Plötzlich fühlte er einen schmerzhaften, scharfen Stich in seinem kranken Backzahn; er drückte die Hand auf die Wange.

Seine Irrsinnsanfälle erschienen ihm auf einmal in neuem Licht; er begriff jetzt die Wahrheit dieses Irrsinns: er war nur die Botschaft seiner erkrankten Sinnesorgane an das bewußte Ich; nicht der persische Untertan Schischnarfijew verfolgte ihn, sondern seine schwergewordenen Sinnesorgane verfolgten sein Ich; und indem sich dieses Ich vor ihnen zu retten sucht, wird es zum Nicht-Ich, denn nur durch die Sinnesorgane kommt das Ich wiederum zu sich zurück; der Alkohol, der Tabak und die schlaflosen Nächte untergruben seinen schwachen Körper; unser körperlicher Organismus aber ist eng mit dem Raum verbunden; während der Organismus zu zerfallen begann, bildeten sich auch Lücken im Raum; in die Spalten der Sinnesorgane drangen Bazillen ein; das Räumliche aber, das immer den Körper umschließt — füllte sich mit Visionen . . . Zum Beispiel: Wer ist Schischnarfijew? Ein Alpdrucktraum; dieser Traum aber ist eine Folgeerscheinung des Alkohols; Schischnarfijew ist also nichts anderes als ein Stadium der Alkoholvergiftung.

»Du solltest nicht rauchen, nicht trinken, dann würden deine Sinnesorgane wieder ihren Dienst tun!«

Er fuhr zusammen.

Heute hatte er jemand verraten. Wie konnte er es übersehen, daß er jemand verraten hatte? Er hatte ja zweifellos verraten: er hatte aus Angst Nikolai Apollonowitsch an Lipantschenko ausgeliefert; deutlich erinnerte er sich aller Einzelheiten des widerlichen Handels. Er hatte ohne zu glauben an etwas geglaubt: das war Verrat. Ein noch größerer Verräter ist Lipantschenko selbst; daß Lipantschenko sie alle verriet, hatte er eigentlich schon immer gewußt, und doch verbarg er vor sich selbst dieses Wissen (Lipantschenko übte eine besondere Macht über seine Seele aus): darin lag die Wurzel seiner Krankheit: im furchtbaren Wissen, daß Lipantschenko ein Verräter ist; das Trinken, Rauchen, das ausschweifende Leben waren nur Folgen; und die Halluzinationen waren die letzten Glieder der Kette, an die ihn Lipantschenko geschmiedet hielt. Warum tat es dieser? Weil Lipantschenko wußte, daß ihm sein Verrat bekannt ist; nur weil Lipantschenko weiß, läßt er ihn auch jetzt nicht los.

Lipantschenko hat seinen Willen geknechtet; er hat durch diese Knechtung seines Willens den schrecklichen Verdacht, der alles aufdecken konnte, abzuwenden gesucht; Lipantschenko ahnte, daß in ihm, Dudkin, Mißtrauen erwacht war, und suchte durch eine engere Gemeinsamkeit dieses Mißtrauen einzudämmen, daher hatte er ihn keinen freien Schritt machen lassen; daher hatte er ihn an sich gebunden; er hat in Lipantschenko seine Mystik gegossen, dieser aber in ihn den Alkohol.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich deutlich der Szene im Arbeitszimmer des Lipantschenko; der freche Zyniker und Schuft hatte es auch da verstanden, ihn zu hintergehen; er sah jetzt deutlich vor sich den feisten Hals des Lipantschenko mit der dicken, fetten Falte; dieser Hals hatte ihn gleichsam frech verhöhnt, bis Lipantschenko, seinen Blick auf dem Halse fühlend, sich umgedreht hatte; dieser aufgefangene Blick war es aber, der Lipantschenko alles gesagt hatte.

Damals hatte er mit seiner Einschüchterungspolitik begonnen: er hatte ihn überfallen und so alle Karten vermischt; er hatte einen tödlich verletzenden Verdacht ausgesprochen und ihm dann einen Kompromiß vorgeschlagen: so zu tun, als ob er dem Verrat Ableuchows glaubte.

Und Dudkin hat es geglaubt!

Alexander Iwanowitsch sprang auf und ballte in hilfloser Wut die Fäuste; das war nun Tatsache, das ist nun geschehen.