In jedem Fall stand es einer Dame von ihrer gesellschaftlichen Stellung nicht an, mit solchen Fetzen im Gepäck herumzureisen; und — ihm krampfte sich das Herz zusammen.

Dann erblickte er den Tisch mit dem glänzenden Thé complet, und zwei schneeweißen Servietten, die, zum Bereich des Hotels gehörend, zufällig (vielleicht aus Versehen) hierhergebracht wurden. Aus dem Schatten aber trat eine Silhouette hervor — und zum zweitenmal krampfte sich ihm das Herz zusammen; denn auf dem Stuhl — nein, nicht auf dem Stuhl! — vor dem Stuhl erblickte er die sich erhobene — war sie es wirklich? — Anna Petrowna.

— Er erblickte Anna Petrowna; bedeutend behäbiger, dicker und — mit auffallend vielen Graufäden im Haar. Eine betrübende Tatsache fiel ihm zu allererst auf: Nach dem zweieinhalbjährigen Aufenthalt in Spanien (und — wo noch, wo?) hatte sich ihr Doppelkinn erheblich vergrößert und hing jetzt über den Stehkragen herunter; ebenso vermochte das Korsett die merkliche Rundung des Leibes nicht zu verbergen; nur das Himmelblau der Augen in dem früher herrlichen, später noch immer schönen Gesichtchen hatte seinen Glanz nicht verloren; in ihren Tiefen spiegelten sich jetzt die kompliziertesten Gefühle: Schüchternheit, Zorn, Mitgefühl, Stolz, Verlegenheit (wegen der Ärmlichkeit des Zimmers), verborgene Bitterkeit und . . . Angst.

Apollon Apollonowitsch konnte diesen Blick nicht vertragen, er senkte die Augen und drehte den Hut in den Händen. Ja, ihre mit dem italienischen Schauspieler verlebten Jahre hatten sie sehr, sehr verändert; wo ist ihre Strenge, die angeborene, ihr eigene Würde und Ordnungsliebe; Apollon Apollonowitsch durchstreifte wieder das Zimmer mit dem Blick; unordentlich lagen da zerstreut: Täschchen, Tragriemen, ein schwarzer Spitzenfächer, ein Seidenstrumpf und einige zitronengelbe Lappen, wahrscheinlich spanische.


Vor Anna Petrowna stand . . . — war er es wirklich? Auch ihn hatten die zweieinhalb Jahre verändert; vor zweieinhalb Jahren sah sie zum letztenmal vor sich ein scharf gemeißeltes Gesicht aus grauem Stein, das sie kalt ansah, dort neben dem mit Perlmutter inkrustierten Tischchen (bei ihrer letzten Auseinandersetzung); jeder Zug dieses Gesichts blieb in ihr als eisiger Frost eingeprägt; dieses Gesicht aber, das sie jetzt vor sich sah, hatte überhaupt keine Züge mehr.

(Unsererseits fügen wir hinzu: diese Züge waren noch vor kurzem vorhanden; am Anfang unserer Erzählung hatten wir sie beschrieben.)

Vor zweieinhalb Jahren war Apollon Apollonowitsch wohl schon ein alter Mann, aber . . . in ihm war etwas . . . Unzeitliches; er war noch immer — ein Mann; wo war aber jetzt der Staatsmann? Wo war der eiserne Wille, jener steinerne Blick, aus dem Wirbelstürme, kalte, dem Gehirn (nicht dem Gefühl) entsprungene, strömten? Wo war der Stein des Blickes? Alles wich vor der einzigen Tatsache des vorgerückten Alters; der Greis überwog alles andere; gesellschaftliche Stellung, Willen; auffallend war seine Magerkeit; auffallend war die Gebeugtheit des Rückens; auffallend war das Zittern des Unterkiefers und das fast täppische Zittern der Finger; und hauptsächlich — die Farbe des Mantels: nie, solange sie mit ihm war, hatte er sich Kleider von solcher Farbe bestellt.

So standen sie einander gegenüber: Apollon Apollonowitsch noch immer an der Schwelle, Anna Petrowna vor dem Tischchen, in der Hand die zitternde Teetasse, aus der sich die dunkle Flüssigkeit auf die Tischdecke ergoß.

Endlich wandte Apollon Apollonowitsch ihr seinen Kopf zu; er kaute einen Augenblick mit den Lippen und stotterte dann: