Alles das und noch viel mehr erwägte Frau von Kletten, während sie in ihrem Schaukelstuhle lag, sich leise schaukelte und feine Schokolade naschte. Sie erwägte hin und sie erwägte her, aber es kam doch immer dasselbe dabei heraus: Ihre scheue, stolze Margarete liebte, und der Mann, den sie liebte, war ein grausamer, unverständlicher, übersinnlicher Egoist. Und als ob sie einen plötzlichen Einfall bekommen hätte, stand sie auf, zog aus einem kunstvoll gearbeiteten Schrank ihr Tagebuch und schrieb hinein: »Der schmerzlichste Undank der Kinder ist ihre Selbständigkeit.« Sie lächelte zufrieden über den eigenen, schönen Gedanken, legte das Büchlein wieder zurück und ging dann, sich für den Abend umzukleiden. Ehe sie sich aber in den gemeinsamen Speisesaal begab, suchte sie Margarete auf. Sie wollte sie wenn möglich warnen, sie ein klein wenig merken lassen, welch schrecklich gefährlicher, unmöglicher Mensch Hugo von Rotenau sei, ein Mensch, dem sie nie und nimmer Vertrauen schenken dürfe. Als sie aber in Margaretens reine Kinderaugen blickte, fehlte ihr doch der Mut dazu, und sie sagte nur: »Bist du auch ganz wohl, Liebling?«
Margarete bejahte lächelnd, hing sich dann an den Arm der Mutter und erzählte von einer Freundin, die ihr geschrieben hatte. Aber während sie plauderte, kam es Frau von Kletten vor, als ob das Mädchen ihre Gedanken wüßte und vorsätzlich so viele und so gleichgültige Dinge über die ferne Freundin brachte. Darum konnte sie sich doch nicht enthalten, ganz zu schweigen, und als sie auf der Schwelle zum Speisesaal standen, sagte sie: »Weißt du auch, daß du immer recht kühl sein mußt mit Hugo von Rotenau?«
»Warum, Mama?«
»Weil er ein böser Wildfang ist, der mein kleines Mädchen nie glücklich machen könnte.«
»Aber, Mama ...« und der große, erstaunte Blick, den ihr Margarete gab, beschämte Frau von Kletten so sehr, daß sie das Gespräch abbrach und hastig in den Saal schritt.
Die Mahlzeit verlief ruhig in leichter angenehmer Unterhaltung, ganz im Sinne der Hausfrau. Sie konnte geistreiche Dinge, wobei man denken, witzige Dinge, wobei man lachen, und schaurige Dinge, wobei man zittern mußte, durchaus nicht leiden. Anfangs hatte sie zwar befürchtet, daß man über die letzten Opfer der Schweizer Berge – alle Zeitungen waren voll davon – reden würde, aber niemand dachte daran. Sie machten dem Essen Ehre, lobten das Wetter, nahmen sich Dinge vor, die sie niemals zu tun gedachten, und Hugo von Rotenau, der einen oft ganz unerwartet mit außergewöhnlichen Dingen überfiel, war glücklicherweise in einer schweigsamen Laune ... Ja, glücklicherweise, trotzdem er Fridas Tischnachbar war und das arme Kind auffallend vernachlässigte. Zum Glück hatte sie Takt und Temperament und unterhielt sich mit dem Rittmeister nebenan. Der wieder war Feuer und Flamme ... O, sie waren Probleme, diese Männer ... Frau von Kletten seufzte und sah sich nach Margarete um. Die saß steif und korrekt neben dem jungen Waldburg, das feine Näschen leicht gebläht, wie in Hochmut, wie in Abwehr ... Der junge Waldburg erzählte ihr etwas über Pferde. Frau von Kletten hörte es deutlich durch das Geklirr der Gabeln und Messer. Er war ohne Zweifel ein wunderbarer Mann mit einem schönen Schloß und einem schönen Titel, devot und unverdorben, das Ideal von einem Schwiegersohn ...
»Verzeihung,« sagte ihr Nachbar, »haben Sie es gelesen?«
Sie dachte an die Schweizer Berge ... also doch ... und weil sie nicht wieder alle Einzelheiten des gräßlichen Unglücks hören wollte, sagte sie rasch: »Ja, es waren Berliner und ihrer sieben ... aber warum bleiben sie nicht zu Hause?«
»Sehr richtig ... aber ich meine die Frau mit den Fünflingen.«
»Wie interessant,« Frau von Kletten errötete wie ein junges Mädchen, »wahrscheinlich eine ... wie heißen sie nur? ... eine von den wilden Rassen.«