Das Alles sprach er unter immer heftiger strömenden Thränen und Kolbi, der ihn nicht weinen sehen konnte, ohne mitzuweinen, weinte auch diesmal mit.
Eine Stunde und drüber verging indeß noch, bevor auch William den beweglichen schwarzen Punkt am Horizont unterscheiden konnte; so wie er ihn aber gesehen hatte, sank er auf seine Kniee nieder und sandte ein heißes Dankgebet zu seinem himmlischen Vater empor; denn sein Herz zweifelte schon nicht mehr an der Rettung.
Der Morgen und selbst der noch übrige Rest des Tages verging den Freunden in einer Art von bänglicher Erwartung. William besonders war in tiefster Seele bewegt; Kolbi dagegen, seit er das Versprechen von seinem Freunde hatte, daß er ihn nicht allein auf der Insel zurücklassen wolle, weit ruhiger; letzterer konnte sogar von den mitgenommenen Speisen genießen, während William keinen Bissen über seine Lippen zu bringen vermochte, wie man gewöhnlich in einer so großen innern Bewegtheit nicht an Speise und Trank zu denken vermag.
Die Freunde hatten sich auf einer kleinen Erhöhung in der Nähe des Strandes niedergesetzt und schauten mit unverwandten Blicken auf das Meer hinaus. Der zu Anfang so kleine Punkt trat mit jeder Stunde deutlicher hervor und als es zu dämmern begann, konnte man bereits die Umrisse des Schiffs genau unterscheiden.
Was hätte William nicht darum gegeben, wenn die Natur diesmal zu seinen Gunsten ihre gewohnte Ordnung umgekehrt und es nicht hätte Nacht werden lassen? Aber ach! sie ging ihren gewohnten Gang fort und mit jedem Augenblick wurde es dunkler, bis endlich vollkommene Nacht auf den Gegenständen ruhte, und das Auge nichts mehr unterschied, als über sich den Himmel und die Sterne.
William konnte trotz dem, daß er nichts mehr zu sehen vermochte, kein Auge zuthun; Kolbi aber schlief, wie gewöhnlich und erwachte erst, als sein Freund ihn mit lautem, fröhlichem Zuruf erweckte. Die liebe Sonne war zwar noch nicht aufgegangen; aber schon zeigten sich ihre rosigen Boten, schöne, purpurrothe Wölkchen am östlichen Himmel und die Helligkeit verdrängte siegreich die Nacht, die bisher mit ihren Schleiern Meer und Erde bedeckt hatte.
Man sah jetzt ganz deutlich, etwa in der Entfernung einer deutschen Meile, das Schiff liegen; doch war es der Insel nicht näher gekommen; vermuthlich hatte es sich aus Vorsicht während der Nacht vor Anker gelegt, um nicht zwischen die Klippen und Felsenriffe zu gerathen, womit das Meer in der Nähe der Insel besät sein konnte. Kaum war es indeß völlig Tag geworden, so entfaltete es seine schneeweißen Segel wieder und schwamm zwar langsam, aber majestätisch heran.
William verwandte kein Auge mehr davon und folgte mit seinen Blicken jeder Bewegung des Schiffes. Es schien ihm indeß nothwendig, der Mannschaft desselben ein Signal zu geben, daß man Menschen, auf Rettung hoffende Menschen, auf der Insel finden würde, und so bat er Kolbi, mit dem Beile, das man mit auf die Wanderung genommen hatte, im nächsten Gehölze einige lange Aeste zu fällen und sie her zu bringen. Kolbi willfahrte ihm, ohne begreifen zu können, was er mit dem Begehrten wolle.
Als er mit seinen Aesten wieder bei William angelangt war, band dieser sie zusammen, so daß sie eine ziemlich lange Stange bildeten, und befestigte an der Spitze derselben sein weißes Hemd, das er inzwischen ausgezogen hatte. Beide steckten dann die improvisirte Fahne so tief in den Sand des Strandes ein, das sie fest und aufrecht stand. William wußte, daß man auf den Schiffen die Gewohnheit hat, sich fleißig mit dem Fernrohr nach allen Seiten umzuschauen, und gab sich so der Hoffnung hin, daß man auch sein Signal bald entdecken werde.
Dies geschah in der That; er bemerkte, daß eine große Bewegung auf dem Schiffe entstand und hoffte, obgleich er noch nichts genau zu unterscheiden vermochte, daß man ein Boot aussetzen und einige Mannschaft zur Insel senden würde.