als man ihn einige Zeit hatte hungern lassen, fraß er sogar mit Begierde die ihm dargereichten Pataten. So fehlte es unsern beiden Einsiedlern keineswegs an kleinen Genüssen und Freuden, ja sogar nicht an Unterhaltung, indem Kolbi nach und nach Williams Sprache verstehen und selbst nothdürftig sprechen lernte. Zwar klang das, was er sagte, oft überaus possierlich und mit den Fürwörtern wußte er namentlich noch immer nicht zurecht zu kommen, auch verwechselte er die Artikel; allein eben dieses Kauderwälsch ergötzte William und überdies verstanden sie einander ganz vollkommen, zumal da letzterer bereits eine Menge Wörter von der Papuas-Sprache – der Volksstamm, zu dem Kolbi gehörte, nennt sich die Papuas – verstand, so daß, wenn Kolbi eine Sache auf deutsch nicht zu nennen wußte, er sie nur in seiner Muttersprache zu nennen brauchte, um sich seinem Freunde verständlich zu machen. William würde sich geschämt haben, sich von Kolbi in der Gelehrigkeit übertreffen zu lassen, und so legte er sich auf die Papuas-Sprache, wie Kolbi auf die deutsche.
Wenn es dunkel wurde und sie folglich keine Arbeit mehr verrichten konnten, vertrieben sie sich die Zeit wechselseitig mit Erzählungen von ihrer Vergangenheit und den Sitten und Gebräuchen der Nation, zu der sie gehörten. William war der Erste, welcher seinem Freunde die von ihm erlebten Schicksale mittheilte, und Kolbi folgte seinem Beispiele.