Und als hätte er plötzlich einen Gedanken bekommen, der ihm früher fremd war, sprach er laut und deutlich:

»Am Ende meines Ichs ... was da heißen soll, wenn das Herz leer wird und von dem Witz, der Weisheit und der Güte der andern leben will.«

Er warf die Zigarette weg und sprang auf. Sein Gesicht war gleichmütig wie immer, nur seine Lider lagen ein wenig schwer über den Augen. Kein Mensch hätte ihm angesehen, daß er erregt war, daß ihn eine tolle Furcht erfüllte, die Furcht des Einsamen, dem bangt um seine Einsamkeit ... Er verließ das Haus und wanderte durch den Wald. Kühl und feucht, mit hängenden Zweigen, standen die Lärchen links und rechts. Er griff in ihre langen, grünen Haare, und nun dachte er an Frauen, an die eine, die er geliebt hatte und doch auch gehen ließ wie all die andern, weil er allein sein wollte ... Ihr Name – einer von den wenigen Frauennamen, die er behalten hatte von all den Namen, die er schon kannte, lag plötzlich in der Luft, und dann kam sie selbst mit der Abendröte auf den Wimpern und den Wangen ... »Vera«, sagte er, obwohl er genau wußte, daß es unmöglich Vera sein konnte. Dann wartete er mit angehaltenem Atem und ließ sie vorübergehen. Ruhig und stolz, mit einer leisen Falte zwischen den Brauen, schritt das fremde Mädchen an ihm vorbei. Sie ging den Weg zum Bauernhaus, und als sie hinunter an die Wiese kam, trat der junge Mann zu ihr, den er vorhin bewundert hatte. Da merkte er an Gang und Haltung, daß sie Geschwister waren. Hugo von Rotenau blickte ihnen eine Weile nach, dann setzte er seinen Spaziergang fort. Auf dem Heimweg aber machte er einen weiten Bogen um die Villa, kam beim Bauernhaus vorbei und sah das Mädchen noch einmal. Sie stand im Garten unter einem Feld von großen, gelben Blumen. Da zog er tief den Hut und grüßte sie.

Sechstes Kapitel

Stephan und Maria verbargen sich etwas. Sie vermieden sogar, soviel es ging, allein miteinander zu sein, und wenn es einmal nicht anders möglich war, dann sprachen sie, in hastigem Eifer die gleichen Dinge wiederholend, über die Knechte, die Ernten, die Mutter und Therese. Aber kein Wort über die Villa und die neuen, fremden Menschen, deren Kommen sie mit Spannung und Groll erwartet hatten. Und nun waren diese Menschen schon so lange da, und beide wußten es, und keines sagte es dem andern ...

Maria nicht, weil sie einen Mann gesehen hatte mit dunklen, merkwürdigen Augen, der sie grüßte, als ob sie eine Gräfin wäre, und mit ihr über fremde, traumhafte Dinge redete, wenn er sie im Garten oder im Walde traf ... und Stephan nicht, weil er einmal in dämmeriger Abendstunde einem Wagen nachgegangen war, einem Wagen und einer Hand, zu der er sich seither Augen, Mund und Haare nach dem Bild der Gottesmutter, das er in Innsbruck sah, geschaffen hatte. Und wenn er vom Felde heimging, dachte er nicht mehr wie früher an Maria oder an den Vater, sondern an die Gottesmutter ... und doch wieder nicht an die Gottesmutter, sondern an ein Mägdlein mit langen, blonden Haaren und tiefen, scheuen Blicken ... Und eine Unruhe war über ihn gekommen wie über den Wald, wenn die ersten Frühlingsstürme auf dampfenden Rossen durch die alten Tannen reiten, und ein Getöse war in sein Blut gekommen, wie wenn ein starker, breiter Strom sich schwer auf starren Felsen bricht ... So kam es, daß er übersah, wie Marias Eifer abnahm. Daß sie nimmer aufsprang, wenn er abends heimkam, sondern sitzen blieb und auf den Weg hinausstarrte ... daß sie oft mitten in der Arbeit innehielt, die Hände noch in der Luft, den Kopf gesenkt, gerade als ob sie lauschte ... vielleicht nach einer Stimme, vielleicht nach einem Schritt, vielleicht nach Gedanken, die plötzlich aus dem Herzen steigen, ein rasches Licht ins Auge tragen und lautlos wieder gehen ... übersah, wie sie höher wurde, merkwürdig reifte und erblühte gleich einer Blume oder Frucht, die nach lauen Tagen plötzlich die Sommersonne spürt und alle ihre Blätter breitet ... übersah, wie sie edel wurde in Schritt und Gebärde, wie ein Zauber sie mit leuchtenden Fäden umspann, bis sie wie etwas Fremdes, Fernes in den niedren Stuben stand ... Das alles übersah Stephan. Er wurde schwer und verträumt, wie alle Klausen waren, wenn sie die Liebe packte, denn Stephan liebte, liebte in einer wundersamen, wesenlosen Weise, wie kein Klausen je geliebt hatte ...

