Die Zusammenstöße in den Straßen häuften sich: die Zusammenstöße mit den Hausportiers, den Wächtern, den Revieraufsehern; die Hausportiers, die Polizisten und besonders die Revieraufseher wurden von jedem belästigt: vom Arbeiter, vom Abcschützen, vom Kleinbürger Iwan Iwanowitsch Iwanow und seiner Gattin, selbst vom Ladeninhaber Pusanow, der in den vergangenen besseren Tagen den Revieraufseher bald mit Lachs, bald mit kernigem Kaviar beschenkt hatte. Jetzt wandte sich der wohlgeborene Kaufmann Pusanow gegen den Revieraufseher und das andere »Gesindel«: so etwas schüchterte den Polizeibeamten ein: grau, in grauem Mantel, wanderte er unbemerkt wie ein Schatten daher und zog in Ehrfurcht beflissen seinen Säbel ein, mit zum Boden gesenkten Augen.
So fristete zu jener Zeit seine Tage der Polizeibeamte in irgendeinem Kem; so fristete er die Tage in Petersburg, Moskau, Orenburg, Taschkent, kurz, in all den Städten, die zum Russischen Reiche gehörten.
Petersburg ist von einem Ring vielschlotiger Fabriken umgeben; die Vorstadt ist wie ein Ameisenhaufen belebt. Zu jener Zeit waren alle in den Fabriken höchst aufgeregt; und die Anführer der Haufen wurden alle zu redseligen Subjekten; es zirkulierte unter ihnen der Browning; und noch etwas. Die üblichen Schwärme wuchsen in jenen Tagen unmäßig an und verdichteten sich zu vielköpfiger, vielstimmiger, riesenhafter Schwärze; und griff ein Fabrikinspektor nach dem Telephonrohr, so wußte man schon: gleich wird ein Steinhagel aus der Menge zu den Fenstern fliegen.
Petersburg selbst blieb unverändert; nur ein einziges Mal zogen Scharen von Menschen, von Geistlichen gefolgt, über den Newskij-Prospekt: man trug den Sarg eines Professors; voran wälzte sich ein Meer von Grün; blutrote Atlasbänder wehten in der Luft.
Es war eine neblige, sonderbare Zeit; mit frostigen Fersen schritt der Oktober durchs Land; frostiger Staub flog in braunen Stürmen durch die Stadt; und ergeben legte sich das goldene Blättergeflüster auf die Wege des Sommergartens, ergeben legte sich das raschelnde Laub zu den Füßen der Passanten, um, vor ihnen herjagend, an ihren Füßen hängenzubleiben; raunend flocht es gelbrote Worte aus Blätterbüscheln; das Meisengepiepse, das den ganzen August in den Laubwellen gebadet hatte, badete längst nicht mehr in den Wellen des Laubes; und die Meise im Sommergarten hüpfte verwaist im Netz der trockenen Zweige umher, hüpfte auf dem bronzenen Gitter und flog auf das Dach über dem Häuschen Peters des Großen.
So waren die Tage. Die Nächte aber — — Bist du schon nachts einmal gewandert, befandest du dich da in einem entlegenen Vorstadtgehölz, und hast du da die aufdringlichen, schreckenden U-Laute vernommen? »Uuuu — uuuu — uuuu«: so tönte es in der Ferne; war es überhaupt ein Laut? Wenn’s aber ein Laut war, so kam er sicher aus einer anderen Welt; von seltener Stärke und Klarheit: »Uuuu — uuuu — uuuu«, tönte es in den Vorstädten von Moskau, Petersburg, Saratow; doch die Fabrikpfeife hatte geschwiegen, der Sturm hatte nicht gepfiffen, und stumm war der Haushund geblieben.
Hörtest auch du einmal das Oktoberlied von neunzehnhundertundfünf? Ein solches Lied hatte es vorher nicht gegeben; ein solches Lied wird es nicht mehr geben: nie mehr.
Es ruft mich mein geliebter Delwig
Über die Stufen des Amtsgebäudes schreitend, sich mit der Hand an des Geländers kalten Marmor stützend, blieb Apollon Apollonowitsch mit der Fußspitze an dem Plüschläufer hängen und — stolperte; unwillkürlich verlangsamte sich sein Schritt; da geschah es, daß seine Augen eine Zeitlang an dem Riesenporträt des Ministers hafteten, der mit traurigem und mitleidigem Blick vor sich hin sah.
Das Rückgrat Apollon Apollonowitschs durchzog eine Frostwelle: das Gebäude war wenig geheizt. Wie eine Ebene schien Apollon Apollonowitsch der weiße, ausgedehnte Raum.