Er drehte also, da die Sache so gut ging, erst langsam, dann immer geschwinder fort, bis es auf einmal im Innern der Uhr knack! sägte und es furchtbar zu schwirren anfing. Ein wahrhaftes Entsetzen ergriff ihn, und er ließ sie in diesem Augenblick auf den Boden fallen. Da sie auf den harten Stein fiel, zerbrach das Glas und sprang in Splittern weit umher.
Einige Augenblicke stand Kolbi wie vom Schlage gerührt. Er glaubte nun doch an Zauberei, und daß irgend ein Geist in der Uhr verborgen sei, der seinen Zorn gegen ihn durch das Schwirren habe kund geben wollen. Wenn ihm dieser Gedanke an sich nun schon eine panische Furcht einflößte, so wurde sie noch durch die Vorstellung von dem Zorne vermehrt, den William wie er meinte, darüber an den Tag legen würde, daß er die Uhr zerbrochen hatte, so daß der arme Wilde keine andere Rettung, als durch eine eilige Flucht sah.
Er schlich sich aus der Hütte, kroch hinter der steinernen Befriedigung des Gartens auf seinem Bauche fort, um von dem im Garten beschäftigten William nicht gesehen zu werden, und fort war er!
Als William mit seiner Arbeit fertig war und in das Haus zurückkehrte, wunderte er sich zwar, Kolbi nicht dort zu finden; allein er hatte doch keine Ahnung davon, wie die Sachen standen, sondern glaubte vielmehr, daß sein Freund vielleicht auf die Jagd oder sonst wohin gegangen sei, um ihm eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, wie er oft zu thun gewohnt war. Als aber der Abend herankam und Kolbi noch immer nicht zurückgekehrt war, ja, als es endlich sogar Nacht wurde und Mond und Sterne hell am Himmel standen, da ergriff ihn eine unendliche Angst um den so innig geliebten Genossen und diese trieb ihn aus der Hütte fort, um ihn zu suchen. So lange war Kolbi noch nie weggeblieben: es mußte ihm also irgend ein Unfall begegnet sein!
Er durchstreifte die ganze Umgegend; er rief ohne Aufhören den Namen seines Freundes; keine andere Stimme aber antwortete ihm, als seine eigene, die durch das nahe Echo zurückgeworfen wurde.
Jetzt bemächtigte sich eine wahrhafte Verzweiflung seiner. Er kehrte in die Hütte zurück und sank laut weinend auf sein Lager. Kein Schlaf kam in seine Augen.
Früh, mit dem ersten Strahl des Tages, erhob er sich wieder, um seine Nachforschungen fortzusetzen. Er durchstreifte nicht nur die Umgegend und den nahen Wald von Gummibäumen, sondern wagte sich sogar in Gegenden, die noch nicht von ihnen besucht worden waren, so daß er endlich an das jenseitige Meeresufer gelangte. Obgleich die Sonne ihre sengendsten Strahlen vom Himmel herniedersendete; obgleich er den ganzen Tag nichts genossen hatte, als dann und wann einen Trunk aus der Quelle, so fühlte er in seiner großen Angst doch weder Hunger und Durst, sondern rannte nur immer vorwärts, stets den Namen Kolbi's rufend, bis die Stimme ihm den Dienst versagte und er nicht mehr rufen konnte.
So brach der zweite Abend an und da William zu weit von der Hütte entfernt war, um noch dahin zurückkehren zu können, warf er sich laut weinend unter einem Baume nieder, um, wo möglich, einigen Schlaf zu finden.
Stellt Euch, meine jungen Freunde, die trostlose Lage unseres Williams vor, und Ihr werdet nicht nur seinen Schmerz begreifen, sondern gewiß das innigste Mitleid mit ihm haben. Wenn es schon eine bittere Sache ist, inmitten der menschlichen Gesellschaft einen geliebten Freund zu verlieren, um wie viel härter mußte es nicht sein, den einzigen Genossen einbüßen zu sollen? Und Kolbi war, obschon nur ein Wilder, der beste zärtlichste Freund. Seine Liebe und Hingebung für William kannte keine Grenzen; er war immer nur darauf bedacht, ihm eine Freude zu machen, ihm die Arbeiten zu erleichtern und die größeren Beschwerden abzunehmen. Er besaß das reinste, beste Herz von der Welt und übte, ohne einmal zu wissen, was Tugend sei, die schönsten, erhabensten Tugenden. Er war unfähig zur Lüge und Verstellung, stets wahr, treu, uneigennützig und aufopfernd; an sich selbst dachte er immer zuletzt, desto mehr aber an seinen William, den er gleichsam wie ein höheres Wesen verehrte, weil er fühlte, wie sehr dieser ihm an Verstand, Einsicht und Wissen überlegen sei. Dabei besaß er eine unverwüstlich gute Laune und war immer zu Scherzen und Spässen aufgelegt. Er sang den ganzen Tag bei der Arbeit, hüpfte und sprang wie ein Reh, machte Purzelbäume und die närrischsten Capriolen, so daß er William zugleich auf die angenehmste Weise unterhielt.
Er konnte aber auch wieder ernsthaft sein und sich zusammennehmen, und zwar besonders beim Lernen. William, der Mitleid mit seiner großen Unwissenheit hatte, war nämlich auf den Gedanken gekommen, seinen Kolbi in manchen Dingen zu unterrichten und ihm richtigere Ideen davon beizubringen. Zu den Gegenständen, worin er ihn unterrichtete, gehörte auch das Lesen. Er hatte ja in der Kiste des Zimmermanns zwei Bücher gefunden, und diese konnten ihm sehr gut dazu dienen, seinem Kolbi eine Wissenschaft beizubringen, die mit Recht als die Mutter aller übrigen Wissenschaften angesehen wird. Er zeigte ihm also in dem mit ziemlich großen Lettern gedruckten Gesangbuche erst die Lettern des großen, dann auch die des kleinen A-B-Cs, und lehrte ihn zugleich die Aussprache. Um Kolbi nicht zu ermüden, oder ihm, der das Lernen nicht gewohnt war, gar einen Eckel dagegen einzuflößen, zeigte er ihm jeden Tag nur einen Buchstaben, so daß er in vier und zwanzig Tagen erst das Alphabet kennen lernte. Das aber konnte Kolbi bald so gut, daß er gar nicht mehr fehlte, und jetzt konnte William schon zum Buchstabiren übergehen. Der eben nicht sehr geschmeidigen Zunge fielen aber manche Laute sehr schwer und es war possirlich anzuhören, wie er sich damit abkasteite; besondere Mühe machte es ihm, Worte auszusprechen, in denen mehre stumme Buchstaben hinter einander vorkamen, und die Silben gehörig trennen zu lernen. Indeß überwand sein Eifer und sein Fleiß endlich doch alle Hindernisse. An und für sich machte ihm das Lesenlernen gar kein Vergnügen, weil er noch nicht begriff, wozu es gut sein solle; aber er sah, daß er William durch seinen Fleiß Freude machte, und so unterwarf er sich ihm zu Liebe dieser Anstrengung.