Dieses Anerbieten war nicht zu verachten, da die Mannschaft so lange kein frisches Fleisch genossen und sich seit Monaten allein mit gesalzenem beholfen hatte, und so sprang Kolbi auf, griff nach Bogen und Pfeilen und stürmte fort.
Während er auf die Jagd ging, wurde beschlossen, die mitgebrachten Wasserfässer zu füllen und an Bord zu schaffen, damit sich die auf dem großen Schiffe befindliche Mannschaft daran erquicke, der Kapitain aber auch zugleich Nachricht über den Stand der Angelegenheiten erhalte. William, der selbst in seiner fast übergroßen Freude seine Besonnenheit nicht verloren hatte, schlug vor, aus einigen Brettern, die das Dach der Hütte bildeten, eine Art von Schleife zu machen und vermittelst derselben die jetzt gefüllten, mithin schweren Wasserfässer leichter ans Ufer zu führen. Dieser Vorschlag wurde mit Freuden angenommen, und bevor noch eine Stunde vergangen war, hatte man mit vereinten Kräften die Schleife in Stand gesetzt und zog sie, mit den Fässern und einigen Melonen beladen, unter lautem Jubel an den Strand.
Ein Theil der Mannschaft, unter diesen der freundliche Mann, den William gleich beim ersten Anblick schon so lieb gewonnen hatte, blieb auf der Insel zurück, um die Ankunft der Uebrigen daselbst zu erwarten, denn man zweifelte nicht daran, daß Alle nach der Reihe kommen würden, um sich auf der Insel zu erfrischen.
Der liebe Mann, welcher William so sehr gefiel, war aber kein Anderer, als der berühmte Dichter und Botaniker Adalbert von Chamisso, der auf der russischen Brigg »Rurik«, geführt von dem Capitain Otto von Kotzebue, die Reise um die Welt mitmachte und jetzt mit den Andern auf diese australische Insel gekommen war. Sollte der Eine oder Andere von Euch die nachgelassenen Werke dieses eben so liebenswürdigen als edlen und interessanten Mannes noch nicht kennen, so bittet Eure Eltern, daß sie Euch damit bekannt machen, namentlich mit der »Reise um die Welt,« die er geschrieben hat und mit seinen Gedichten, die zu den schönsten gehören, welche wir besitzen, obgleich ihr Verfasser von Geburt ein Franzose war.
Adalbert von Chamisso ist jetzt todt, aber sein Andenken lebt in seinen Freunden und Freundinnen, zu welchen letztern auch ich mich zählen darf, fort, und seine Werke werden ewig leben.
Sobald der Marquis – denn das war Chamisso von Geburt – sich einigermaßen erfrischt hatte, bat er William, sein Führer auf der Insel zu sein, deren Pflanzenwelt für den Botaniker oder Pflanzenkundigen ein großes Interesse haben mußte. William war gern dazu bereit, und unsere Beiden traten ihre Wanderung an. Alle Augenblicke blieb Chamisso stehen, um bald dieses, bald jenes Pflänzchen zu beschauen und zu pflücken, und Alles, was seine Aufmerksamkeit erregte, wurde sorgfältig in eine blecherne Kapsel gelegt, die er an einem ledernen Riemen über der Schulter hängen hatte.
Der Spaziergang, den beide machten, brachte sie einander noch näher. William empfand gegen diesen liebenswürdigen und gelehrten Mann zugleich die innigste Zuneigung und Ehrfurcht, und der offene William gefiel auch ihm ganz besonders. Erst nach mehreren Stunden kehrte man zur Hütte zurück, wo man eben beschäftigt war, die Jagdbeute Kolbis zum Braten vorzubereiten. Diese bestand in mehreren wilden Tauben und einem jungen Kängeruh, das er zu erlegen glücklich genug gewesen war. Man rupfte und sengte die Tauben und zog dem Kängeruh das schöne, sammtweiche Fell ab; man zersägte und zerhieb die Bretter, die einen Theil des Daches der Hütte gebildet hatten und machte ein mächtiges Feuer an, um die Speisen daran zu braten. Allen lief das Wasser im Munde zusammen, wenn sie an den sie erwartenden leckern Genuß dachten; aber allgemein war auch die Klage: »Hätten wir doch nur daran gedacht, Salz und Schüsseln mit vom Schiffe bringen zu lassen!« Denn Fleisch ohne Salz zu essen, verstanden sie noch nicht, wie unser William, der sich Jahre lang ohne dieses nothwendigste aller Gewürze hatte behelfen müssen.
Groß war daher ihre Freude, als die vom Schiffe Zurückkehrenden, mit ihrem Kapitain an der Spitze, sorgsamer als sie gewesen waren und sowohl an Salz, als an Gefäße zum Kochen und Braten gedacht hatten. Ein fröhliches Hurrah! begrüßte sie, als sie das mitgebrachte von der Schleife packten und es neben dem Feuer aufstellten. Jetzt erst konnte ein leckerer Braten gemacht, konnten die Pataten in einem großen Kessel, den man über dem Feuer aufhing, in Salz und Wasser gehörig gekocht werden.
Der Reichthum, den die Insel an Wildbret und Geflügel darbot, bestimmte den Kapitain der Brigg »Rurik,« sich für ein längeres Verweilen auf derselben zu erklären, da die Mannschaft des Schiffes sowohl durch den in der letzten Zeit eingetretenen Wassermangel, als durch den beständigen Genuß des gesalzenen Fleisches etwas gelitten hatte. Es waren mehrere Krankheitsfälle an Bord vorgekommen, und der Schiffsarzt hatte einen Wechsel der Nahrungsmittel für die Mannschaft gewünscht.
Auch Adalbert von Chamisso war mit dem längern Verweilen auf der Insel sehr zufrieden, da er eine Menge ihm bis dahin unbekannter Pflanzen darauf fand, die er sorgfältig trocknete und in sein Herbarium (oder seine Kräutersammlung) legte. Er war vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht auf den Beinen; oft begleitete ihn der Schiffsarzt, der sich auch sehr für die Pflanzenkunde interessirte, öfterer aber noch unser William, für den er eine besondere Neigung gefaßt zu haben schien, und der ihm von seinem Aufenthalte auf der Insel so viel zu erzählen wußte.