– »Du bist keineswegs dumm, sondern nur unwissend,« antwortete ihm William; »dumm ist nur Der, der nichts lernen kann, unwissend aber, welcher wohl lernen könnte, bisher aber noch nichts gelernt hat.«
– »Es wäre ein großes Glück, wenn ich nicht dumm wäre und noch beten – sagtest du nicht so? – lernen könnte,« erwiederte Kolbi.
Unter diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten die Freunde ein sehr angenehmes Stündchen. Sie ließen sich dabei die Melone vortrefflich schmecken, von der William, ein guter Haushälter, die Kerne sorgfältig sammelte, um sie demnächst der lieben Erde wieder anzuvertrauen, damit sie neue Früchte trüge. Er trocknete sie, indem er sie auf ein großes Blatt legte, an der Sonne und steckte dann hie und da einen Kern in die Erde. Als sie emporkeimten, sah Kolbi nicht mehr mit Gleichgültigkeit auf die jungen Pflänzchen, sondern freute sich ihrer, wie früher William.
Die überflüssigen Kerne – Ihr werdet wissen, welch' eine Menge eine einzige Melone hat, und unsre Colonisten hatten davon mehr als hundert – blieben auch nicht unbenutzt. Der schöne zahme Papagei naschte nicht nur sehr gern von der duftigen Frucht, sondern fast lieber noch von den Kernen, die süßlich und sehr wohlschmeckend sind. Man gewann also ein sehr gutes und reichliches Futter für das liebe Thierchen und hatte nicht mehr nöthig, es mühsam zu suchen, was man früher gezwungen gewesen war zu thun.
Der Bau der Hütte rückte indeß vorwärts und da man jetzt Zeit hatte, an Alles zu denken, wurde im Hintergrunde derselben sogar ein Feuerherd angelegt, den man zwar nicht immer, wohl aber während eines heftigen Regens benutzen wollte. Man hatte nämlich während der Regentage große Mühe gehabt, die Hütte vor dem Verbrennen zu beschützen, da man gezwungen gewesen war, das Feuer in derselben anzumachen, weil der draußen fallende heftige Regen es ausgelöscht haben würde. Dazu gesellte sich noch ein höchst heftiger Rauch, dem man keinen Abzug geben konnte, weil man die Thüre nicht immer öffnen durfte. Diesen großen Unbequemlichkeiten sollte jetzt durch den Bau eines Heerdes und Schlotfanges abgeholfen werden. Die Sache war nicht eben leicht, aber William probirte so lange, bis sie gieng, und an Ausdauer übertrafen ihn Wenige. Zwar mußte er, um den Schlotfang bilden zu können, einige von seinen Brettern hergeben; allein die Sache war zu wichtig und so durfte er nicht anstehen, sie in's Werk zu richten. In allem Andern vertraute er Gott und hoffte mit Zuversicht auf seinen Beistand.
Endlich war die Hütte so weit, daß nur noch das Dach fehlte, aber um dieses stand es übel: die übrig gebliebenen Bretter reichten kaum zur Hälfte aus und an eine Thür war vollends nicht zu denken. Doch war letztere durchaus nothwendig, schon der giftigen Schlangen wegen, die ihnen unfehlbar nächtliche Besuche abstatten würden, wenn sie die Hütte nicht wohl verwahrten; hatten sie doch schon in der Erdhöhle des Koala Mühe genug, sich dieser feindlichen Gäste zu erwehren.
Die Sachen standen also ziemlich trostlos; man verlor jedoch den Muth nicht und beschloß, die ganze Insel, immer am Meeresstrande hingehend, zu umkreisen, in der Hoffnung, vielleicht noch einige Planken von dem gestrandeten Schiffe zu entdecken, auf dem William hergekommen, oder auch von einem andern, das von demselben unglücklichen Schicksale betroffen worden war.
Zu dieser Reise, obgleich die Insel nicht groß war, bedurfte es doch einiger Vorbereitungen, weil man nicht sicher sein konnte, überall Lebensmittel zu finden. Man mußte daher einige Vorräthe mit sich nehmen und ersah zu diesem ein paar Melonen, so wie eine Portion Pataten aus, die man in einem linnenen Quersacke mit sich nahm. Nachdem man Alles wohl bedacht und beschafft hatte, trat man in Gottes Namen die Wanderung an.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Fröhlich und wohlgemuth, theils unter heitern, theils unter belehrenden Gesprächen, wanderten unsere Freunde fort. William, der das herzlichste Verlangen trug, seinen geliebten Kolbi mit dem erhabenen Wesen näher bekannt zu machen, auf das er sein vollstes, innigstes Vertrauen setzte, zu dem er sich in Freud' und Leid immer zuerst wandte, redete seinem Begleiter auf diesem Wege viel von Gott, und zu seiner Freude fand er jetzt schon ein offeneres Ohr für die Wahrheiten der Religion bei demselben, als er früher gefunden haben würde. Nach und nach entsagte Kolbi seinen abergläubischen Vorstellungen und wandte sein Herz dem einigen wahren Gott zu. William, dem das eine unaussprechliche Freude machte, versäumte keine sich ihm darbietende Gelegenheit, ihn auf die Wunder der Natur und zugleich auf die erhabenen Eigenschaften Gottes aufmerksam zu machen, und da er zwar nicht gelehrt, aber eindringlich und aus innerster Ueberzeugung sprach, fanden seine Worte Eingang bei seinem Freunde.