»Wie schön! wie schön!«

Dann fuhr er zusammen, denn jemand hatte plötzlich seinen Arm berührt. Er drehte sich um, und neben ihm stand der älteste Knecht. Sein Gesicht war blaß wie von einer großen Erregung, und seine Knie schlotterten. »Herr,« sagte er fassungslos, »Herr, das arme Vieh auf den Almen.« Darauf wandte Stephan den Blick und sprach lange nicht, so schämte er sich. Endlich aber faßte er sich und sagte: »Ja, das Vieh ... das arme Vieh ...« Und als er sah, daß der Knecht die Worte, die er vorhin aus einem großen Empfinden heraus gesagt hatte, nicht gehört hatte, wurde er ruhig und sprach mit sachlichem Eifer über die Almen und die Hütten darauf: daß die Dächer ausgebessert und mit schwereren Steinen beschwert werden müßten, daß er Fürsorge treffen würde mit dem Futter und dergleichen für den Fall eines Unwetters wie gestern, und daß er in den nächsten Tagen selbst hinaufgehen werde, um genau zu sehen wie alles stünde ... Über das und vieles andere redeten sie, und der Knecht erzählte noch über den Schaden, den der Hagel in den Tälern angerichtet hatte. Endlich ging er mit bekümmertem Gesicht. Stephan aber blieb im Hofe stehen. Seine Blicke waren finster, zwischen seinen Brauen stand eine senkrechte Falte, und als ob die schöne Villa, die östlich von ihm aus einer Gruppe grüner Lärchen grüßte, schuld an seinem Kummer wäre, schaute er starr hinüber. Dann schüttelte er sich, wie um etwas abzuschütteln, und dabei sagte er:

»Vielleicht ist es doch besser, daß ich einmal zum Müller gehe und ihn wegen der Wiese frage ...«

Achtes Kapitel

Seit dem Unwetter floß im Klausenhof das Wasser aus dem Brunnen gelb und schlammig. Es mußte daher mit der Quelle etwas nicht in Ordnung sein. Weil es Erntezeit war und die Knechte alle Hände voll Arbeit hatten, um den Segen des Jahres heimzubringen, zog Stephan seinen schlechtesten Rock an, nahm eine Picke auf die Schulter und ging selbst, nach dem Übel zu schauen. Die Quelle lag weit oben im Wald, und er mußte an der neuen Villa vorbei. Obwohl er alle Sprüche darauf kannte und sie oft genug gelesen hatte, blieb er doch stehen und las den Spruch, der sich dem Wald zukehrte:

»Auf hoher Warte rag' ich da,
Dem Tale fern, dem Himmel nah,
Blick' weit hinaus ins freie Land
Und stehe so in Gottes Hand.«

Gerade als er weiter gehen wollte, sah er im Garten etwas Weißes durch die Büsche schimmern. Es war ein Kleid, und nun blieb er noch einmal stehen, als ob er hoffte, noch mehr zu sehen als das Kleid. Aber dann dachte er an Agnes, dachte daran, wie lieb und gut sie sei und welch weiten Weg sie machte, nur um ihn zu sehen, als er damals kam von Innsbruck. Da ging er wieder und beschäftigte sich vorsätzlich weiter mit ihr. Er hatte sie jetzt schon längere Zeit nicht gesehen, aber ehe er nach Innsbruck ging, waren sie viel beisammen. Als Kinder jagten sie oft die Berge hinauf und hinunter, und er fing sie bei den Zöpfen, die mit roten Bändern geputzt hinter ihr flogen ... Ja, früher ging er nicht ungern hinab zur Mühle und verirrte sich auch oft, denn genau muß man den Weg dorthin kennen ... Über gefällte Bäume und wüstes Geröll muß man klettern, dann findet man sie versteckt zwischen Felsen und Fichten, und ein schwarzbrauner Waldbach treibt ihre großen, hölzernen Räder ... Und wenn man just Glück hat, kommt einem Agnes entgegen, im kurzen, kleidsamen Dirndlgewand. Und sie führt den Gast über holprige Dielen und knarrende Treppen in die gemütlichste Stube, plaudert dabei über lustige Dinge und lächelt schelmisch die ganze Zeit ... Ja, so ist des Müllers Jüngste, und ein liebes Kind ist sie ... Immer weiter spann Stephan seine Gedanken, und immer leichter und froher wurde er. Alles Schöne fiel ihm neben Agnes und der Mühle ein: daß im Stalle alles so gut stand, daß die Ernte so reich war, daß die Mutter nimmer kränkelte, und daß Maria so ein frohes Licht im Auge trug ... Ja, es ging gewiß alles gut auf seinem Hofe, und er war vielleicht doch kein allzu schlechter Bauer.

Oben bei der Quelle fand er Arbeit, und nun wurde er praktisch und hörte zu träumen auf. Der heftige Regen hatte die Felsen abgeschleift, Schutt und Schlamm herangeschwemmt und Felsblöcke auf den Mund der Quelle gelegt. Die Erde aber war fortgewaschen, und das Rohr lag stellenweise bloß. Stephan zog seinen Rock aus, rollte die Hemdärmel zurück, und bald zitterte der ganze Wald von den Schlägen seiner Picke. Weil er aber die schweren Felsstücke fortrollte, als wären sie nur Kieselsteine, und den Boden mit den dicken Baumwurzeln so leicht aufriß, als träge er nur Moos, verdroß ihn die Arbeit insgeheim, da er meinte, sie brauche keine Kraft. Trotzdem arbeitete er weiter und stand oft bis zu den Knien im Schlamm. Es dämmerte schon, als er endlich fertig war. Erst wollte er denselben Weg zurückgehen, den er gekommen war, dann aber änderte er seinen Sinn und schlug einen Pfad ein, der in die Felder führte. Er schlug diesen Pfad ein, vielleicht weil er sehen wollte, wie weit seine Leute mit dem Korn gekommen waren, vielleicht aber auch, weil er vermeiden wollte, daß er wieder an die Villa kam. Als er aus dem Walde trat, sah er schon von weitem in langen Reihen die Garben aufgestellt. Die Knechte aber waren nimmer da, und das ganze Feld lag einsam im Sonnenuntergang. Stephan faßte seine Picke fester und eilte rascher vorwärts. Eine feierliche Freude war über ihn gekommen, denn nun dachte er an die Winternächte, in denen er nicht schlafen konnte aus lauter Sorge um den Samen. Und weil sein Herz so voll war, sagte er: »Schau, Vater, schau ...!« Dann schritt er das ganze Feld entlang, blieb bei jedem Büschel stehen und streichelte es liebevoll ... Währenddem ging die Sonne unter. Stephan fiel jetzt die Mutter ein, die zu Hause wohl wartend an der Türe stand, und er wußte, daß es Zeit war heimzugehen. Darum schritt er aus dem Feld heraus, hinüber zu dem Fußpfad, der das Korn von den Wiesen trennte. Als er hinkam, sah er von unten eine weiße Gestalt herankommen ...

Vielleicht eine Frau ...

Vielleicht ein Mädchen ...