Der Sommer dieses Jahres 1783 zeichnete sich durch eine ungewöhnliche Hitze aus, durch welche aus dem mit Morast und stehendem Wasser gefüllten Festungsgraben eine so faule, verdorbene Luft entwickelt wurde, daß kaum die Hälfte der Einwohner von diesem Übel verschont blieb. Auch verursachte die dumpfe Luft in dieser Festung, deren hohe Wälle jeden Zug, jede Strömung eines Windes verhinderten, bei allen Krankheiten gefährlichere Folgen als sonst, und der Tod beraubte in der Mitte des Oktobers Schiller eines Freundes, der ihm um so werter geworden, je mehr er Gelegenheit gehabt hatte, dessen edles, offenes Gemüt kennen zu lernen. Der Theaterregisseur, Herr Meier, dessen schon so oft erwähnt worden, starb an einer anfangs unbedeutend scheinenden Krankheit, wodurch nicht nur seiner Frau und seinen Freunden, sondern auch seinen Kunstgenossen sowie der Schaubühne selbst ein sehr lang gefühlter Verlust verursacht wurde. Denn nicht allein war er als Mensch höchst achtungswert, er war auch ein in Ekhofs Schule gebildeter, sehr bedeutender Künstler, der in den meisten, vorzüglich aber in sanften Rollen nichts zu wünschen übrig ließ. Zur Rechtfertigung der ärztlichen Kenntnisse Schillers darf hier versichert werden, daß er die schlimmen Folgen der Mittel, welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraussagte.

Wenn schon das Wechselfieber den tätigen, kühnen Geist des Dichters lähmte, so waren die Einwendungen, welche man gegen sein zweites Trauerspiel machte und die er beseitigen sollte, noch weniger geeignet, seine Einbildungskraft aufzuregen.

Die Bahn, die er sich in seinen Arbeiten für die Bühne vorgezeichnet hatte, war ganz neu und ungewöhnlich, daher es den Schauspielern, die meistens nur bürgerliche oder sogenannte Konversationsstücke aufzuführen gewohnt waren, sehr schwer und mühsam wurde, die Ausdrücke des Dichters so zu geben, wie er sie schrieb, und in welche sich, ohne deren Sinn zu stören oder ins Gemeine herabzuziehen, durchaus nichts aus der Umgangssprache einflicken ließ. Daß bei den Räubern derlei Einwendungen weniger gemacht wurden, davon war der überwältigende Stoff sowie die ergreifende Wirkung, welche die meisten Szenen hervorbrachten, die Ursache. Besonders eiferte letzteres jeden Mitwirkenden an, alle Kräfte beisammen zu halten, um auch in den unbedeutend scheinenden Teilen keine Störung zu verursachen, damit das Werk so, wie es aus der dichterischen Kraft entsprungen, ein erstaunungswürdiges Ganzes bliebe.

Bei Fiesco war der Inhalt schon an sich selbst kälter. Die schlauen Verwicklungen erwärmten nicht; die langen Monologe, so meisterhaft sie auch waren, konnten nicht mit Begeisterung aufgefaßt und gesprochen werden, indem sich größtenteils nur der Ehrgeiz darin malte und zu fürchten war, daß die Zuschauer ohne Teilnahme bleiben würden. Man gestand nicht gern, daß die Anstrengung des Darstellers mit dem zu erwartenden Beifall nicht im Verhältnis stehen möchte, weil erstere zu groß und letzterer zu gering sein würde.

Am meisten wurde gegen den Schluß eingewendet, weil er weder den ersten Schauspielern noch dem Publikum Genüge leisten könne und eine Empfindung zurücklassen müsse, welche den Anteil, den man an dem Vorhergehenden des Stückes genommen, bedeutend schwächen würde.

Wenn man bedenkt, daß der tiefe, umfassende Geist Schillers sich auch in späterer Zeit nie bequemen konnte, ein Stück so zu entwerfen und zu schreiben, daß es den Forderungen oder, eigentlicher zu reden – da vorzüglich die unterhaltenden Künste den geringern Kräften der Menge angepaßt werden müssen – dem Handwerksmäßigen des Theaters in allen seinen Teilen angemessen hätte sein können; so kann man sich vorstellen, mit welchem Widerwillen er sich an Abänderungen (worunter nicht Abkürzungen verstanden sind) überhaupt, besonders aber wie bei Fiesco der Fall war, an solche sich machte, wo dem Verstand und der Wahrheit zugleich der stärkste Schlag versetzt werden müßte. War auch sein Kopf gewandt genug, um jede Begebenheit als möglich darzustellen, so mußte doch an die Stelle des Zerstörten etwas Neues geschaffen werden, das – wie jeder, dem Geistes- oder Kunstarbeiten bekannt sind, gestehen muß – entweder nicht so gut gerät oder doch viel schwieriger als ersteres ist.

Indessen mußte er diese Einwürfe berücksichtigen, und ungeachtet der Unterbrechungen durch seine Krankheit und die dadurch gestörte gute Laune wurde er dennoch in der zweiten Hälfte des Novembers mit Umarbeitung des Fiesco fertig.

Nun mußte aber das ganze Stück ins Reine und in der genauen Folge geschrieben werden, wozu, da man diese beschwerliche Arbeit nicht von ihm verlangen konnte, ein Regiments-Furier vorgeschlagen wurde, der eine sehr deutliche und hübsche Handschrift hatte. Da so vieles aus der ersten Bearbeitung gestrichen, zwischen hinein abgeändert oder ganz neu eingelegt war, so durfte die Anordnung dem Abschreiber nicht überlassen bleiben, sondern mußte ihm in die Feder gesagt werden.

In den ersten Stunden fühlte sich der Verfasser sehr behaglich, indem er nach Bequemlichkeit bald sitzend, bald auf und nieder gehend vorsagen konnte. Als aber der Mann weggegangen war, wie entsetzte sich Schiller, als er seinen ihm so wert gewordenen Helden Fiesco in Viesgo, die liebliche Leonore in Leohnohre, Calcagna in Kallkahnia verwandelt und in den übrigen Eigennamen falsche Buchstaben, sowie die meisten Worte der gewohnten Rechtschreibung entgegen fand.