»Haben wir uns schon früher getroffen?«
»Ja . . . erinnern Sie sich nicht? . . . In Helsingfors . . .«
Eine schon klarere Erinnerung tauchte jetzt in Dudkin auf; unerwartet für sich selbst zündete er wieder ein Zündholz an und hielt es direkt vor Schischnarfijews Gesicht: die Wände blitzten gelb auf, die Eisenstäbe des Geländers schimmerten für einen Augenblick metallisch; im flatternden gelben Licht erblickte Alexander Iwanowitsch gerade vor sich das Gesicht des Persers; zugleich fiel es Alexander Iwanowitsch ein, daß er in der Tat dieses Gesicht schon einmal in Helsingfors in einem Café gesehen habe; und auch damals schon verfolgte ihn der Fremde mit seinem unverwandt auf ihn gerichteten Blick der forschenden Augen.
»Erinnern Sie sich?«
Alexander Iwanowitsch erinnerte sich noch, daß gerade in Helsingfors — ja eben: gerade in Helsingfors hat seine Krankheit ihren Anfang genommen; gerade in Helsingfors begann jenes müßige, in ihn gleichsam von außen eingedrungene Gehirnspiel.
Er erinnerte sich nun, daß es gerade die Zeit gewesen war, in der er die ganz paradoxe Idee vertreten hatte: die Kultur müsse beseitigt werden, da die bestehende geschichtliche Periode: die des Humanismus — zu Ende angelangt sei, und was von ihr noch übrigblieb, sei nur ein verwitterter, morscher Steinüberrest; es beginnt die Periode der gesunden Tierinstinkte, die sich von unten in dem Huligan- und Apachenwesen, oben, bei der Aristokratie, in der Rebellion der Künste gegen das Althergebrachte wie in der Zuneigung zu primitiver Kultur, zu allem Erotischen anzeigt; ja, selbst die Bourgeoisie trat in die neue Bahn ein, die die orientalischen Moden, die Negertänze, der Cake-walk, der Two-step und dergleichen mehr zeitigte; Alexander Iwanowitsch predigte in jener Zeit die Verbrennung der Bibliotheken, der Universitäten, der Museen; er predigte auch noch die Herbeirufung der Mongolen (doch später bekam er vor den Mongolen Angst). Alle Erscheinungen des modernen Lebens hatte er damals in zwei Kategorien eingeteilt: zu der einen gehörten die Erscheinungen, die von einer absterbenden Kultur sprachen die andere war das gesunde Barbarentum, das sich jetzt noch unter der Maske der äußersten Verfeinerung bergen mußte (Nietzsche, Ibsen), um unter dieser Maske das Chaos in die Herzen zu pflanzen, das schon, heimlich, aus allen Seelen ruft . . .
Alexander Iwanowitsch war dafür eingetreten, daß die Masken abgenommen und dem Chaos freies Spiel gegeben werde.
Er erinnerte sich, damals im Café in Helsingfors gerade dieses gepredigt zu haben; und als ihn jemand gefragt, wie er sich zum Satanischen stelle, hatte er zur Antwort gegeben:
»Das Christentum ist überlebt: im Satanischen aber liegt ein großer Fetischismus, das heißt gesundes Barbarentum.«
Gerade bei dieser Unterhaltung — das erinnerte er sich jetzt — hatte abseits vor einem einsamen Tischchen Schischnarfijew gesessen und ihn unverwandt angesehen.