Immer frisch ging es vorwärts, denn der »Rurik« war auf der Heimreise begriffen. Der Wind blieb lange günstig; man lief in der Nacht vom 30. auf den 31. März in die Tafelbai, beim Vorgebirge der guten Hoffnung, ein und verweilte daselbst acht Tage, was unserm William Gelegenheit gab, den Besitzer des Constantia-Weinbergs, seinen guten Holländer, wieder aufzusuchen, und ihm zugleich seinen auf der Reise und durch den erlittenen Schiffbruch erworbenen Freund Kolbi vorzustellen.

Dieser treffliche Mann war so erfreut über das Wiedersehen Williams und hörte seiner interessanten Erzählung mit so großem Interesse zu, daß sich unser Freund ganz wie zu Hause bei ihm fühlte. Als es endlich an's Scheiden ging, umarmte der gute Holländer William fast unter Thränen der Rührung und drückte ihm ein Päckchen mit den Worten in die Hand:

– »Nimm das zum Geschenke von mir und möge es dir Segen bringen, mein Sohn! Wenn es dir in deiner Vaterstadt wohl ergeht, dann gedenke auch zuweilen meiner!«

Er wandte sich jetzt mit nassem Auge von den beiden Freunden ab und ging; auch William, minder sein Kolbi, war tief gerührt.

Die fernere Reise war, bis auf einige wenige stürmische Tage, sehr vom Glück begünstigt und ich wüßte Euch, meine Geliebten, nicht eben viel Neues davon zu erzählen. Nur des Umstandes muß ich noch erwähnen, daß der »Rurik« bei der Insel St. Helena vor Anker ging und man also Gelegenheit hatte, den größesten Mann des Jahrhunderts und einer der größesten aller Zeiten, auf dieser durch ihn so berühmt und bekannt gewordenen Insel zu sehen. Ich brauche Euch wohl kaum noch den Namen Napoleon Bonaparte zu nennen; denn Ihr werdet wissen, daß dieser als Gefangener auf der Insel St. Helena schmachtete und daselbst auch sein thatenreiches Leben endete. Freilich sah unser William den großen Mann nur flüchtig auf einem Spazierritte, den er in Begleitung der ihn bewachenden Officiere machte; aber die Erinnerung an diese Begegnung blieb ihm für den Rest seines Lebens eine höchst angenehme.

Endlich lief der »Rurik«, nach einer eben so schnellen als glücklichen Fahrt, am 16. Juni des Jahres 1818 in den Hafen von Portsmuth in England ein, und schon am 18. gingen William und Kolbi in Begleitung ihres Freundes und Beschützers, Adalbert von Chamisso, an das Land. Hier trennte dieser sich von Beiden, nachdem er großmüthig die Ueberfahrt für sie auf einem eben nach Hamburg unter Segel gehenden Paquetboote bezahlt hatte. Der Abschied war sehr schmerzlich; denn sowohl William als Kolbi hatten ihren Beschützer von Herzen lieb gewonnen. Er versprach ihnen aber, falls er nach Hamburg kommen sollte, sie aufzusuchen, und hat auch hierin Wort gehalten.

Wie schlug William das Herz, als er nach einer eben so schnellen als glücklichen Fahrt und nach einer Abwesenheit von fast vier Jahren, die Thürme seiner Vaterstadt und endlich den mit Schiffen angefüllten Hafen derselben wieder erblickte!

Tausend Fragen drängten sich ihm auf, worunter die: ob er seine geliebte Mutter auch noch wieder finden würde? ob der Gram um ihn sie nicht vielleicht gar getödtet habe? sein Herz zu ängstlichen Schlägen bewegte.

Endlich konnte er aus der leichten Barke an's Land springen; Kolbi folgte ihm. Dieser, dem Alles neu war, wollte jeden Augenblick stehen bleiben und bald über Dieses, bald über Jenes Auskunft von ihm haben; allein er war nicht im Stande, ihm die gewünschten Erklärungen zu geben, sondern eilte rastlos vorwärts, bis er bei der niedern Wohnung anlangte, in der er seine Mutter verlassen hatte.

Eine ihm völlig fremde Frau stand vor der Kellertreppe, und fast athemlos vor banger Furcht fragte er nach seiner Mutter. Die Frau, welche erst vor Kurzem eingezogen war, wußte ihm keine Auskunft zu geben, und schon wollte sich Verzweiflung seiner Seele bemächtigen – denn er glaubte die gute Mutter todt – als sich die Thür des dem Keller gegenüberliegenden Hauses öffnete und ein ihm gleich auf den ersten Blick wohlbekanntes Gesicht aus derselben neugierig auf Kolbi schaute; dieser erregte durch sein ungewöhnliches Aeußere natürlich die Aufmerksamkeit aller ihnen Begegnenden.