– »Ach!« stöhnte William »ich glaube, daß ich irgend ein Gift genossen habe und sterben muß. Armer Kolbi, was soll denn aus dir werden?«
– »Wenn du stirbst, dann sterbe ich auch,« versetzte der gute Junge; »ich mag nicht mehr ohne William leben; William ist so gut gegen Kolbi!« Die hellen Thränen traten ihm bei diesen Worten in die Augen und weinend setzte er sich zu seinem, sich wie ein Wurm windenden und krümmenden Freunde nieder; wie er ihm helfen, wodurch seinen Zustand erleichtern solle? das wußte er nicht.
– »Kolbi,« nahm William nach einer Pause wieder das Wort, »Kolbi, ich glaube nicht, daß ich davon kommen werde, denn die Schmerzen in meinen Eingeweiden sind zu groß, als daß ich sie lange aushalten könnte. Wenn ich aber sterben sollte, dann versprich mir zwei Dinge: erstlich, nicht mit mir sterben, sondern nach Gottes Willen auch ohne mich fortleben zu wollen, und dann, mich ordentlich zu begraben, in dem Gärtchen vielleicht, das wir angelegt haben, und dessen Früchte ich wohl schwerlich noch genießen werde.« – »Ich will wohl ein großes Loch in die Erde graben und dich hineinlegen, wenn du dich nicht mehr rühren und nicht mehr die Augen aufschlagen kannst,« versetzte Kolbi; »allein wenn du darin liegst, dann grabe ich gleich ein zweites Loch für mich, denn ich will nicht ohne dich leben.«
William wollte ihm aber das Sträfliche eines solchen Vorsatzes auseinandersetzen, als das Manna die Wirkung auf ihn hervorbrachte, wegen welcher es in unsern Apotheken aufbewahrt wird: es ist nämlich ein sehr starkes Abführungsmittel, und da William eine gute Portion davon zu sich genommen hatte, war die Wirkung dem angemessen. Hilf Himmel! wie oft mußte der arme Junge nicht ein entlegenes Plätzchen aufsuchen, um seinem Freunde nicht beschwerlich zu fallen! Wie ermattet, wie elend fühlte er sich nicht, wie oft wünschte er nicht, durch den Tod von seinen Leiden befreit zu werden!
Die ganze Nacht ging es so fort, und erst mit Anbruch des nächsten Morgens legten sich die Schmerzen und die übrigen lästigen Wirkungen des Mannas, so daß er ein wenig einschlafen konnte. Der gute Kolbi saß weinend neben ihm und lauschte auf seine Athemzüge, ob sie auch schon stockten; denn er glaubte nicht anders, als daß sein geliebter William »über das große Wasser hinfliegen« würde, denn die Wilden Australiens stellen sich so den Tod vor.
Einige Stunden ruhigen Schlafs wirkten aber wie ein Wunder: William fühlte sich beim Erwachen wie neugeboren und ganz ohne Schmerzen. Zwar war er noch so matt, als hätte er eine lange Krankheit überstanden, und sah so bleich aus wie einer, der schon lange im Grabe gelegen; aber trotz dem war sein Zustand jetzt doch so, daß er wieder neue Lebenshoffnungen zu schöpfen begann; ja, es regte sich sogar wieder einiger Hunger bei ihm, was, nach der erlittenen großen Ausleerung, eben kein Wunder war.
Als Kolbi sein Verlangen nach Nahrung vernahm, war er sehr vergnügt, denn mit Recht dachte er, daß sein Freund sich jetzt in der Genesung befinden müßte. Er hatte noch ein Stück von einer gebratenen Taube und gab es William, der es mit gutem Appetit verzehrte. Einige Himbeeren, die Kolbi ihm zu seiner Erquickung pflückte, bekamen ihm ganz vortrefflich, indem sie seinen brennenden Durst zugleich löschten. Schon nach zwei Tagen befand William sich vollkommen wieder wohl; so oft er aber einen Mannabaum erblickte, mußte er an sein Abentheuer denken.
Der zweite Vorfall wäre bald weit schlimmer abgelaufen.
Ihr werdet euch erinnern, daß William unter den Sachen des Zimmermanns auch eine silberne Uhr gefunden hatte und sie sehr werth hielt. Er zog sie regelmäßig jeden Morgen auf und stellte sie jede Woche einmal um Mittag, wenn die Sonne gerade über seinem Scheitel stand, so daß sie doch ungefähr die richtige Tageszeit anzeigte. Kolbi sah immer sehr aufmerksam zu, wenn er die Uhr aufzog, denn jetzt fürchtete er sich nicht mehr vor dem »lebendigen Dinge,« wie er sie nannte, nachdem ihm William die Zusammensetzung der Uhr, das Ineinandergreifen der Räder u. s. w. gezeigt und ihm die Sache nothdürftig erklärt hatte. Zwar war trotzdem noch immer eine geheime Scheu in dem Wilden vor dem »lebendigen Dinge,« und er sah es oft furchtsam von der Seite an; allein er erschrack nicht mehr davor, wie früher, wenn er es zufällig berührte.
An einem Morgen, wo William über eine andere Beschäftigung vergessen hatte, die Uhr aufzuziehen, kam eine ganz besondere Kühnheit über den armen Kolbi. Nach einigem Zögern nahm er die Uhr, legte sie ans Ohr und steckte den Schlüssel in das Loch, so wie er sie nicht mehr gehen hörte, um sie aufzuziehen. Dies hatte er oft von William gesehen und glaubte es auch zu können. Er drehte und drehte; die Uhr fing an zu zucken und seine Freude war groß; konnte er ja nun doch auch das Ding lebendig machen! Er kam sich zugleich wie ein Held und wie ein großer Künstler vor.