Allen erging es auf derselben sehr wohl, zumal da man in dem herrlichen Bache eine Art von Brunnenkresse gefunden hatte, die für die am Scorbut leidenden Kranken eine wahre Wohlthat war, indem sie sie von dieser lästigen Krankheit schnell wieder herstellte. Allein die bisher so wenig von William und Kolbi belästigte Thierwelt hatte es seit der Landung der russischen Mannschaft sehr schlimm. Man stellte Allem, was nur irgend genießbar war, beharrlich nach: die wilden Tauben waren nicht mehr in den höchsten Gipfeln der Bäume sicher; der Koango nicht mehr in seiner Höhle; die sonst so wenig scheuen Kängeruh's wurden von allen Seiten umstellt und mit Pulver und Blei getödtet. Alle Augenblicke erschallte der Knall einer Flinte, denn auch die an Bord befindlichen Naturforscher stellten den kleineren Thieren nach, um sie ausstopfen und ihren Sammlungen hinzufügen zu können! kurz, der Krieg zwischen Menschen und Thieren war ausgebrochen, die letzteren aber sehr im Nachtheile, da sie kein Vertheidigungsmittel hatten und völlig wehrlos niedergeschossen wurden.

Höchst seltsam war die Wirkung anzusehen, die der erste Flintenschuß, den Kolbi in seinem Leben vernahm, auf den armen Wilden machte. Zwar hatte er die von der Schiffsmannschaft mitgebrachten Flinten gesehen und sie sogar, neugierig wie er von Natur war, in die Hand genommen und sie von allen Seiten betrachtet; er war auch gegenwärtig gewesen, als man sie mit Pulver und Blei lud und hatte jede Bewegung der sie Ladenden mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgt; allein was nun aus dem »Dinge« – Ding nannte er Alles, was er noch nicht kannte – werden solle, das wußte er nicht. Zufällig war es der Arzt, mit dem er auf seine Einladung ausgegangen war, welcher den ersten Schuß that, den er in seinem Leben hörte. Dieser hatte hoch in dem Wipfel eines Eucalyptus einen sehr schönen Papagey erblickt und wünschte ihn für seine Sammlung zu haben. Kolbi sah, wie er »das Ding« von der Schulter nahm, hörte das kleine Geräusch, welches durch das Aufspannen des Hahns verursacht wurde, sah, wie der Arzt anlegte und zielte und erwartete zwar mit Neugierde, aber auch mit Ruhe, was nun kommen würde. Da – o wie ward ihm! – da knallte es plötzlich dicht neben ihm los, und zugleich mit dem gutgetroffenen Papagey stürzte der Arme zur Erde.

Der Arzt war über die doppelte Wirkung, die sein Schuß gehabt hatte, sehr erschrocken; er warf das Gewehr weg und kniete neben Kolbi nieder, der mit festgeschlossenen Augen dalag und mit Händen und Füßen zappelte, als wäre er selbst von dem tödtlichen Blei getroffen worden.

Vergebens redete der Arzt ihm zu, ohne alle Furcht zu sein, indem ihm weder Schaden zugefügt worden sei noch werden solle; er antwortete ihm nicht, sondern zappelte mit seinen Extremitäten fort und ächzte mit noch immer geschlossenen Augen wie ein Sterbender.

Erst nach langem Zureden gelang es dem selbst durch den Vorfall erschrockenen Arzte, ihn einigermaßen zu beruhigen und ihn dahin zu bringen, daß er sich vom Boden erhob; dazu konnte er ihn aber nicht bewegen, daß er ihn noch ferner auf seiner Streiferei begleitete; Kolbi ergriff die Flucht, so wie er auf seinen Beinen stand, und lief zu William, um diesem unter Thränen sein Unglück zu klagen und ihn zu bitten, mit ihm die Flucht zu ergreifen; denn, sagte er, er wolle keinen Verkehr mehr mit den »Donner-Leuten« haben.

Es wurde selbst William sehr schwer, ihn nur einigermaßen zu beruhigen, und ihn von der Flucht abzuhalten; dazu aber konnte er ihn nicht wieder bringen, nochmals ein Gewehr in die Hand zu nehmen; denn darin säße der böse Geist, behauptete er.

Endlich, nachdem man sich beinahe acht Tage auf der Insel aufgehalten und ihr, auf den Wunsch Chamisso's, den Namen Rosmarien-Insel gegeben hatte, – so nannte er sie nach einer theuren Freundin, welche Rosa-Maria hieß und ihm auch bereits in die Ewigkeit gefolgt ist – schickte man sich an, sie zu verlassen und auf's neue mit dem »Rurik« die hohe See zu suchen.

William und Kolbi, die man natürlich mitnahm, packten von ihren wenigen Sachen ein, was sie nur konnten, denn jetzt, wo sie für immer von ihrer lieben Insel scheiden sollten, hatte Alles, was sie dort besaßen, einen doppelten Werth für sie. Besonders trug William Sorge dafür, in die Kiste des Schiffszimmermanns Alles zu legen, was noch von den darin enthaltenen Sachen vorhanden war. Er hatte die Absicht, wo möglich das Fehlende in Hamburg zu ersetzen und das Ganze dann den Erben seines verstorbenen Freundes zuzustellen; daß diese in seiner Vaterstadt lebten, wußte er und hoffte so, sie auffinden und ihnen ihr rechtmäßiges Erbthum zustellen zu können. Wie werth und theuer mußte nicht für diese Leute jedes Stück sein, das der arme Steffen einst besessen hatte.

Kaum werdet Ihr es glauben können, und doch war dem so: William vermochte sich nicht ohne heißen Schmerz von seiner geliebten Insel zu trennen, obschon ihn das Wiedersehen der über alles geliebten Mutter, der theuren Heimath bevorstand. Hatte er doch auf der Insel manchen guten Tag, manche herzerhebende Stunde im Umgange mit seinem geliebten Kolbi verlebt; hatte er doch auf ihr Nahrung und Obdach gefunden und seine körperlichen und geistigen Kräfte üben und erkennen gelernt; der Gedanke an dieses Alles erfüllte ihn zugleich mit Wehmuth und Dankbarkeit.

Am letzten Abende, als die Insel früh am andern Morgen verlassen werden sollte, ergriff er die Hand seines Kolbi, um allein mit diesem noch einen langen Spaziergang zu machen. Es war bereits kühl geworden und sie konnten also rasch fortwandern. Himmel und Erde waren gleich schön: die untergehende Sonne spiegelte sich im Meere ab; die Luft führte ihnen balsamische Düfte zu; die Gipfel der hohen Eucalypten waren noch mit dem Golde der scheidenden Sonne bestreut; die Vögel sangen ihr Abendlied in den Wipfeln; der Bach murmelte so traut; die hohen Gräser bewegten sich leise im sanften Abendwinde und es war eine Stille und Feier in der Natur, die ihre Herzen unaussprechlich rührte.