Und weil sie nicht mehr weit vom Hofe waren, grüßte er rauh und ging.

Aber er ging nicht direkt ins Haus, sondern lief um den Hof herum wie jemand, der etwas Heimliches mitbringt, das er gern verbergen möchte, ehe es die anderen sehen, und als er endlich in die Stube kam, freute er sich, daß die Lampe nimmer brannte. Er tastete nach den Streichhölzern, aber als das Licht aufflammte, sah er, daß Maria in der dunklen Stube saß. Zu einer andern Zeit wäre ihm das befremdend aufgefallen, aber heute fiel es ihm nicht weiter auf. Doch auch Maria schien es nicht zu wundern, daß Stephan so spät kam. Sie brachte sein Essen ohne ein Wort des Erstaunens, begann dann über die Ernte zu reden und erzählte, daß der Brunnen wieder in Ordnung sei. Aber unter all dem Gerede über die Ernte und den Brunnen fragte sie plötzlich: »Sag, Stephan, wann gehen denn gewöhnlich die Fremden fort?« Die Frage schien nichts bedeuten zu wollen, aber Marias Gesicht war totenblaß, und ihre Augen brannten dunkel. Und plötzlich wußte Stephan ihr Geheimnis, weil ihn die Frage mit demselben Schreck und derselben Wucht traf. Er schwieg lange, als ob er sänne, aber er dachte: »Mein Gott ... mein Gott.« ... Dann zwang er sich zum Gleichmut und sagte: »Das hängt vom Wetter ab.«

»Ja ... aber gewöhnlich, Stephan?«

»Anfang Oktober.«

»Und jetzt haben wir schon September ...«

»Ja, Maria.«

Danach griff sie nach einer Kerze, entzündete sie, und ihre Hand zitterte stark über der Flamme. Das preßte Stephan das Herz zusammen, und er dachte: »Könnten wir es nicht ausreden miteinander?« Gleich aber fühlte er deutlich, daß so etwas zwischen zwei Klausen unmöglich sei, und ohne aufzuschauen sagte er ihr gute Nacht.

Neuntes Kapitel

In der neuen Villa war Besuch angekommen. Herr von Kletten, Industrieller und Großgrundbesitzer, hatte seine geliebten Güter einige Tage dem Verwalter überlassen, um seine Familie in Tirol aufzusuchen, und brachte eine Schar Bekannte mit. Die ersten Tage blieb die Gesellschaft vollzählig beisammen. Sie tauschten untereinander ihre wechselseitigen Eindrücke über die Gegend, besprachen Tagesneuigkeiten und machten Pläne für den kommenden Winter. Aber schon gegen Ende der Woche teilten sie sich in mehrere Gruppen. Die Herren unternahmen Ausflüge in die Berge, die Damen blieben zu Haus. Die Jüngeren unter ihnen verfertigten feine Handarbeiten, und die Älteren spielten Schach. Dadurch kam Frau von Kletten etwas zu sich, kümmerte sich wieder mehr um ihre Töchter und entdeckte nun, daß ihre blonde Jüngste irgendein Geheimnis barg. Sie zeigte der Mutter gegenüber eine merkwürdige Scheu, und Frau von Kletten zweifelte keinen Augenblick, daß die Liebe mit im Spiele war ...

Wen aber liebte ihre Margarete? ... Hugo von Rotenau ... Das war eigentlich das Nächstliegende, denn er war, ob er schwieg oder redete, eine bestrickende Persönlichkeit, und von seinen dunklen Augen strömte eine Macht aus, der zu widerstehen beinahe unmöglich war. Aber daß gerade Margarete ihn liebte, schien der kleinen, nervösen Frau etwas Schreckliches. Seine Lebensauffassung ... Lebensbrutalität nannte sie es insgeheim ... stand im schlagenden Gegensatz zu der weichen, schwärmerischen Gemütsart ihrer Tochter. Für Margarete paßte zum Beispiel der junge Waldburg. Der war reich, vornehm, nicht allzu geistreich, gutherzig, nachgiebig und viel auf Reisen. Da hatte sie ihr Kind viel bei sich. Gerade, was sie wollte. Hugo von Rotenau dagegen hatte sie, so unsympathisch er ihr auch in vielen Dingen war, für Frida bestimmt. Die war mehr für das Praktische, Positive, fand sich ausgezeichnet in die Gesellschaft und würde einmal Lebensklugheit genug haben, um einzusehen, daß ein Mann wie Hugo unmöglich treu sein könne ... denn treu würde er niemals sein, und so ein Mann bräche der armen, kleinen Margarete das Herz.