Achtundzwanzigstes Kapitel
»... weil ich frei sein will,« sagte Stephan, »und weil der Freiheit nichts im Wege stehen darf ... nichts ... selbst du nicht, du alter ehrwürdiger, du heiliger Hof ...«
Und er streichelte die alten Mauern scheu und zärtlich, als wären sie Grabsteine, und trat leise und behutsam auf, als träte er geweihten Grund.
Und allen im Hause, besonders aber Maria, hätte er gerne gesagt, sich den Hof noch einmal anzuschauen, sich jede Wand und jeden Winkel einzuprägen, damit sie ihn zeitlebens in Erinnerung behalten. Aber er konnte das niemand sagen, denn es hätte ihn keiner verstanden. Und weil er also schweigen mußte und genau wußte, daß es gerade Maria am schwersten treffen werde, war er ihr gegenüber so voll Zartheit und Liebe, ungefähr wie jemand, der eine große Schuld zu tilgen hat.
Lange, lange saßen sie diesen letzten Abend beisammen und redeten wieder einmal vom Vater, der nun schon so lange tot war. Und weil der Tod des Vaters so innig mit der neuen Villa zusammenhing und das ein Boden war, den sie noch immer nicht zu betreten wagten, sprang das Gespräch auf Therese über, auf ihren Mann und den Kleinen, der als ein echter Bauernsohn rund und rotbäckig gedieh. Zum Schluß aber redeten sie über die Ernte. Über den Segen, der von den Feldern in die Scheunen strömte, ein Segen, so ausgiebig, wie sie sich auf keinen zweiten besinnen konnten. Endlich aber stand Maria auf, richtete noch Kleinigkeiten da und dort und wünschte Stephan gute Nacht. Da hielt er ihre Hand länger als gewöhnlich, und es schien, als ob er ihr noch etwas sagen wollte. Aber er sagte nichts und ließ sie gehen.
Eine Weile blieb er noch in der Stube vor der brennenden Lampe sitzen, dann löschte er sie aus und ging ebenfalls in seine Kammer. Dort machte er aber kein Licht wie gewöhnlich, sondern setzte sich an sein Bett und wartete.
Eine Stunde mochte er so gewartet haben, dann erhob er sich und schritt hinaus. Voll und weiß stand der Mond am Himmel, und der ganze Hof sah aus, wie aus einer silbernen Flut gezogen.
Stephan aber gab sich jetzt nicht mehr ab mit schwärmerischen Gedanken. Abschied hatte er von dem Hof schon genommen.
Vorhin schon ...
Ohne jede Hast oder Überstürzung, mit klarem Kopf und ruhiger Hand ging er ans Werk. Und während er über den Hof nach der Scheune schritt, dachte er: »Ich bin nicht wahnsinnig, o nein! Ich will frei sein, und frei sein heißt Herr sein über die Dinge, die man liebt ...«