Stephan beschattete die Augen mit der Hand, denn die Abendröte lag blendend nach dieser Seite.

Ja, ein Mädchen ...

Leicht und sicher, ohne das lange Kleid zu raffen, schritt es durch das hohe, blühende Gras. Von seinem Kopfe wehte ein feiner weißer Schleier, in der Hand trug es einen Hut mit Mohnblüten. Da sie demselben Pfad zustrebte, auf dem Stephan stand, dachte er daran, sie vorangehen zu lassen. Nicht etwa aus Höflichkeit, sondern weil er nicht leiden konnte, wenn jemand hinter ihm ging. Weil die Fremde aber noch ein gutes Stück unten war und Stephan nicht auf dem Wege stehenbleiben wollte, schritt er in das Feld zurück und machte sich an den Garben zu schaffen. Dadurch verlor er sie aus den Augen, doch tauchte sie bald auf der Höhe des Weges auf. Als sie den einsamen Mann gewahrte, hemmte sie plötzlich ihre Schritte, zauderte einen Augenblick, bog dann vom Wege ab und trat zu ihm ...

Stephan lehnte sich ein wenig schwer an die Garben.

Das Mädchen, das plötzlich vor ihm stand, sah er heute zum erstenmal und kannte es doch schon lange. Das waren dieselben blonden Haare, dieselben scheuen Augen, dieselbe weiche Hand ... Unter tausend Händen hätte er diese Hand herausgekannt. Er wollte an Agnes denken, aber er konnte nicht. Dumm und verwirrt wie ein Knabe stand er vor ihr. Sie aber wußte nichts von seinen Gedanken und sagte mit einfacher Herzlichkeit:

»Wir haben erst vor ein paar Tagen erfahren, was für ein großes Unglück Euch traf, als man unsere Villa baute ... es tut mir ...« sie stockte und verbesserte sich, »ich meine uns allen so leid.« Nun kam er zu sich, und weil er sich schämte, daß ein ganz fremdes Mädchen ihn so erregen könne, nahm er alle Kraft zusammen, wandte den Kopf zur Seite, als ob sie gar nicht da wäre, und sagte leichthin: »O, das ist jetzt schon lange her, und wir haben es überwunden ... einmal hätte es doch kommen müssen, so oder so.« »Allerdings ...« Dann schwieg sie, blickte auf seinen beschmutzten Anzug und dachte: »Was nützt diesen Leuten Mitgefühl? Sie brauchen Geld.« Und während ihr Ton kühler und ihre Haltung stolzer wurde »... aber es wäre vielleicht nicht so plötzlich gekommen. Wenn Sie darum irgendeine Hilfe brauchen ... mein Papa ist sehr gut.« Da flammte eine heiße Röte in seine blassen Wangen, seine Augen blitzten, und er sagte verächtlich: »Sie irren sich vollkommen. Wir haben Geld genug, daß wir dreißig solche Villen bauen könnten, als die dort drüben ist ...« und nach einer Pause, während der sie erstaunt und verletzt dastand »... aber Sie verschwenden Ihre Zeit mit einem einfachen Bauer ... sehen Sie dort das Alpenglühn.« ... Und er wollte gehen und konnte nicht, weil ihn das Schauspiel selber bannte.

Geradeaus vor ihnen, jäh sich hebend vom dämmrigen Himmel wie Edelsteine auf dunklem Sammet, lohten eng aneinander gerückt die Königskinder der Dolomitenberge, und die weißen Mauern eines einsamen Bergkirchleins, das sich im äußersten Osten gegen den Himmel schob, brannten in einem tiefen, lilafarbenen Schein ...

Das dauerte einige Minuten, dann sprang am Fuße des mächtigen Schlern ein Schatten auf, der langsam höher kroch und Licht fraß. Es floh in die äußersten Spitzen und leuchtete dort noch intensiver als vorher, aber der Schatten warf sich darauf wie ein riesiger Mantel und löschte die Glut. Nun standen sie grau wie die andern Berge und zeigten ihre Furchen, ihre Schluchten und ihren Schnee ...

Da erwachten die beiden auf dem Feld aus ihrer Versunkenheit. Schweigend, atemlos, jedes die Gegenwart des andern vergessend, hatten sie sich in die ferne Pracht versenkt. Nun sahen sie sich in die Augen, schämten sich, daß sie noch da waren, und freuten sich doch darüber, denn sie fühlten, daß sie sich verstanden und versöhnt hatten. Sie schritten aus dem Feld heraus, hinüber zum Fußpfad, und als ob es selbstverständlich wäre, gingen sie nebeneinander her. Erst gingen sie ohne zu reden, aber dann sagte das Mädchen: »Sie sind hier aus der Gegend und wissen vielleicht besser Bescheid als wir Fremden. Warum trägt der Rosengarten diesen merkwürdigen Namen?«

Darauf lächelte Stephan im freudigen Eifer, denn die Berge waren ihm immer das Liebste, und mit gedämpfter Stimme erzählte er ihr das Märchen von König Laurin und dem tapfern Ritter Dietrich von Bern. Er erzählte dieses Märchen mit so viel Bewegung, mit so viel eigener Phantasie und Begeisterung, daß sie auch davon begeistert wurde. Aber zum Schluß schien sie das Märchen und den Zweck des Märchens vergessen zu haben, denn sie lächelte fein und sagte: »Ich habe nicht gewußt, daß die Bauern so gelehrte Leute sind.« Da schämte und ärgerte er sich, denn sie hatte, ohne es zu ahnen, seine wunde Stelle getroffen, und er antwortete: »O, ich bin ein schlechter Bauer.«