Sie ging nirgends aus; in einem Hotel von feinstem Genre bewohnte sie ein ganz kleines Zimmer; und Anna Petrowna saß stundenlang auf dem einzigen Stuhl, der sich hier befand; und Anna Petrowna saß stundenlang, die Augen auf die Tapete gerichtet; diese Tapete zog immer wieder ihren Blick an; sie übertrug den Blick auf das Fenster; aber vor dem Fenster erhob sich frech eine Mauer, die alle möglichen Töne der Olivenfarbe aufwies; an Stelle des Himmels war gelber Rauch . . .
Kein Brief, kein Besuch: weder vom Gatten, noch vom Sohn.
Von Zeit zu Zeit klingelte sie; es erschien eine leichtfüßige Person mit einer Schmetterlingshaube auf den Haaren.
Anna Petrowna bestellte — zum wievieltenmal schon!
»Bitte Thé complet, in mein Zimmer.«
Dann erschien ein Diener im Frack mit gestärkter Hemdbrust und glänzend frischer Halsbinde; das Riesentablett balancierte er, besonders betonend, auf den fünf Fingerspitzen; er warf einen verächtlichen Blick auf das kleine Zimmer, auf das wenig schicke Kleid seiner Insassin, auf die bunten spanischen Fetzen, die unordentlich auf dem breiten Doppelbett herumlagen, auf den etwas abgetragenen Reisekoffer; wenig ehrerbietig, doch geräuschlos stellte er das Riesentablett ab; und geräuschlos fiel auf den Tisch der Thé complet nieder. Geräuschlos entfernte sich der Diener.
Niemand, nichts; immer dieselbe Tapete; dasselbe Lachen aus dem Nachbarzimmer; die Unterhaltung der zwei Zimmermädchen im Korridor; irgendwo unten — Klavierspiel (einer zugereisten Pianistin, die für ihr Konzert heftig übte); der Blick streifte wieder — wie oft schon — das Fenster, aber hinter dem Fenster starrte eine freche Mauer in olivenfarbigen Tönen; statt der Sonne gelber Rauch . . .
Plötzlich klopfte es; aus Anna Petrownas Tasse ergoß sich der Tee auf die schneeweiße Serviette des Tabletts.
Das Zimmermädchen, eine Visitenkarte in der Hand, flog in das Zimmer herein; Anna Petrowna wurde glühend rot; geräuschvoll erhob sie sich; mit rascher Bewegung strich sie sich die Haare zurecht: eine Geste, die sie von ihrer Jugend her beibehalten hatte.
»Wo ist der Herr?«