Dadurch, daß unsre Freunde jetzt hinlänglich mit Jagdgeräth versehen waren – denn Kolbi hatte für William auch einen trefflichen Bogen gemacht und Pfeile schnitzte er stets in Menge – konnten sie bereits darauf denken, auch den vierfüßigen Thieren der Insel den Krieg zu erklären. Es gab deren nicht viele auf derselben, wie Australien überhaupt nicht eben reich an vierfüßigen Thieren ist; dafür aber waren sie desto seltsamer, und unser William, dem sie bisher völlig unbekannt geblieben waren, konnte oft vor Erstaunen kein Wort hervorbringen, wenn er ihnen auf seinen Streifereien begegnete.

Da war zuerst das Kängeruh, wovon es wohl fünf bis sechs verschiedene Arten gab, und das größte einheimische Thier Australiens ist, und, obschon es oft an 200 Pfund wiegt, zum Mäusegeschlecht gehört.

– »Zum Mäusegeschlecht sollte ein so großes Thier gehören?« fragt wohl der Eine oder Andere voll Verwunderung.

– Zu keinem andern, ist meine Antwort, und wenn Ihr eine Naturgeschichte zur Hand nehmt, die mit Abbildungen versehen ist, werdet Ihr finden, daß dieses große und seltsam gebildete Thier in seinem Bau, bis auf die langen Hinter- und sehr kurzen Vorderfüße, eine große Aehnlichkeit mit unsern Mäusen hat. Es gibt graue, röthliche und schwarzbraune Kängeruhs, und fast von allen Größen, bis zur Kängeruhratte hinab, die gern in hohlen Bäumen wohnt.

Kaum kann ein Anblick seltsamer sein, als der dieser Thiere. Der Körper derselben ist, wie schon gesagt, wie der einer großen Maus gestaltet, sie haben aber wohl dreimal so lange Hinter- als Vorderfüße und gehen fast beständig auf den ersteren, folglich in aufrechter Stellung.

Der sehr kurzen Vorderfüße bedienen sie sich fast nur, um ihre Nahrung zu erfassen, die in Gras und Kräutern besteht. Ihres überaus langen, starken und dicken Schwanzes bedienen sie sich zum Stützpunkte, er vertritt also gleichsam die Stelle eines dritten Beins. Ihr Gang ist eine Art von beständigem Hüpfen, wobei sie sehr schnell von der Stelle kommen. Sie haben nur ein Junges zur Zeit, das sie, bis es gehörig ausgewachsen, in einem unter ihrem Leibe befindlichen Beutel tragen, weshalb man sie auch zu den Beutelthieren zählt. Sie sind durchaus harmlos und, wo man nicht häufig Jagd auf sie macht, auch wenig scheu. Wenn sie verfolgt werden, machen sie ungeheure Sprünge und setzen oft sogar über breite Bäche und Hecken weg, wobei ihnen ihr starker Schwanz gleichsam als Springstock dient. Man jagt sie, da ihr Fleisch sehr schmackhaft und beliebt ist, mit Hunden, die sie in die Beine beißen, umwerfen und durch Bisse in die Kehle tödten.

Ein anderes seltsames Thier, dem unsere Freunde zuweilen in den Wäldern begegneten, war der Koala oder australische Bär. Er hat die Größe eines erwachsenen Pudels und ist hellgrau von Farbe. Ihm fehlt der Schwanz gänzlich. Die Ohren stehen unten sehr weit und breit, oben spitzig hoch über dem Kopf empor und geben ihm ein seltsames Ansehen. Als Kolbi einst ein solches Thier erblickte, und dieses, um sich durch die Flucht vor ihm zu retten, einen sehr hohen Gummibaum erklomm, was sie, trotz ihres etwas plumpen Körpers mit großer Gewandtheit thun, war auch er nicht träge und ehe zwei Minuten verstrichen waren, hatte er es im höchsten Gipfel des Baumes erreicht, nahm es in seine Arme, drückte ihm die Kehle zu und warf es, da er es todt glaubte, hinunter; denn der Koala gilt bei den Wilden für einen großen Leckerbissen, und man war eben um einen guten Braten verlegen. Dieses Thier vermittelst Pfeilschüsse zu erlegen, wäre nicht gut möglich gewesen, da es ein sehr dickes, zottiges Fell hat.

Kolbi war nicht wenig froh, daß die Expedition ihm so gut gelungen war; er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht: der Koala war nicht völlig in seinen Armen erstickt und so glücklich gefallen, daß er, nachdem er einige Augenblicke wie betäubt unter dem Baume gelegen, sich plötzlich aufrichtete und davon lief. Dies rettete ihn jedoch nicht, denn kaum hatte er sich auf die Beine gemacht, so war Waldmann, der Dingo, sein natürlicher Feind, schon hinter ihm, erreichte ihn bald und erwürgte ihn. Auch die Koalas oder Beutel-Bären gehören zu den Thieren, die ihre Jungen in einem Beutel unter ihrem Leibe tragen. Sie sind völlig harmlos wie die Kängeruh's[2] und nähren sich nur von Pflanzenkost, am liebsten von den jungen Sprossen der Gummi-Bäume. Wenn nun gleich unser William bisher schon über die vielen ungewohnten Erscheinungen in der Thierwelt erstaunt gewesen war, so sollte er es durch ein in seiner Art einziges Thier noch mehr werden.

[2]: Der große Naturforscher Oken schreibt den Namen dieses Thieres in seiner Naturgeschichte Känge-Ruh.

Als er mit seinem Kolbi an einem Abende an dem herrlichen Bache entlang spaziren ging, sah er in der kristallhellen Fluth ein Thier sich bewegen, von dem er nicht zu sagen wußte, ob es ein Fisch, ein Vogel oder ein Säugethier sei. Es war ungefähr 1½ Fuß lang, hatte einen mit kurzen braunen Haaren bewachsenen Körper, der in einer Art von Fischschwanz endete, hinten zwei längere, vorn zwei sehr kurze Füße, deren Klauen mit Schwimmhäuten versehen waren, und, was das Wunderbare der Erscheinung vermehrte, ein Maul, das vollkommen einem breiten Eulenschnabel glich, was ihm ein vogelartiges Ansehen gab.