GYGES: Du willst mich auf die Probe stellen? – Ich versteh' Dich nicht.

CANDAULES: So schlimmer. Lassen wir's. Das Kleinod, das ich Dir um den Nacken legte, – alle meine Diener kennen es und gehorchen dem, der es trägt. Es ist des Königs Halsband und ich schenk' es Dir. Zweifelst Du noch an meiner Freundschaft?

GYGES: So lange Du es bist, der immer gibt: ja … Entlaß mich nun, ich möchte schlafen.

CANDAULES (ein wenig erregt): Später, später! – Bleib, Gyges. Hör: – Du hast mir auch etwas gegeben.

GYGES: Ich?

CANDAULES: So setz' Dich doch!… Bleib noch ein wenig. (Gyges setzt sich halb.) Siehst Du den Ring? Gestern noch, da machte ich nicht viel daraus. Nur, weil ich seinen Wert nicht kannte. Doch waren da zwei Worte eingegraben, die machten mich, wie auch die sonderbare Herkunft unruhig. Er war im Fleisch des Fisches, den Du gestern fingst. Einer fand ihn in einem Bissen und gab ihn mir. Ich aber war erstaunt, verwirrt, und tat den Schwur, nicht früher den Ring an meine Hand zu stecken, bevor ich nicht den Fischer sprach, dem wir den Fisch auf unserer Tafel dankten. – Du kamst. Wir sprachen. Und des Mahles blutiges Ende ließ mich den Ring vergessen, bis heute Morgen – ich war mit meinen Gästen – da steckt' ich ihn gedankenlos an meinen Finger. Auf einmal: «Wohin entfloh Candaules?» sprach einer. Ein anderer: «Er war im Augenblick noch unter uns», «Wo ist er? Wo steckt er denn? Er ist verschwunden, fort!» Und doch hatt' ich mich nicht vom Fleck gerührt. Ich sah die Herren neben mir, ganz nah, wie ich bei Dir … doch sie, sie sahn mich nicht. Und voll Entzücken ward ich betäubend so gewahr, daß mich der Ring unsichtbar machte. Stark genug, kein Wort zu sagen, schlich ich mich leise aus ihrer Mitte, und dachte gleich: der Ring, der ist von Gyges, meinem Freund, dem ich ihn schulde. – Da ist er!

GYGES: Wär' ich so Dein Freund, Candaules?

CANDAULES: Da – sieh mich an. (Er steckt sehr deutlich auffallend den Ring an den Finger.)

GYGES: Oh! Wie ein Körnchen Salz, so schmilzst Du weg. – Die Luft, sie schließt sich über Dich – – Du verschwandest … Candaules? Bist Du da? – Wo bist Du denn?… Candaules … (Sehr deutlich auffallend zieht Candaules den Ring vom Finger. – Es ist völlig unnütz, daß Candaules durch irgendwelche Maschinerie auch immer aus dem Blick der Zuschauer verschwindet. Worte und Gesten des Gyges genügen, anzuzeigen, daß er Candaules nicht mehr sieht. – Da Candaules seinen Ring wieder abgezogen hat, wirft sich Gyges vor dem König zu Füßen und zeigt so, daß er ihn wieder sieht.) Ah! meine Augen!… Da bist Du! – Du verschwandest und erschienest wieder wie ein Gott, Candaules.

CANDAULES: Nicht wie ein Gott, Gyges – wie Du selber, wenn Du diesen Ring an Deinen Finger steckst … da …