CANDAULES (sich besinnend): Verzeiht, Ihr werten Herren – ich weiß nicht, was mich so bewegen konnte … Und Ihr, Nyssia, die Ihr schweigt, wenn man an Euch nicht ganz besonders das Wort richtet – sagt, was denkt Ihr von meinem Glück?
NYSSIA: Daß es ist wie ich, hoher Herr.
CANDAULES (von Neuem erregt): Rätsel! Wieder Rätsel! – Was meint Ihr damit? Sprecht!
NYSSIA: Ich wollte sagen, das Glück verwelkt, wird es entschleiert.
CANDAULES (in dem der Wein zu wirken beginnt): So bedeckt Euch! Es liegt mir nichts mehr daran nun Jeder Euch gesehen hat.
NYSSIA (macht eine Bewegung traurigen Erstaunens).
CANDAULES: O, verzeiht, Nyssia!… Was habe ich sagen können? Ach Schmerz … ich will Euch keinen Schmerz antun. Doch weil mein Glück, weil mir mein unverborg'nes Glück im Andern seine Kraft und seine Heftigkeit zu schöpfen scheint, so kommt's mir vor, oft kommt's mir vor, es existierte nur im Wissen, daß die Andern davon haben und daß ich's erst besitze, wenn Andere wissen, daß ich es besitze. Dies schwör' ich Euch, Ihr Freunde, wenig läg' mir daran, die Erde mein zu nennen, wär' ich allein auf ihr und keiner da, der wüßte, daß die Erde mein ist. Glaubt mir dies: ich fühle meinen Reichtum nur, da Ihr ihn nützt. Ich bin so reich …! Kein Rausch ist stark genug, daß er mich dieses übertreiben machte: ich bin sehr reich. Und da ich vorhin unwillig ward, als Ihr mein Wohl, das Wohl des reichsten Menschen dieser Erde tranket, so war es nur, weil Ihr ja gar nicht wißt, wie reich ich bin.
PHEDROS: Nicht auf Deinen Reichtum tranken wir, Candaules, wir tranken auf Dein Glück.
CANDAULES (beugt sich vor, sich ereifernd): Das ist das Schlimm're! Was? Was wißt Ihr von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon? Kann man sein Glück denn ansehn, greifen? Man sieht nur das der Anderen. Das eigene fühlt man nur, wenn man's nicht ansieht. – Die Luft ist schwül heut Nacht und ihre Wollust drückend … Und dieser Gyges! Was ist's mit ihm! (Er erhebt sich und schwankt ein wenig, aber ganz wenig.) Wenn Gyges kommt, so wollen wir ihn betrunken machen. (Man gießt ihm ein. – Er nähert sich Phedros.) Und Du weißt nicht, Phedros, noch nicht weißt Du – ein Geheimnis …
(Er setzt sich zwischen Phedros und Simmias. Die Tafel ist etwas in Unordnung, wie bei unsern Mahlzeiten, wenn der Kaffee gereicht wird. Nicomedes nähert sich der Königin und spricht zu ihr.)