Der gutmütige Gatte Sofja Petrownas verhielt sich mild gegen die revolutionären Freunde seiner teuren Hälfte; gegen ihren mondänen Bekanntenkreis verhielt er sich mit unterstrichenem Wohlwollen; den Kleinrussen Lipantschenko aber duldete er bloß.
Der schlanke hübsche Trauzeuge
Schon am ersten Tage ihres sozusagen »Damendaseins«, während des Mysteriums der Trauung, als Nikolai Apollonowitsch über dem Haupt ihres Gatten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den hochfeierlichen Kranz hielt, wurde sie in quälender Weise von dem hübschen schlanken Trauzeugen überrascht, von der Farbe seiner unirdischen dunkelblauen Augen, von dem Weiß seines marmornen Gesichts, von der Göttlichkeit seiner flachsweißen Haare. Nun und . . . Nikolai Apollonowitsch kam ins Haus der Lichutins: erst einmal in vierzehn Tagen, dann jede Woche ein-, zwei-, drei-, viermal, dann erschien er täglich. Bald merkte aber Sofja Petrowna, daß das Gesicht, das gottähnliche, strenge, nur eine Maske war; Grimassen, zielloses Reiben der Hände, schließlich ein unangenehmer Froschausdruck beim Lächeln, herrührend vom ununterbrochenen Spiel der Gesichtszüge — hinter all dem verbarg jenes Gesicht sich für immer. Zu ihrem Schrecken begriff dann Sofja Petrowna, daß sie verliebt war in jenes Gesicht; nicht in dieses, wohl aber in jenes. Engel Peri hatte sich vorgenommen, eine tadellose Gattin zu sein; und der Gedanke, daß sie, ihrem Gatten treu, von jemand anderem gefesselt wurde, bedrückte sie gänzlich. Aber weiter nur, weiter: über die Maske, den Froschmund, über die Grimassen hinweg, suchte sie, unbewußt, ihre verlorene Verliebtheit zu retten: sie quälte Ableuchow, überhäufte ihn mit Beleidigungen; doch heimlich vor sich selbst verfolgte sie seine Spuren, suchte seine Wünsche und seinen Geschmack zu erraten, richtete sich unbewußt nach ihnen, in der ewigen Hoffnung, wieder einmal jenes eigentliche, göttliche Antlitz zu erblicken.
Seit dieser Zeit war ihr eigener Gatte nur Besucher in der kleinen Wohnung an der Moika.
Dies konnte Sofja Petrowna nicht ertragen, denn sie hatte ja ein so winzig, winzig kleines Stirnchen; und neben dem kleinen Stirnchen lebten in ihr Vulkane tiefster Gefühle: denn sie war eine Dame; und man soll in einer Dame das Chaos nicht wecken.
Der rote Narr
Eigentlich benahm sich Sofja Petrowna ihrem Gegenstand gegenüber in den letzten Monaten höchst provozierend: vor dem Grammophon, aus dem »Siegfrieds Tod« tönte, übte sie Körperplastik und hob dabei ihren rauschenden Seidenrock fast bis zum Knie; ferner: ihr Füßchen berührte unter dem Tische mehr als einmal Ableuchow. Nicht zu verwundern, daß dieser manchmal den Engel zu umarmen versuchte; dann entwand sich ihm der Engel und übergoß ihn mit Kälte. Bald darauf aber begann das Spiel von neuem. Einmal klatschte eine Ohrfeige durchs japanische Zimmer: —, Uu — Scheusal, Frosch . . . Uuu — roter Narr.
Ruhig und kühl erwiderte Nikolai Apollonowitsch:
»Bin ich ein roter Narr, so sind Sie — eine japanische Puppe . . .«
Vor der Tür richtete er sich voll Würde empor, in diesem Augenblick bekam sein Gesicht den einmal gesehenen Ausdruck, und an diesen erinnert, erwachte ihre Liebe jäh wieder; als Nikolai Apollonowitsch verschwunden war, warf sie sich auf den Boden, biß und kratzte im Weinkrampf den Teppich; sprang dann plötzlich auf und streckte die Arme gegen die Tür: