Jetzt wurde es ihm klar, daß er sich, beinahe, erhängt hätte: daß nicht viel, nicht viel gefehlt — und er wäre tot gewesen. Ssergeij Ssergeijewitsch stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.
Wir wollen jedoch einige Worte zugunsten Ssergeij Ssergeijewitschs sagen: der Erleichterungsseufzer entrang sich ihm ganz unwillkürlich, wie etwa unwillkürlich die Abwehrbewegungen der Ertrinkenden sind, bevor sie, ihrem eigenen Willen entsprechend, in der kalt-grünen Tiefe untertauchen. Ssergeij Ssergeijewitsch wollte, ganz im Ernst (lächeln Sie, bitte, nicht!), seine Rechnung mit der Erde beschließen, und er hätte dieses Vorhaben ohne jeden Zweifel zur Ausführung gebracht, wenn nicht die morsche Zimmerdecke (woran der Erbauer des Hauses Schuld trägt) nachgegeben hätte; den Erleichterungsseufzer stieß also nicht die Persönlichkeit Ssergeij Ssergeijewitschs aus, sondern nur sein tierisch-fleischlicher, unpersönlicher Körper. Wie dem auch sei, jetzt kauerte dieses Ich auf dem Fußboden, und horchte auf alles mögliche (auf die tausend verschiedenen Laute); sein Geist aber in der Tiefe der Hülle bewahrte völligen Gleichmut.
Im Nu wurden seine Gedanken klar, im Nu entstand vor seinem Bewußtsein das Dilemma: Was also tun? Was tun? Den Revolver suchen — das dauerte zu lange . . . Das Rasiermesser? Mit dem Rasiermesser — hu — hu — hu! Nein: das Natürlichste war: hier auf dem Fußboden gestreckt liegenzubleiben und alles andere dem Schicksal zu überlassen; ja, aber bei dieser natürlichen Lösung wird Soja Petrowna (sie hat sicher das Fallen gehört) zum Hausmeister laufen — wenn sie nicht schon gelaufen ist —, man wird an die Polizei telephonieren, es gibt einen Zusammenlauf, die Menge wird die Tür aufbrechen, eindringen und ihn da auf dem Boden, mit einem Strick um den Hals, liegen sehen.
Nein, nein, nein! Nie wird sich der Leutnant zu so was erniedrigen: die Ehre seines Offiziersrocks ist ihm mehr wert als irgendein seiner Frau gegebenes Wort. Es bleibt nur eines übrig: rasch die Tür aufzumachen und sich mit der Frau zu versöhnen.
Rasch versteckte er den Strick unter das Sofa und lief in schmachvollster Weise zur Tür, hinter der es jetzt ganz still war.
Mit demselben unwillkürlich keuchenden Atem öffnete er und blieb, unschlüssig, auf der Schwelle stehen; brennende Scham überkam ihn, und der Sturm, der in seiner Seele gewütet, legte sich, als hätte sich im Augenblick, als sich der Deckenhaken löste, alles in ihm gelöst: der Zorn gegen die Frau, die Empörung über das Benehmen Nikolai Ableuchows. Hatte er doch selbst jetzt Unerhörtes begangen, eine mit nichts zu vergleichende Schandtat: er wollte sich erhängen und — zog statt dessen den Haken aus der Decke heraus.
Einen Augenblick . . .
Niemand lief ins Zimmer, doch stand jemand dort (das sah er); endlich aber flog Sofja Petrowna herein; sie flog; herein und brach in Weinen aus.
»Was ist das? Was ist das? Warum ist es dunkel?«
Ssergeij Ssergeijewitsch schwieg verlegen.