»Ja.«
Maria streckte die Hände aus, als suche sie eine Stütze, und fragte mühsam:
»Haben Sie denn nie einen Menschen geliebt?«
Er blickte gerade vor sich auf die Spitzen der Brixner Berge, die sich safranfarben in den Abendhimmel hoben, und während sein Mund weich und seine Augen versonnen wurden, sagte er:
»Ich habe einmal eine Polin gekannt. Sie war eine Tänzerin, und wenn sie tanzte, war es, als ob eine junge Taube in der Sonne flöge. So glatt und weich war sie. Aber das Wunderbarste und Seltsamste an ihr waren ihre Füße. Sie trug ihr Herz in den Füßen. Sie weinte mit den Füßen. Und ich schwöre, ich habe nie Augen gesehen, die so erschütternd weinen konnten wie ihre Füße. Ein Zittern, ein Kräuseln, von dem Knöchel angefangen bis zu den milchweißen Zehen, und man wußte, daß sich etwas in ihr krümmte ... Sie war auch nicht frivol wie viele Tänzerinnen, sondern tugendhaft, und zugleich mit der Schönheit achte ich die Tugend beim Weib.« Er schwieg einen Augenblick, und über sein Gesicht huschte eine verwirrte Röte. Gleich aber faßte er sich und schloß: »Später ... ein Jahr später, hörte ich, daß sie starb.«
Dann schwieg er ganz, und nun wurde es so still, daß man vermeinte, das Gleiten des Abendgoldes zu hören, wie es über die Berge rutschte und alle Helle des Himmels und der Erde mit sich nahm. Hier und da hing noch ein schimmernder Fetzen, aber auch der verblaßte, verschwand, und plötzlich lag das ganze Land dunkel, mit reckenhaften Gebilden dräuend ringsherum. Da zog Hugo von Rotenau den Blick von den fernen Bergen und wandte sich Maria zu. Sie hatte die Finger zusammengepreßt, und ihre Zähne schlugen leise aufeinander. Da erschrak er und sagte im Tone aufrichtigster Sorge: »Sind Sie krank, Maria?«
Zum erstenmal nannte er ihren Namen, und sie zuckte zusammen wie unter einem Schmerz. Dann bekämpfte sie ihre Erregung und wehrte seiner Angst:
»Es ist nichts ... nein, wirklich nichts. Aber ich glaube, wir verspäten uns.«
Er drehte sich sofort um, und schweigend legten sie den Weg zurück, den sie gekommen waren. Hugo von Rotenaus Gedanken hatten sich verstrickt, verfangen in den Seidenfäden, in den Seidenfalten fraulicher Gewänder, und Maria dachte. Dachte an junge Tauben, deren Flügel in der Sonne schimmern, dachte an eine Einsamkeit ohne Worte, ohne Ende.
In der Nähe des Klausenhofes trennten sie sich, und diesen Abend verbeugte er sich vor ihr, als ob sie eine feine Dame wäre.