Ich denke, Kinder, daß Ihr den guten Kolbi auch schon lieb gewonnen habt; wie viel mehr mußte William, der täglich und stündlich mit ihm zusammenlebte, ihn nicht lieben! Und jetzt sollte er diesen theuren Freund, seinen einzigen Genossen, vielleicht für immer verlieren! Der Gedanke drückte ihn so zu Boden, daß selbst das heiße, innige Gebet, welches er zu Gott vor dem Einschlafen emporschickte, ihn nicht zu ermuthigen vermochte.
Endlich aber schlief er doch vor übergroßer Ermüdung ein, und war im Traume glücklicher, als er beim Wachen gewesen war: er erblickte seinen geliebten Kolbi, der in der Hütte am Boden saß und Pfeile schnitzte. Dieser Traum erweckte ihn: er erhob sich und schaute verwirrt um sich. Es war noch sehr früh und der Thau lag noch auf den Gräsern und Pflanzen. Wie ward ihm, als er auf diesen die Spuren von Menschentritten wahrnahm! Die Insel war also noch von andern menschlichen Geschöpfen bewohnt? Oder sollte Kolbi?..... Der Gedanke machte, daß er aufsprang und nach allen Seiten um sich blickte. Er verfolgte dann die Fußspuren im Grase, und gelangte, ihnen immer folgend, zu einer Art von Vorgebirge, das in das Meer hinaus lief und fast bis an den Strand hinabging. Er erklomm einen der Hügel desselben und sah nun – wer beschriebe wohl sein Entzücken? – Kolbi, seinen geliebten Kolbi auf einer Felsenklippe sitzen und in das vor ihm liegende blaue Meer hinausschauen. Es konnte kein Anderer als Kolbi sein: er erkannte ihn an der Kleidung, die er ihm endlich, nach langer Weigerung, aufgedrungen hatte; denn der Wilde fand sie zu Anfang – vielleicht auch jetzt noch – eben so unbequem als überflüssig und ließ sich schwer dazu bereden, eine leichte Hose von Leinwand und eine Jacke von demselben Stoffe anzuziehen.
– »Kolbi! Kolbi!« rief William mit lauter, freudig bewegter Stimme und streckte zugleich die Arme gegen ihn aus. Kolbi vernahm sogleich die Laute der ihm so theuern, wohlbekannten Stimme; allein er antwortete nicht wie sonst freudig auf den Zuruf, sondern erhob sich, sah sich nach William um, und ergriff eiligst die Flucht.
– »Was ist das?« fragte sich William, der ihm erschrocken nachstarrte. »Sollte ich ihn vielleicht beleidigt oder gekränkt haben, ohne es zu wissen? War er doch so freundlich und liebevoll gegen mich, als ich ihn das letzte Mal sah?«
Während William diese Betrachtungen anstellte, war er jedoch dem geliebten Flüchtlinge nachgeeilt, und sei es nun, daß er diesmal schneller als Kolbi war; sei es, daß dieser bereits bittere Reue über seine unbedachtsame Flucht empfand, und sich willig einholen ließ; genug, er wurde von dem ihn Verfolgenden am Saume des Waldes glücklich eingeholt.
– »Was ist dir, Kolbi? und weshalb fliehst du vor mir?« fragte ihn William, so wie er ihn erreicht und zum Stehen gebracht hatte.
Statt ihm auf diese Frage zu antworten, warf sich der arme Junge vor ihm auf die Knie nieder, umfaßte seine Füße, als wolle er Verzeihung von ihm erstehen, und vergoß einen Strom von Thränen.
– »Sprich, Kolbi, mein theurer Kolbi, was ist dir?« fragte William, indem er sich zu ihm niederbog und ihn, wiewohl vergebens, aufzuheben suchte, um ihn in seine Arme zu schließen und an sein Herz zu drücken.
Kolbi hatte aber noch immer keine andere Antwort, als Thränen.
– »Ach!« sagte jetzt William mit traurigem Tone; »jetzt begreife ich Dich! Du wolltest mich heimlich verlassen, Kolbi; Du sehntest dich nach deinen Landsleuten, nach deinen frühern Gespielen und wolltest versuchen, zu ihnen über das Meer zurück zu schwimmen? Unsre Einsamkeit war dir lästig geworden und du hattest nicht den Muth, von mir Abschied zu nehmen? Sprich, Kolbi, ist es nicht so?«