Den ganzen Tag hatte sie an dieses Wort gedacht wie an etwas Unmögliches. Hatte die Wege hinauf und hinab gesehen, in den brennenden Augen eine leidvolle Frage:

»Kommt er nicht?«

Und während sie in Zimmer und Küche die gewohnte Arbeit tat und dabei immer wieder durch das Fenster sah, dachte sie:

»Es kann doch nicht sein, daß er nicht kommt. Daß er fortgeht, ohne zu reden ...«

So wartete sie von früh bis Mittag, von Mittag bis Abend. Als aber die Schatten länger fielen, überkam sie eine lähmende Angst. Konnte es doch sein, daß er ihr nichts zu sagen hatte? Nichts? gar nichts? ... Doch schon im nächsten Augenblicke lächelte sie über ihre Furchtsamkeit. Nein, das konnte nicht sein. Er war immer so seltsam gut mit ihr gewesen. In seiner Stimme barg sich Innigkeit, in seinen Blicken ein Geheimnis. Tausend süße Kleinigkeiten hatten es ihr aufgedeckt ... Sie schloß die Augen im glücklichen Sinnen. Als sie sie wieder öffnete, schrak sie zusammen. Auf der Wiese vor dem Hofe schritt Hugo von Rotenau. Ohne Hut und Mantel im lichten Sommeranzug, den edlen Kopf zurückgebogen, als schaute er den Wolken nach, kam er langsam näher. Es fuhr Maria in den Sinn, ihm entgegenzugehen. Gleich aber schämte sie sich, richtete mit zitternder Hand das Band an ihrer Schürze, trat vom Fenster zurück und blieb im Dunkel des Zimmers stehen. Als der Mann auf der Wiese aber so nahe war, daß sie ihn hätte rufen können, schlug er plötzlich eine andere Richtung ein. Er drehte dem Hof den Rücken und entfernte sich mehr und mehr nach unten. Maria erblaßte, als sie das sah, dann aber dachte sie: »Er weiß nicht, daß ich im Hause bin. Er sucht mich draußen.« Und als ob unsichtbare Hände sie drängten, schritt sie hinaus. Sie schritt über den Hof, hinab auf die Wiese und blieb dann unschlüssig stehen. Sollte sie doch zurückgehen und im Hause warten, bis er kam? Aber noch während sie überlegte, drehte sich Hugo von Rotenau wieder um, erblickte sie, schwenkte grüßend seine Hand und blieb dann stehen, als ob er wartete und als ob es sicher und selbstverständlich wäre, daß sie zu ihm hinabkommen würde. Maria empfand das, empfand es wie eine Schmach und konnte doch nicht anders als hinuntergehen. Dann schritten sie mitsammen über die lautlose Wiese, und Hugo von Rotenau sagte nach einem langen, träumenden Schweigen: »Die wundervolle Ruhe dieser weiten, grünen Matten ... Sie wissen nicht, wie der Städter das genießt!«

Und weil er für seine Worte kein Verständnis in ihren Blicken las, gab er einer ruckweise auftauchenden Laune nach und erzählte ihr von der Stadt ..., von dem Staub, dem Lärm in den langen, breiten Straßen, von der Jagd, der Hast in den großen Plätzen, von den Zerstreuungen, den Vergnügungen, dem Wohlleben der Reichen, von dem Elend, der Zerfahrenheit, der Zerrissenheit der kleinen Leute, und zuletzt redete er über sich selbst. Erzählte, wie er ganz durch Zufall hergekommen sei, daß er anfangs nicht dachte, daß er so lange bleiben werde und dann doch geblieben sei, weil ihm die Gegend jeden Tag lieber und vertrauter wurde.

»Und die Leute?« fragte Maria bleich bis an die Lippen, »wie fanden Sie die Leute?«

Er fuhr mit der weißen Hand durch sein dunkles, dichtes Haar und lachte leise.

»Darauf kommt es bei mir nie an.«

»Auf die Leute?«