Siebentes Kapitel

Im Tale reiften die Pfirsiche und Frühtrauben. Dick und saftig standen Bäume und Reben von der Erde, die in ihrem Innern noch den letzten Regen trug. Die Berge aber waren ausgetrocknet, und alles litt unter der Dürre. Verzweifelt blickten die Bergbewohner zum Himmel auf, aber kein Wölkchen zeigte sich, und die Hitze wuchs. Sie grub sich in den Wiesenboden, daß er hell und hart wurde wie Stein. Sie bohrte sich in den Fels, daß er sprang und zerstob wie Staub. Sie fraß sich in den Wald und brannte die Nadeln dürr, daß sie abfielen wie Spreu.

Da ließ die Klausenbäuerin eines Morgens das große Holzkreuz aus der Stube tragen, und ein Knecht stellte es mitten auf der Wiese auf. Dann schickte sie Boten in die entlegensten Höfe, und nun kamen jeden Abend Bauern und beteten vor dem Kreuze Rosenkranz und Litanei. Aber noch immer zeigte sich kein Wölkchen am Himmel, und die Hitze wuchs. Niemand hatte je auf den Bergen einen solchen Sommer erlebt. In der fünften Woche, da geschah etwas. Es war Sonntag und ein Uhr. Tiefblau und unbeweglich wie immer stand der Himmel, und die Sonne darin eine senkrechte Flamme. Sämtliche Bewohner des Klausenhofes standen vor dem Brunnen und blickten auf das Wasser, das dünn wie ein Seidenfaden floß. Sie dachten an die Hilfe der armen Seelen und sprachen über eine Messe, die sie lesen lassen wollten. Da kam ein Fetzen Rauch. Er war nicht viel größer als eine ausgespannte Hand, und als er an den Köpfen der Leute vorbeiflog, brachte er einen Geruch von Brand. Eine Weile schwankte er unentschlossen hin und her, dann drehte er sich gegen die Wiese und hockte sich auf das große Kreuz, gerade auf die Spitze. Gleich danach kam ein zweiter Fetzen. Niemand hatte ihn kommen sehen. Wie aus der Erde gewachsen war er da, und der Brandgeruch verstärkte sich. Der Himmel aber stand noch immer tiefblau und unbeweglich. Nun kam ein dritter Fetzen, lang und fein wie ein Schleier. Aber er wuchs wie eine Wolke und füllte das Tal mit unendlicher Schnelligkeit. Dann sprang ein weißes Licht nieder, aber kein Donner folgte, und der Himmel war noch immer blau.

Plötzlich schob sich ein Schatten vor die Sonne, und es entstand ein Getöse. Oben? Unten? in dem Wald, oder in den Wiesen? Man hätte es nicht sagen können, denn die Wipfel der Bäume waren unbeweglich, und kein Grashalm regte sich. Aber es war da, und man empfand die Gegenwart unheimlicher Kräfte. Dann begann es von unten auf zu dampfen und zu steigen. Überallhin warf der Nebel seine Riesenschleppen aus. Der ganze Himmel schien im Tale zu liegen. Das dauerte einen Augenblick, dann wurde es schwarz, und als ob das das Zeichen wäre, kam der Sturm. Das ganze Land zitterte unter seinen Tritten, und der Wald stöhnte wie ein Mensch. Aus einer Wolke im Westen sprang der Blitz. Eine Sekunde lang war alles blau, und der Donner, der folgte, übertönte den Sturm. Dann wurde es Nacht wie vorher, und prasselnd setzte der Regen ein. Da erwachten die Leute um den Brunnen aus ihrer Erstarrung und liefen in das Haus. Sie hatten nur ein paar Schritte bis zur Türe, aber als sie in die Stube kamen, lag auf den Hüten der Knechte ein Kranz von Eis. »Hagel«, sagten sie und fingen laut zu beten an. – Den nächsten Morgen stand Stephan allein im Hof und schaute mit verschränkten Armen in das Land. Die Luft war klar, der Himmel wunderbar blau, und die Wiesen und die Wälder leuchteten im doppelten Grün. Ringsum auf den hohen Bergen aber lag der Winter. Weiß und glänzend hoben sie ihre Spitzen in das blaue Firmament und trugen ihre Schneekronen leicht und froh wie junge Mädchen ihr Geschmeide. Da freute sich Stephan und sprach: