Beim Tor sah sie Stephan, und sie senkte ihren Kopf, als sie ihn sah, weil sie meinte, er müsse ihren Schmerz und ihre Schande sehen. Aber Stephan sah nichts davon. Stephan sah, wo er ging und stand, ein vornehmes Mädchen im langen, weißen Kleide, sah, wie es auf einer Lärchenwiese, die schlanke Hand zum Gruß erhoben, ein tiefes Leuchten in den Augen, einen schönen Frieden auf den Zügen, gleich einer fernen, huschenden Sonne, im tropfenden Grün verschwand.
Zwölftes Kapitel
Nach den neuen, großen Gefühlen, die Stephan und Maria seit Beginn des Sommers beherrschten, war die alte Liebe zueinander doch zu tief eingewurzelt, als daß sie tiefinnerst nicht gemerkt hätten, wie sie sich immer mehr und mehr entfremdeten.
Früher waren sie beinahe beständig beisammen. Sie arbeiteten gemeinsam, sie erholten sich gemeinsam. Wenn Stephan etwas unternehmen wollte, besprach er sich zuerst mit Maria und dann erst mit der Mutter. Mit Maria, und mit ihr allein, redete er auch manchmal über die Bücher und über seinen alten Jugendtraum, Gelehrter zu werden. Nun war das alles anders geworden.
Mit einem leisen Lächeln um die Lippen, als ob sie beständig ein gemeinsames Geheimnis trügen, hatten sie sich früher bei jeder Begegnung angeschaut. Jetzt gingen sie aneinander vorbei mit bleichen, ernsten Gesichtern, und wenn sich zufällig ihre Blicke trafen, starrten sie sich an wie Fremde, erinnerten sich dann, daß sie Geschwister waren, sich einmal so lieb gehabt hatten, schämten sich in hilfloser Qual über ihre Abtrünnigkeit und fingen in einer ungeschickten, holprigen Art über fernliegende Dinge zu reden an. Aber dabei dachten sie jedesmal:
»Es kann doch nicht immer so bleiben? Nein, es wird doch nicht immer so bleiben! Das wäre ja ärger, als alles sagen ... Nein, alles sagen, wäre noch ärger.« Und sie blieben auf halbem Wege zueinander stehen, voll Scham, voll Scheu, voll Mißtrauen, ängstlich wie Diebe und suchten mit Blicken und dringenden Gedanken zu ergründen, wieviel einer von dem andern wußte. Solange die Arbeit draußen dauerte, ging es noch. Da sahen sie sich nur ein paarmal des Tages, und dann auch nur flüchtig, in drängender Hast. Gott sei Dank! es gab soviel zu tun.
»Du weißt schon, Maria, ich muß gleich wieder weg.«
»Ja ... freilich, ja ...«
Und sie schluckten das Essen hinunter, hasteten gleich darauf nach verschiedenen Richtungen auseinander, und höchstens die Mutter klagte, daß Stephan jetzt nie mehr zu Hause sei ...
Als aber die Tage kürzer wurden und die langen Abende kamen, die langen Abende mit dem knisternden Feuer und dem surrenden Rocken ... dieselben Abende, die vor einem Sommer soviel heimliches Glück in Marias Seele schütteten, kein Glück wie es der Sommer brachte, nachlässig hingeworfen von eines Fremden weißer Hand, sondern ein Glück voll zager Hingabe, ebenbürtig ihrem schlichten Stand und Namen, wurde der Zustand unerträglich. Immer unerträglicher. Und zu dem schrecklichen Verschweigen, dem schrecklichen Verbergen, kam eine Sehnsucht, fremd und überwältigend, herrisch und unabweisbar, daß jeder Tropfen Blut in ihren Adern metallen aneinanderklang und jede Faser ihren Körper spannte in halbverstandenem Begehr. Stephan setzte dagegen zähneknirschend einen jahrhundertealten Bauerntrotz, und Maria flüchtete ohnmächtig, schamerfüllt zu ihrer Namensmutter, der Jungfrau unbefleckt.