Der Morgen begann bereits zu dämmern, und manchen Augenblick schien es hier, als wären die Gegenstände des Zimmers: Stühle, Bilder, Vasen, Säbel, Wände, die verstreut liegenden Rasierutensilien — nur aus Luft gewobene Spitzen, ein Spinngewebe; und durch diese feinen, feinen Spitzen spiegelte, verschämt und zärtlich, der ins Fenster fallende morgendämmernde Himmel.
Von unklarer Angst getrieben, begann Sofja Petrowna sich in den Zimmern umzusehen. Aus dem Nebengemach des Gatten rief eine heisere, weinerliche Stimme ihr nach:
»Dort findest du Unordnung . . .«
»Weißt du, Liebling, ich habe die Zimmerdecke gerichtet . . .«
»Die Decke hat einen Riß gegeben . . .«
»Man mußte . . .«
Aber Sofja Petrowna hörte nichts: sie stand angstvoll vor dem Haufen der auf den Teppich herabgefallenen Stuckdecke, in dem sich dunkel der Haken abhob; der Tisch mit dem auf ihm befindlichen umgestürzten Stuhl war beiseite geschoben; unter der weichen Chaiselongue — auf der liegend Sofja Petrowna noch vor kurzem Henry Besançon gelesen hatte — unter dieser weichen Chaiselongue lugte ein grauer Strick hervor. Sofja Petrowna Lichutina zitterte; sie fühlte, wie der beginnende Tag sie anhauchte; sie krümmte sich.
Hinter den Fenstern begannen plötzlich leichte Flammen zu sprühen, und alles wurde durchleuchtet; ein rosa schimmerndes Netz aus Perlmutterschuppen breitete sich dort, und durch die Lücken dieses Netzes blickte ein zart-zartes Blau; ganz zart war das Blau, alles erfüllte sich mit bebender Unsicherheit; alles erfüllte sich mit der verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch? Scheine ich denn nicht mehr?« Durch Sofja Petrownas Seele gingen plötzlich hauchend leichte Stimmen; und alles leuchtete für sie auf, als ein blasser Strahl auf die Schlinge des Strickes fiel. Ihr Herz erfüllte sich mit plötzlichem Schauer und mit der verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch? Warum hab’ ich vergessen?«
Sofja Petrowna Lichutina neigte sich gegen den Boden und streckte die Hand zum Stricke aus. Sofja Petrowna Lichutina küßte den Strick und begann leise zu weinen: eine vergessene und, wieder aufgelebte Gestalt aus ihrer Kindheit (die Gestalt war doch nicht völlig vergessen — wo habe ich sie nur gesehen: kürzlich erst, heute?). Diese Gestalt hob sich langsam, und jetzt stand sie hinter ihrem Rücken. Als sie sich umwandte, sah sie: hinter ihrem Rücken stand ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, schlank, lang und traurig; er hielt seinen hellblauen, sanften Blick auf sie gerichtet:
»Du mußt mir verzeihen, Sonjuscha!«