Er erzählte ihm, daß er auf seinem winzigen, aus einem ausgehöhlten Baumstamme gemachten Canot von der Küste eines großen, großen Landes herübergekommen sei, weil die Feinde seines Stammes, in deren Gefangenschaft er im Kriege gerathen war, ihn hatten braten und verzehren wollen.
– »Verzehren?!« rief William entsetzt bei diesen Worten aus; »verzehren? das wäre ja abscheulich gewesen!«
– »O, Menschenfleisch soll sehr gut schmecken,« versetzte Kolbi ruhig, »und wäre ich nur noch ein Jahr älter gewesen, so würde auch ich es gewiß gekostet haben; denn bei meinem Stamme erhalten es nur die tapfern Krieger, die schon einen Feind erlegt oder gefangen genommen haben. Wäre ich nun größer und stärker geworden, so hätte ich auch schon einen Feind tödten oder mit meinen Händen gefangen nehmen wollen, und dann würde man es mir nicht verwehrt haben, sein Fleisch zu braten und zu verzehren.«
– »Ich danke Gott dafür, Kolbi, daß du eine solche Sünde nicht begingest,« sagte William, der bei dem Gedanken schauderte, daß sein so herzlich geliebter Kolbi ein Menschenfresser hätte werden können.
– »Ich weiß nicht, was eine Sünde für ein Ding ist,« versetzte Kolbi; »aber so viel weiß ich, daß es mir sehr leid thut, daß es hier keine Feinde gibt, die man erlegen und deren Fleisch man essen kann; denn es soll besser schmecken, als das der Kängeruh, selbst wenn diese noch jung und zart sind. So sagte mir wenigstens mein Vater, der oft Menschenfleisch genossen hat, nun aber keins mehr ißt, weil er todt und wahrscheinlich von den Feinden aufgegessen ist. Ich selbst sah ihn in der Schlacht fallen, als ich ihm die Waffen in derselben nachtrug, und da die Feinde den Sieg erhielten, weil der gute Geist, den wir Koyan nennen, sich von uns abgewendet hatte, werden sie ihn wohl gefunden und mit sich geschleppt haben.«
– »Wie geriethest aber du in Gefangenschaft? und wie gelang es dir, dich aus derselben zu befreien und hieher in dem Canot zu retten?« fragte William, der, von Neugierde getrieben, es für ein Andermal versparte, seinen Freund davon zu unterrichten, was eine Sünde sei.
– »Das will ich dir sagen,« versetzte Kolbi. »Als mein Vater von der Lanze eines Feindes getroffen worden war und blutend zu Boden sank, wurde ich so betrübt, daß ich neben ihm niederfiel und vor übergroßer Betrübniß nicht daran dachte, mich zu retten. Zwar rief er mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte zu: »Flieh, mein Sohn! Rette dich! sonst werden die Feinde, wenn sie den Sieg erhalten, auch dich schlachten und verzehren!« allein ich war viel zu betrübt, um diesem Befehle Folge leisten zu können; auch mochte ich meinen Vater nicht verlassen, so lange noch Leben in ihm war. Als aber sein Athem stockte; als er die Augen schloß, um sie nicht mehr aufzuthun, da war es zu spät, mich zu retten. Die Feinde hatten unsern Stamm in die Flucht geschlagen; ich wurde neben der Leiche meines Vaters ergriffen; man band mir die Hände auf den Rücken fest und schleppte mich fort an den Strand des Meeres, wo man ein Siegesfest feiern und die Erschlagenen, mich wahrscheinlich auch, nachdem man mich geschlachtet, verzehren wollte. Ich war sehr traurig, denn ich mochte mich nicht braten und verzehren lassen......«
– »Das verdenke ich dir nicht,« unterbrach William den Erzähler; »ich hätte das auch nicht gemögt. Aber erzähle weiter; ich bin sehr begierig darauf, wie du dich rettetest.«
– »Als die Feinde mich mit sich an's Ufer geschleppt hatten,« fuhr Kolbi fort, »banden sie mich an einen Baum fest, der unfern des Platzes stand, wo sie ihr Siegesfest feiern wollten und wo sie bereits ein großes Feuer angezündet hatten, an dem die Getödteten und ich gebraten werden sollten. Ich weinte bitterlich und erwartete jeden Augenblick den Tod. Sie bereiteten indeß den Kawa, indem sie eine Wurzel kauten und den dadurch erhaltenen Brei mit Wasser vermischten, wie es bei uns Sitte ist; wer aber viel von diesem Getränke trinkt, der wird wie toll und weiß nicht mehr, was er thut; er macht die närrischten Sprünge und ist so ausgelassen lustig, daß es eine Freude ist, ihn zuzusehen. Die Feinde tranken nun vielen Kawa und als ich sie in dem dir eben beschriebenen Zustande sah, glaubte ich, daß es Zeit sei, an meine Rettung zu denken. Ich versuchte, eine meiner Hände aus der Schlinge zu ziehen, mit der beide an den Baum befestigt waren, und nach einiger Anstrengung gelang es mir. Denn, als Alles das bereits hoch empor lodernde Feuer umtanzte und Keiner mehr Acht auf mich gab, warf ich mich auf den Boden nieder und kroch auf dem Bauche, wie eine Schlange, durch das hohe Gras hin, bis ich in einen Wald gelangte. Hier erhob ich mich und eilte so schnell von dannen, daß es den Feinden nicht möglich gewesen sein würde, mich noch wieder einzuholen. Lange irrte ich in dem mir völlig unbekannten Walde umher, nährte mich von Beeren und Wurzeln und schlief des Nachts auf Bäumen, zwischen deren Zweigen ich mich festklemmte, um im Schlafe nicht herunter zu fallen. Endlich gelangte ich wieder an das Meer und da ich, zu meiner Freude, am Strande ein Canot fand, schob ich es in das Wasser, setzte mich hinein und ruderte fort. Wohin? das wußte ich selbst nicht, auch war es mir gleich viel, wenn ich nur nicht wieder in die Gewalt derer fiele, die mich braten und verzehren wollten. Ich hatte gehört, daß gegen Aufgang des großen Gestirns, das du Sonne nennst, nicht allzufern von der Küste, ein Eiland läge, und dahin steuerte ich in der Hoffnung es zu finden. Das Glück verließ mich nicht, und nachdem ich fast einen halben und einen ganzen Tag auf dem Meere umhergeschifft war, erblickte mein Auge in der Abenddämmerung die Küste der Insel, die ich bald glücklich erreichte. Ich zog mein Canot auf den Strand und legte mich darein, um zu schlafen; denn es war dunkel geworden und ich so müde, daß ich kaum an meinen großen Hunger dachte. Am andern Morgen, als ich die an den Strand getriebenen Trümmer des großen Hauses auf dem Meere, das du Schiff nennst, betrachtete, und die gleichfalls entdeckte Kiste öffnete, fandest du mich. Alles Andere aber weißt du auch, daß ich dich zu Anfang für den bösen Geist Potayan hielt, der den armen schwarzen Leuten großen Schaden zufügt, und mich sehr vor dir fürchtete.« Hier schloß Kolbi seine Erzählung, die ich Euch nicht in seiner unvollständigen, kauderwälschen Sprache, sondern in der mitgetheilt habe, die Euer Ohr gewohnt ist.