Aber ein glänzender Gedanke ging dem Offizier jetzt durch den Kopf: eigentlich mußte er sich doch die Haare vom Halse wegrasieren.
Mit diesem glänzenden Gedanken ging Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin in sein Zimmer: dort begann er beim Schein einer abgebrannten Kerze sich die Haare vom Hals zu rasieren.
Endlich war er fertig, zögern durfte er nicht mehr. Aber gerade in diesem Augenblick ertönte im Vorzimmer die Hausglocke; geärgert schlenderte Ssergeij Ssergeijewitsch, vor sich das mit Seife bedeckte Rasiermesser, sah mit Bedauern auf die Uhr (wie viele Stunden doch dahingeflogen waren:) und — was tun? Was tun? Einen Augenblick lang dachte er daran, sein Vorhaben zu verschieben; er konnte doch wahrhaftig nicht voraussehen, daß er überrascht werden würde; zum zweitenmal ertönte inzwischen die Glocke und verkündete ihm, daß er keine Zeit zu verlieren habe; er sprang also auf den Tisch, um die Schlinge vom Haken zu lösen; aber der glitschrige Strick gehorchte ihm nicht und entrutschte seinen Fingern. Eiligst stieg Ssergeij Ssergeijewitsch wieder herunter und begann sich in das Vorzimmer zu schleichen; und während er schlich, merkte er: langsam schmolz die schwarzblaue Finsternis der Zimmer, die sich wie Tinte die ganze Nacht über ihn ergossen hatte; langsam begann sich in die Tintenfinsternis Grau zu mischen; und in dieser grauenden Finsternis zeichneten sich Gegenstände: ein auf dem Tische stehender Stuhl, eine umgelegte Lampe; und über all diesem — eine nasse Schlinge.
Im Vorzimmer legte Ssergeij Ssergeijewitsch das Ohr an das Schlüsselloch und blieb unbeweglich stehen; aber wohl infolge der Aufregung zeigte sich bei ihm ein solcher Grad von Vergeßlichkeit, einer Vergeßlichkeit, bei der die Durchführung eines Vorhabens undenkbar ist: Ssergeij Ssergeijewitsch merkte nicht im geringsten, wie sehr er keuchte; und als er nun das unruhige Rufen seiner Frau hinter der Tür hörte, begann er aus purer Angst entsetzlich zu brüllen; jetzt sah er ein, daß alles verloren war, schnell rannte er ins Zimmer zurück, um sein originelles Vorhaben rasch durchzuführen: geschwind sprang er auf den Tisch, streckte den frisch rasierten Hals und begann hurtig die Schlinge zuzuziehen, wobei er aber, wer weiß wozu, zwei Finger zwischen Strick und Hals steckte.
Dann rief er, weiß Gott wozu:
»Wort und Tat!«
Er stieß mit den Füßen den Stuhl um, und der Tisch rollte auf seinen Messingröllchen fort (diese Laute waren es eben, die Sofja Petrowna vor der Tür hörte).
Was weiter
Einen Augenblick . . .
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin begann im Dunkeln mit den Beinen in der Luft zu schleudern; deutlich sah er indessen den Widerschein der kleinen, von der Straßenlaterne herstammenden Lichtreflexe am Ofen; deutlich hörte er das Klopfen und Kratzen an der Tür; seine zwei Finger wurden ihm so fest ans Kinn gedrückt, daß er sie nicht mehr herausziehen konnte; plötzlich schien es ihm, als ersticke er; über seinem Kopfe hörte er einen Knall (wahrscheinlich vom Platzen der Hirngefäße). Plötzlich begann sich oben an der Decke etwas zu lösen, und auf einmal lag Ssergeij Ssergeijewitsch vollständig tot am Boden; doch er erhob sich gleich wieder von den Toten, nachdem er im Jenseits bloß einen ordentlichen Schupser bekommen hatte; er kam zu sich und begriff, daß er nicht von den Toten auferstanden, sondern daß er, mit Schmerzen im Rückgrat, auf dem Fußboden seines Zimmers lag und zwei Finger zwischen Hals und Strick eingeklemmt hatte; und Ssergeij Ssergeijewitsch begann an der Schlinge zu zerren, bis sie sich lockerte.