»Oder verschenken ...« und sie sah ihm fest in die Augen und faßte nach seiner Hand. Es dauerte lange, bis Stephan zu sich kam, und endlich sagte er:
»Du redest, wie du es verstehst, Margarete. Der Klausenhof und die Klausen, davon läßt sich nichts trennen. Den Hof verkaufen täte mir vorkommen wie eine Sünde, und den Hof verschenken täte mir vorkommen wie ein Undank. Stelle dir das einmal vor.
Ich verkaufe den Klausenhof, oder ich verschenke ihn, ganz wie du willst, und ich ziehe fort mit dir. Irgendwohin. Aber der Klausenhof bleibt da, immer noch der Klausenhof, trotzdem kein Klausen mehr drinnen ist, denn die Treuen liegen unten im Kirchhof, und der Untreue ist ... ich weiß nicht wo. Das weiß ich, und das wissen viele andere, aber der Klausenhof weiß nichts davon. Er kann es sich nicht vorstellen, daß ihm einer von den Klausen untreu sein könnte ... daß er einem Klausen nicht genug sein könnte, wo er ihnen durch so viele Jahre den Sturm von ihrem Feuer abgehalten hat und Segen und Sorgen und alles mit ihnen teilte. Nein ... der Klausenhof würde so etwas nicht glauben. Er würde es nicht glauben, denn ich war schon einmal fort ... damals in Innsbruck ... und als ich kam, da weinte ich in meinem Knabenstübchen vor Heimweh und Seligkeit und tausend Dingen, die niemand verstand. Nur der Hof verstand mich, denn er redete zu mir in seiner alten wunderlichen Weise, und ich wurde still und froh unter seinen ernsten Augen.
Und wenn ich jetzt wieder fortginge, der Hof würde auf mich warten. Und ich würde es spüren, Margarete. Immer würde ich ihn vor mir sehen, wie er wartet. Wie er da oben steht im rauschenden Regen, im peitschenden Sturm oder im lautlosen Schnee. Tag und Nacht würde ich ihn vor mir sehen, wie er wartet, daß ich wiederkomme.
... und, o Margarete! ich würde wiederkommen, denn der Hof gibt mich nicht frei ...«
Darauf wußte Margarete offenbar nichts zu erwidern, denn es entstand ein langes Schweigen, und Stephan hatte einen Moment lang das Empfinden, als ob der feine silberne Nebel zerrinne. Er hielt den Atem an, um sie nicht zu verscheuchen, und endlich redete sie wieder, aber diesmal langsam und zögernd, als hinge ein schweres Gewicht an jedem Wort:
»Du bist nicht frei ... und weil du nicht frei bist, so mußt du dich frei machen. Was aber heißt frei sein? ... Frei sein heißt froh sein; froh sein heißt stark sein; stark sein aber heißt Herr sein. Nicht Herr über einen Hof und über ein paar Knechte, sondern Herr sein über die Dinge, die man liebt. Das ist nicht leicht, Stephan. Aber wenn der Feind ein Land bedrängt, was tut das Volk? ... Es reißt seine Brücken, seine Dörfer, seine Wälder ein, um die Hauptstadt zu sichern ... denn es gibt immer noch eine größere Liebe ...
Bei dir handelt es sich auch um einen Feind. Allerdings um einen unsichtbaren. Nenne ihn Pflicht oder Angst oder wie du willst. Aber der Weg, auf dem er herankommt, ist etwas Sichtbares, etwas Äußerliches ... der Hof. Aber etwas Äußerlichem kann man an den Leib, und etwas Sichtbares kann man unsichtbar machen ... dann bist du frei ...«
Nun erschrak Stephan so heftig, daß er wie in Abwehr beide Hände von sich streckte und dabei unversehens den silbernen Nebel zerriß. Da sah er, daß er allein auf dem mondbeschienenen Felde stand. Ein unbekanntes Grauen schüttelte ihn, und seine Zähne schlugen fröstelnd aufeinander trotz der warmen, schwülen Nacht. Wie gehetzt lief er an den schweren, blinkenden Garben vorbei und hielt erst inne, als er auf die Höhe kam.
Dort oben stand sein Hof alt und grau, ernst und feierlich wie eine Kirche. Stephan aber wagte nicht, ihn anzuschauen. Mit gesenktem Blick, als hätte er Verrat im Sinne, ging er durch das Tor.