Seine Klagen hierüber waren ebenso bitter als auf eine Art ausgesprochen, die zum Lachen reizte, indem er gar nicht begreifen konnte, daß jemand, der so schöne Buchstaben mache, nicht auch jedes Wort richtig sollte schreiben können.
Noch einmal, nachdem er den Mann vorher alle Namen ordentlich hatte aufzeichnen lassen, versuchte er es wieder vorzusagen. Als er aber dennoch fand, daß Fiesco jetzt mit einem F, und später mit einem V anfing, da verlor er die Geduld so gänzlich, daß er, um diese Augenmarter nicht länger aushalten zu müssen, sich entschloß, selbst das ganze Stück ins reine zu schreiben. Er war so fleißig dabei, daß solches in der Mitte Dezembers dem Baron Dalberg überreicht werden konnte. Zufrieden mit seiner in den verflossenen zwei Monaten bewiesenen Tätigkeit konnte der kranke Dichter allerdings sein, obwohl diese, da er nur die vom Fieber freien Tage und die Nächte benützen konnte, seine Kräfte sehr abspannte und sein sonst immer heiteres Gemüt sich öfters verdüsterte. Aber nicht allein eine solche Anstrengung war geeignet, jede muntere Laune zu verscheuchen, auch sein übriges Verhältnis, das in Beziehung des Einkommens im grellsten Widerspruch mit seinen früheren Erwartungen stand, mußte ihn schon darum zum Mißvergnügen reizen, weil ihm dieses in den Briefen von seiner Familie sehr bemerklich gemacht wurde. Besonders war der Vater sehr unzufrieden, seinen Sohn in einem so ungewissen, nichts dauernd zeigenden Zustand zu wissen, und er glaubte ihn nur dann für die Zukunft geborgen, wenn er wieder Arzt und unter dem Schutze des Herzogs wäre. Das Herz der Mutter, konnte es ruhig schlagen, wenn sie ihren Liebling in seiner Gesundheit, in seinem häuslichen Wesen, in seinen Sitten – die sie bei dem Theater sich zügellos denken mochte – im höchsten Grade gefährdet glaubte? Auch die älteste Schwester vereinigte ihre Wünsche mit denen der Eltern und veranlaßte folgende Erwiderung des Bruders.
Mannheim, am Neujahr 84.
Meine teuerste Schwester!
Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über meine Nachlässigkeit, Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke, so mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der Welt. Glaube mir, meine Beste, es ist keine Verschlimmerung meines Herzens; denn so sehr auch Schicksale den Charakter verändern können, so bin doch ich mir immerdar gleich geblieben – es ist ebensowenig Mangel an Aufmerksamkeit und Wärme für Dich; denn Dein künftiges Los hat schon oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst Du nicht die Heldin in meinen dichterischen Träumen! – Es ist die entsetzliche Zerstreuung, in der ich von Stunde zu Stunde herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine gewisse Beschämung, daß ich meine Entwürfe über das Glück der Meinigen und über Deins insbesondere bis jetzt so wenig habe zur Ausführung bringen können. Wie viel bleiben doch unsere Taten unseren Hoffnungen schuldig! und wie oft spottet ein unerklärbares Verhängnis unseres besten Willens –
Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr gern glaube ich es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit entgegen arbeitet, und daß Medikamente vielleicht gar nichts tun – aber Du irrst Dich, meine gute Schwester, wenn Du ihre Besserung von meiner Gegenwart hoffst. Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von beständiger Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so sucht sie sie mühsam auf einer andern auf. Wie oft haben wir alle uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr es in meinem Namen zu wiederholen. Ich spreche ganz allein als Arzt – denn daß eine solche Gemütsart das Schicksal selbst nicht verbessern, daß sie mit einer Resignation auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen könne, wird unser guter Vater ihr öfter und besser gesagt haben. Dein Zufall ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich, daß du ihn mehrmals gehabt hast, und bin der Meinung, daß eine Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer verdünnenden Diät ihn am besten hemmen werde. Nimm zuweilen eine Portion Salpeter mit Weinstein, und trinke auf das Frühjahr die Molken.
Du äußerst in Deinem Brief den Wunsch, mich auf der Solitüde im Schoße der Meinigen zu sehen, und wiederholst den ehmaligen Vorschlag des lieben Papas, beim Herzog um meine freie Wiederkehr in mein Vaterland einzukommen. Ich kann Dir nichts darauf antworten, Liebste, als daß meine Ehre entsetzlich leidet, wenn ich ohne Konnexion mit einem andern Fürsten, ohne Charakter und dauernde Versorgung, nach meiner einmal geschehenen gewaltsamen Entfernung aus Württemberg, mich wieder da blicken lasse. Daß der Papa den Namen zu dieser Bitte hergibt, nützt mir wenig, denn jedermann würde doch mich als die Triebfeder anklagen, und jedermann wird, so lang ich nicht beweisen kann, daß ich den Herzog von Württemberg nicht mehr brauche, in einer (mittelbar oder unmittelbar, das ist eins) erbettelten Wiederkehr ein Verlangen, in Württemberg unterzukommen, vermuten.
Schwester, überdenke die Umstände aufmerksam; denn das Glück Deines Bruders kann durch eine Übereilung in dieser Sache einen ewigen Stoß leiden. Ein großer Teil von Deutschland weiß von meinen Verhältnissen gegen euern Herzog und von der Art meiner Entfernung. Man hat sich für mich auf Unkosten des Herzogs interessiert – wie entsetzlich würde die Achtung des Publikums (und diese entscheidet doch mein ganzes zukünftige Glück), wie sehr würde meine Ehre durch den Verdacht sinken, daß ich diese Zurückkunft gesucht – daß meine Umstände mich meinen ehmaligen Schritt zu bereuen gezwungen, daß ich diese Versorgung, die mir in der großen Welt fehlgeschlagen, aufs neue in meinem Vaterlande suche. Die offene edle Kühnheit, die ich bei meiner gewaltsamen Entfernung gezeigt habe, würde den Namen einer kindischen Übereilung, einer dummen Brutalität bekommen, wenn ich sie nicht behaupte. Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem Vaterland entschuldigt vielleicht im Herzen eines oder des andern redlichen Mannes, aber die Welt nimmt auf das keine Rücksicht. Übrigens kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch tut – nur dieses sage ich Dir, Schwester, daß ich, im Fall es der Herzog erlauben würde, dennoch mich nicht bälder im Württembergischen blicken lasse, als bis ich wenigstens einen Charakter habe, woran ich eifrig arbeiten will; im Fall er es aber nicht zugibt, mich nicht werde enthalten können, den mir dadurch zugefügten Affront durch offenbare Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weißt Du genug, um vernünftig in dieser Sache zu raten.
Schließlich wünsche ich Dir und Euch allen von ganzem Herzen ein glückliche Schicksal im 1784sten Jahr; und gebe der Himmel, daß wir alle Fehler der vorigen in diesem wieder gut machen, geb' es Gott, daß das Glück sein Versäumnis in den vergangenen Jahren in dem jetzigen einbringe.
Ewig Dein treuer Bruder